Digitalisierungspaktakt: Google saugt sich die Gutenberg-Galaxis
Sieben Millionen digitalisierte Bücher vermarktet Google nun legal - als Buch-Flatrate für US-Unis und als Werbeumfeld für US-Bürger. Deutsche Surfer müssen erst mal draußen bleiben. Doch der Digitalisierungspakt könnte eine Blaupause für vergleichbare Abkommen in Europa sein.
Früher mal galt Google als Suchmaschine, als neutraler Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage bei Informationen. Wie radikal sich diese Rolle und das Geschäftsmodell von Google gerade wandeln, illustriert der Digitalisierungspakt des US-Konzerns mit Verlagen und Autoren in den Vereinigten Staaten: Google vermarktet im Web exklusiv Digitalversionen sämtlicher Bücher, die bis zum Oktober dieses Jahres veröffentlicht wurden.
Google hebt den analogen Schatz von sieben Millionen lange Zeit größtenteils nur in Bibliotheken verfügbaren Büchern und vertreibt ihn online. Der Informationsmittler wird nun selbst zum Anbieter.
Für deutsche Surfer hat der Digitalisierungspakt erst einmal keine direkten Folgen - sie können auch nach dem Abschluss auf diese Bestände nicht online zugreifen. Google-Manager Alexander MacGillivray bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass Google "mit diversen Technologien" sicherstellen werde, dass Nutzer außerhalb der Vereinigten Staaten nicht auf das Material zugreifen können.
Direkt betroffen sind in Deutschland von dieser Einigung derzeit nur Verfasser von Büchern, die in den Vereinigten Staaten als Übersetzungen verkauft werden. Sie haben - je nach Autorenvertrag - ein Recht, an den Einnahmen beteiligt zu werden, die Google womöglich mit den Übersetzungen ihrer Werke erzielt.
Am 19. April konnte man Google-Aktien an der Technologiebörse Nasdaq erstmals kaufen. Eine Aktie kostete 85 Dollar. Heute ist sie knapp fünfmal so viel wert. Mit dem vielen neuen Geld stieß Google noch im gleichen Jahr verschiedene Projekte an - unter anderem Google Print: Mit den Universitäten Harvard, Stanford, University of Michigan, University of Oxford und der New York Public Library kam man überein, Bücher zu scannen, zu digitalisieren und online durchsuchbar zu machen. Im darauffolgenden Jahr wurde Google Print in "Book Search" umbenannt. Inzwischen sind zahlreiche andere Bibliotheken mit im Boot - auch deutsche.
Die Geschäfte liefen auch 2005 hervorragend für Google - so gut, dass man eine Partnerschaft mit dem strauchelnden Online-Dinosaurier AOL verkünden und eine Millarde Dollar in das Unternehmen investieren konnte.
Der prominenteste Ankauf des Jahres war jedoch YouTube: Google zahlte 1,65 Milliarden Dollar für die Videoplattform und holte sich so Konkurrenz zum eigenen, eben erst gestarteten Videoangebot ins Haus. Zudem wurde eine Werbe- und Suchpartnerschaft mit dem eben von Rupert Murdoch aufgekauften MySpace verkündet: Google stieg endlich ernsthaft ins Geschäft mit dem Web 2.0 ein.
Parallel verlor Google in den Augen vieler Nutzer seine Unschuld: mit dem Start einer eigenen Suchmaschine für China, die sich den Zensurwünschen der dortigen Regierung beugt. Eine Tibet-Unterstützergruppe rief eine Initiative namens "No love 4 Google" ins Leben - und fasste damit einen globalen Meinungsumschwung zusammen. Der Engelsglanz des vermeintlich anderen, besseren Unternehmens, den Google lange hatte aufrechterhalten können, schwand nach und nach.
Ende 2006 hat Google mehr als 10.600 Angestellte.
Vor allem aber ging Google 2007 auf Einkaufstour - in seinem Kerngeschäftsbereich, der Online-Werbung. Zunächst wurde Adscape, ein Spezialist für Werbung in Computerspielen, aufgekauft, dann DoubleClick. Über drei Milliarden Dollar ließ man sich den Online-Anzeigenvermarkter kosten - und eine Menge Ärger. Erst im März 2008 segnete die EU-Kommission den Kauf ab. Datenschützer sehen Google seit der DoubleClick-Akquisition noch kritischer, denn das Unternehmen ist nicht zuletzt darauf spezialisiert, möglichst gründlich Nutzerdaten zu sammeln, um personalisierte Werbung servieren zu können.
Außerdem schickte Google 2007 seine Foto-Autos los: Für die Maps-Erweiterung Streetview fuhren die Kamera-Mobile zunächst durch US-Großstädte - im Jahr 2008 sind sie auch in Deutschland unterwegs.
