Digitalisierung deutscher Bibliotheken: Öffentliche Konkurrenz für Google

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will für die Digitalisierung der Bestände wissenschaftlicher Bibliotheken 10 bis 20 Millionen Euro jährlich ausgeben. Ziel: Bücher in besserer Qualität digitalisieren als Google.

Anfang März hatte das Internetunternehmen Google angekündigt, rund eine Million Bände der Bayerischen Staatsbibliothek zu digitalisieren und ins Internet zu stellen. Doch nicht nur Firmen wie Google können sich solche kostspieligen Projekte leisten. Schon seit Jahren sind deutsche Universitäten fleißig dabei, ihre Bücherschätze digital zu archivieren und ins Internet zu stellen. Sie haben dabei Qualitätsstandards geschaffen, an denen sich auch Google messen lassen muss.

Bibliothek der Freien Universität Berlin: Einmal digitalisiert, sollen die Buchbestände im Internet abrufbar sein
DDP

Bibliothek der Freien Universität Berlin: Einmal digitalisiert, sollen die Buchbestände im Internet abrufbar sein

So fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits seit 1997 die Digitalisierung von Büchern. Damals existierte Google noch gar nicht. Bis 2006 gab die DFG rund 25 Millionen Euro für solche Projekte aus und finanzierte beispielsweise auch die digitale Ausgabe des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm. "Das war jedoch nur die Experimentalphase", sagt Jürgen Bunzel, bei der DFG in Bonn zuständig für Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme.

Für die kommenden Jahre seien weit höhere Ausgaben geplant. So soll die Digitalisierung von Büchern ab 2008 jährlich mit rund 10 bis 20 Millionen Euro gefördert werden.

So viel Geld wird selbst Google für die Kooperation mit der Bayerischen Staatsbibliothek wohl nicht in die Hand nehmen. Zwar will das Unternehmen auf Anfrage keine Zahlen nennen, in Medienberichten war jedoch von Kosten in Höhe von 40 Euro für ein Standardbuch mit 300 Seiten die Rede, was eine rechnerische Gesamtsumme von 40 Millionen Euro auf fünf Jahre ausmachen würde.

Google digitalisiert günstig, Universitäten aufwändig

Damit wird deutlich, dass Google tatsächlich nur die günstigste Form der Digitalisierung betreibt. Zum Vergleich: eine aufwändige Digitalisierung, bei der der gesamte Text doppelt eingetippt und kontrolliert wird, kostet nach Angaben der Universität Trier rund 50 Cent pro 1000 Zeichen. Dort wurden in Kooperation mit China vor einigen Jahren für rund 170 000 Euro die 32 Bände des Grimmschen Wörterbuchs buchstabengetreu eingegeben. Für dieses Geld wird Google rund 4000 Bücher digitalisieren können.

Nach Angaben von Google-Pressesprecher Stefan Keuchel werden die Bücher der Staatsbibliothek in einer Art Scan-Straße in Bayern abfotografiert. Die digitalen Fotos werden anschließend mit einem Texterkennungsprogramm bearbeitet, das mehr oder weniger gut die einzelnen Buchstaben und Wörter erfasst - ein sehr günstiges Verfahren, dass später keine sonderlich zuverlässige Volltextsuche erlauben dürfte. Kritiker sprechen daher von einer McDonald's-Digitalisierung.

DFG: ein "interessanter Beitrag" Googles

Dennoch steht die DFG dem Projekt durchaus positiv gegenüber. "Wir sehen hier einen interessanten Beitrag, den man nicht gleich diskreditieren sollte", sagt Bunzel, wobei sich die DFG ihre Qualitätsstandards dadurch nicht kompromittieren lassen wolle. Das habe auch der Chef der Bayerischen Staatsbibliothek, Ralf Griebel, versichert.

Auf Qualität bei der Digitalisierung setzt auch die Universitätsbibliothek Heidelberg. Dort wurde in den vergangenen fünf Jahren für rund 130 000 Euro eine aus Drittmitteln finanzierte Digitalisierungswerkstatt aufgebaut. Mit den Schätzen, die damit eingescannt werden, kann die Google-Büchersuche nicht mithalten: Zu der in Heidelberg aufbewahrten Bibliotheca Palatina gehören einmalige Werke aus dem 14. Jahrhundert wie die Manessische Liederhandschrift oder der Heidelberger Sachsenspiegel. Die Bibliothek geht bei ihrer Auswahl sehr selektiv vor und digitalisiert neben den Handschriften vor allem großformatige Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die nicht ausgeliehen werden können.

Universitäten und Google kooperieren

Doch trotz dieser unterschiedlichen Herangehensweise ignorieren die Bibliotheken die Google-Buchsuche nicht. Es werde Absprachen mit Google und der Bayerischen Staatsbibliothek geben, um Bestände nicht doppelt zu digitalisieren, sagt Bunzel. Denn auch die DFG komme über kurz oder lang um eine Massendigitalisierung nicht herum. So sei geplant, verschiedene Sondersammelgebiete deutscher Bibliotheken digital zur Verfügung zu stellen. Dabei wolle man auch mit Verlagen kooperieren, um urheberrechtlich geschützte Werke einzubeziehen.

Ohnehin sind die bislang realisierten Projekte auf Google angewiesen. Denn eine zentrale Seite, über die sämtliche Projekte zugänglich sein sollen, befindet sich erst im Aufbau. Über das Zentrale Verzeichnis digitaler Bücher sollen später auch die Bücher der Bayerischen Staatsbibliothek zur Verfügung stehen.

Friedhelm Greis/ddp

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.