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Ukrainischer Hacker: Warum das FBI Darth Vader sprechen möchte

Von André Eichhofer, Kiew

Darth Vader in Kiew: Ominöse Internetpartei Zur Großansicht
AP

Darth Vader in Kiew: Ominöse Internetpartei

Ein weltweit gesuchter Hacker leitet in der Ukraine eine politische Partei. Im Darth-Vader-Kostüm sorgt er für Aufsehen und ruft zum Cyber-Krieg auf. Politiker schützen den Kriminellen vor Strafverfolgung - zum Ärger von FBI und Secret Service.

"Heute schlägt das Imperium zurück", ruft der Mann mit dem schwarzen Helm, dem Umhang und der Maske. Verkleidet als Darth Vader, der Bösewicht aus "Star Wars", marschiert er über den Boulevard Kreschtschatik in Kiew. Ihm folgt seine "Sturmtruppe" - zehn Männer in weißen Stormtrooper-Plastikuniformen. Wo die Meute auftaucht, gibt es Krawall: Der dunkle Jedi-Ritter stürmt in Ministerien und ärgert Politiker, stets umringt von Kameraleuten und Fotografen.

In dem Kostüm steckt höchstwahrscheinlich ein weltweit gesuchter Internetverbrecher: Dmitri Iwanowitsch Golubow. Der betrieb laut dem FBI einst im Netz den "ausgeklügeltsten Marktplatz für Finanzkriminalität der Welt". Von Politikern geschützt, leitet er heute in der Ukraine eine ominöse Internetpartei, legt Regierungswebseiten lahm und droht mit Cyber-Krieg.

Ende der neunziger hackte sich Golubow in Banken-Netzwerke, stahl Kreditkartennummern, PIN-Codes und Kontenzugänge. Die Daten soll er auf seiner Webseite Carder Planet verkauft haben, die er unter dem Pseudonym "script" verwaltete. Über 7000 Kartenbetrüger, im Hackerjargon Carder genannt, sollen sich US-Ermittlern zufolge auf der Plattform bedient haben. Mit den gestohlenen Nummern gingen sie im Internet einkaufen, knackten Bankkonten oder stellten mit Kopiergeräten falsche Kreditkarten her. Der von Carder Planet angerichtete Schaden lässt sich kaum beziffern. Wladislaw Horohonin, ein am Netzwerk beteiligter russischer Hacker, soll mit nur einer gefälschten Kreditkarte an einem Tag in Moskau 126.000 Dollar abgehoben haben, wirft ihm die US-Bundespolizei vor.

Darth Vader und Golubow haben dieselbe Handy-Nummer

Jahrelang fahndeten FBI, Secret Service und United States Postal Investigation Service nach Golubow. Auf einem Foto posiert der Hacker mit Schiebermütze, Lederjacke und Pistole. Die Ganovenkluft hat der inzwischen 30-Jährige nun gegen Helm und Umhang eingetauscht. Zwar will er die Identität des Mannes im Darth-Vader-Kostüm geheimhalten, doch stimmt seine Handy-Nummer mit der des Aktivisten überein.

Golubow sitzt im Café Miami in Kiew, spielt mit seinem iPad und plaudert über die Internetpartei, die er seit 2007 leitet. Die fordert kostenlosen Internetzugang für alle, Gratis-Laptops für Kinder ab zehn Jahren und die "Technisierung des gesamten Landes".

Doch die Partei ist nicht so harmlos wie es scheint: Vor einem Jahr machte die ukrainische Justiz die Webseite ex.ua dicht, eine Plattform für raubkopierte Musik, Filme und Software. Nachdem die Polizei 200 Server mit sechs Petabyte Daten beschlagnahmt hatte, ging ein Aufschrei durch das Land. "Die Ukrainer sind arm und können für Musik und Filme nicht zahlen", erklärt Golubow. Aus Solidarität mit dem Volk habe die Internetpartei "ihre Hacker" mobilisiert und mit DDoS-Attacken Webseiten der ukrainischen Regierung lahmgelegt. Bei solchen Angriffen rufen Hunderttausende, über Viren ferngesteuerte und zu einem Botnet verbundene Computer gleichzeitig eine Internetseite auf, bis deren Server zusammenbricht. "Wir sind absolut gegen Urheberschutz", rechtfertigt Golubow die Aktion.