Außerdem beginnt Google verstärkt, Fühler in Richtung der alten Medienwelt auszustrecken - es gibt Testläufe für Werbevermarktung im Radio, in Print-Publikationen und im traditionellen Fernsehen.
Schon seit Jahren hatte Google verschiedene seiner Dienste in speziellen Handy-kompatiblen Versionen angeboten - Ende 2007 kam dann der ganz große Schritt in die mobile Welt: Das Handy-Betriebssystem Android wurde angekündigt, ein Open-Source-Projekt in Zusammenarbeit mit vielen Telekommunikationsanbietern und Handy-Herstellern.
Ein weiteres Open-Source-Projekt soll Google den Zugriff auf das Vermarktungspotential der Social Networks erleichtern: Die Plattform OpenSocial soll Netzwerkapplikationen transportabel machen, so dass sie bei MySpace genauso laufen können wie bei Xing. Die meisten der großen Communitys sind OpenSocial beigetreten - bis auf Facebook.
Gleichzeitig wächst die Kritik am Suchmaschinengiganten. Die immer neuen Projekte scheinen vielen Nutzern und Datenschützern inzwischen Ausdruck eines gewaltigen Datenhungers - sowohl auf persönliche Informationen über die Nutzer als auch auf nahezu jede beliebige Art von Information, die dem gewaltigen Weltarchiv Google einverleibt werden könnte. Der Google Leitspruch "Don't be evil" hat für manche inzwischen einen hohlen Klang, und die Missionserklärung, man wolle "alle Information der Welt organisieren", klingt zuweilen eher wie eine Drohung.
Mittelbar dürfte die US-Einigung aber ein Vorbild für ähnliche Abkommen mit Verlagen auch in Deutschland sein. Google hat offensichtlich ein Interesse daran, so viele nicht-digitale Inhalte wie möglich zu digitalisieren und online verfügbar zu machen. Denn Google verdient Geld mit der Werbung im Kontext solcher Angebote. Und je mehr Zeit Menschen online verbringen, umso stärker wächst das Publikum für solche Anzeigen.
Deshalb will Google so viele Inhalte wie möglich im Web verfügbar machen - idealerweise selbst. Bei Landkarten, Fotos von Straßenzügen, E-Mails und Videoclips klappt das schon ganz gut. Nun ist Google über Nacht in den USA zur zentralen Büchervermarktungsagentur geworden.
Wie dabei ein Abkommen mit den Rechteinhabern möglich ist und wie es aussehen kann, zeigt der nun geschlossene Digitalisierungspakt:
- Google finanziert mit 34,5 Millionen Dollar die Einrichtung einer Registrierungsstelle, die einerseits die Verwendung von Material mit den Rechteinhabern bei Verlagen und Autoren zentral abstimmen und andererseits die Einnahmen verteilen soll.
- Google führt 63 Prozent aller mit den digitalisierten Büchern erzielten Einnahmen an diese Registrierungsstelle ab.
- Digitalisierte Fassungen antiquarischer Bücher darf Google kostenlos mit Umfeldwerbung online anbieten.
- Bei noch erhältlichen Büchern entscheiden Verlage und Autoren, ob Google die Werke verkaufen, werbefinanziert und kostenfrei online anbieten oder gar nicht digitalisiert anzeigen darf.
- Der Digitalisierungspakt umfasst nicht das Recht, Downloads anzubieten. Google wird - falls die Autoren und Verlage das wünschen - die digitalisierten Bücher verkaufen, aber ausschließlich zur Online-Nutzung. Ein weiteres Abkommen über Downloads sei natürlich denkbar, sagte ein Google-Vertreter bei einer Telefonkonferenz zum Thema.
- Universitäten und Behörden werden ein Flatrate-Abo für alle bei Google verfügbaren Digitalfassungen von Büchern abschließen können, öffentliche Bibliotheken sollen kostenlose Zugänge erhalten.
Ein Drittel aller in Zukunft erzielten Einnahmen als Gegenleistung für die einmalige Digitalisierung und das Hosting der gedruckten Kulturgeschichte - ein gutes Geschäft für Google.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Mittwoch, 29.10.2008 – 15:50 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT NETZWELT
-
Best of Web
Netz-Fundstücke: Was Sie im Internet unbedingt sehen müssen -
Silberscheiben
Das lohnt sich: Die besten CD- und DVD-Schnäppchen -
Bilderwelten
Bessere Fotos: So holen Sie ganz einfach mehr aus Ihren Bildern raus -
Angefasst
Gadget-Check: Handys und anderes Spielzeug in Matthias Kremps Praxistest -
Angespielt
Game-Tipps: Spiele für Computer und Konsole im SPIEGEL-ONLINE-Test