Ukraine gilt als Zentrum für Cyber-Kriminalität

Die Internationale Allianz für Geistiges Eigentum, eine Dachorganisation amerikanischer Wirtschaftslobbyverbände, bezeichnet die Ukraine vor Russland und China als "größten Software-Piraten der Welt". Zudem sei die Ex-Sowjetrepublik ein Zentrum für Cyber-Kriminalität, sagt Brian Krebs, ehemaliger Journalist der "Washington Post" und Betreiber des Blogs krebsonsecurity.com. "In der Ukraine operieren nicht nur viele kriminelle Netzwerke, auch die durch Cyber-Attacken erbeuteten Dollar fließen dorthin", erläutert Krebs.

Ukrainische Hacker sollen hinter den Angriffen auf die Server von Apple und Facebook Anfang dieses Jahres stehen, berichtete Bloomberg im Frühjahr. Im März flog in Kiew ein Hackerring auf, der mehr als 250 Millionen Dollar von ausländischen Bankkonten abgezweigt haben soll. Ukrainische Hacker waren laut FBI an dem Raubzug mit dem "Zeus Trojaner" beteiligt, bei dem 2010 rund 70 Millionen Dollar gestohlen wurden.

Amerikanische und europäische Ermittler kommen nur schwer an die Kriminellen heran. Die ukrainische Justiz ließ die im März verhafteten Hacker auf Kaution wieder frei oder stellte sie unter Hausarrest. Gesetze gegen Internetkriminalität existieren kaum, ukrainische Richter stehen im Ruf, korrupt zu sein.

Hacker wie Dmitri Golubow können sich leicht freikaufen. Er habe mit Carder Planet Millionen verdient, sagt er. Zwar wurde Golubow 2005 in Odessa verhaftet, jedoch nach sechs Monaten U-Haft wieder entlassen. Zwei Abgeordnete hatten den Richter "überzeugt", die Anklage fallen zu lassen. Vier Jahre später sprach ein Gericht in Kiew Golubow frei. "Solange Korruption in Russland und der Ukraine so verwurzelt ist, werden sich Kriminelle immer freikaufen können", sagt Brian Krebs. Sollte Golubow in die USA einreisen, fügt Krebs hinzu, würde er sicher verhaftet werden.

Golubow träumt von Hackerschulen im ganzen Land

Der Mann im Kostüm sei nur eine Marionette, seine Internetpartei nur Fassade, glaubt dagegen Maxim Sawanjewski, Experte für IT-Sicherheit und Betreiber des Blogs watcher.com.ua. Hinter der Figur stünden Geschäftsleute, die mit der Partei Geld verdienen wollten, vermutet er. Der Sitz in Kommissionen zur Vergabe von Staatsaufträgen biete Parteien "eine gute Gelegenheit, Schmiergeld zu kassieren". An Wahlen teilnehmen kann die Internetpartei derzeit nicht. Der Justizminister entzog ihr Anfang dieses Jahres den politischen Status, weil die Organisation angeblich keine Büros besitzt.

Golubow schmiedet dennoch große Pläne: Wenn die Internetpartei an der Macht wäre, schwärmt er, würde er im ganzen Land Hackerschulen gründen und eine Cyber-Armee aufstellen. "Wir haben talentierte Menschen in der Ukraine, das müssen wir nutzen." Die Hackerbataillone sollten spionieren oder "feindliche Staaten" angreifen - so wie Estland im April 2007. Aus Rache für die Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn legten Hacker damals das gesamte Internet der Baltenrepublik lahm. "Sowas können wir auch", warnt Golubow.

Laut ukrainischen Zeitungsberichten bestreite Golubow, der vom FBI gesuchte "script" zu sein. Er sei Opfer einer Verschwörung - der wahre Administrator von Carder Planet habe seine Identität gestohlen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte er allerdings etwas anderes: "Ich war script", gibt Golubow schließlich zu.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Jedi?
timb3333 14.06.2013
Darth Vader selbst war zu keiner Zeit und niemals ein "Jedi Ritter".
2. optional
andreasoberholz 14.06.2013
Script lebt sicher gefährlich.... und man kann schnell mal einen Autounfall oder was ähnliches haben... sich mit dem FBI anlegen ist keine gute Idee.....
3. Jedi
derbochumerjunge 14.06.2013
Zitat von timb3333Darth Vader selbst war zu keiner Zeit und niemals ein "Jedi Ritter".
Stimmt, zuviel Zorn in ihm steckte.
4. Darf Vader
RainbowDash 14.06.2013
ist kein Jedi-Ritter
5. nur mal so
vipix 14.06.2013
das muesste mit PRISM doch leicht sein
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