Türkischer Online-Protest #direnkahkaha Wer zuletzt lacht

Unter dem Hashtag #direnkahkaha überschwemmen lachende Türkinnen mit ihren Bildern das Netz. Der fröhliche Protest hat einen ernsten Hintergrund: Der türkische Vizepremier hatte Frauen aufgefordert, bitteschön weniger zu lachen.

Von Katrin Gottschalk

Getwittertes Foto von Emine Erdogan: Auch die Frau des Premiers lacht

Getwittertes Foto von Emine Erdogan: Auch die Frau des Premiers lacht


Der Zeitpunkt ist nicht der Beste: Ab Donnerstag können Deutsche mit türkischer Staatsbürgerschaft ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl in der Türkei abgeben - zum Beispiel im Berliner Olympiastadion. Es geht um nicht weniger, als dass Recep Tayyip Erdogan im Anschluss an seine Amtszeit als Premierminister Staatsoberhaupt wird. Dumm nur, dass Erdogans Partei AKP gerade mal wieder für eine Protestwelle im Netz sorgt.

Am Montag verkündete der stellvertretende türkische Premierminister Bülent Arinc in einer Rede zu den Feierlichkeiten zum Ende des Ramadan, Frauen sollten doch bitte weniger lachen in der Öffentlichkeit. Denn: Das sei nicht keusch und Keuschheit wiederum sei "die Zierde einer Frau". Auch nicht schön sei übrigens "stundenlanges" Telefonieren von Frauen in der Öffentlichkeit.

Und was machen diese lauten, mitteilsamen türkischen Frauen? Sie starten die Hashtags #kahkaha (Lachen) und #direnkahkaha (Widerstand, Lachen), mit denen sie das Netz mit Bildern von sich überschwemmen, auf denen sie lachen. Instagram, Facebook, Twitter - überall lachende Gesichter.

Selbst Femen, die normalerweise für ihre wütenden Augen und weit aufgerissene Münder bekannt sind, zeigen sich lachend auf ihrer Facebook-Seite - natürlich noch immer oben ohne. Ein besonders beliebtes Motiv ist Erdogans Frau Emine auf offiziellen Veranstaltungen - lachend.

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Fast könnte einem Bülent Arinc schon leid tun, der mittlerweile reichlich dümmlich und gestrig dasteht. Andererseits ist die aktuelle türkische Regierung ganz und gar keine Lachnummer. Im Gegenteil.

Ein bisschen verschleiern die fröhlichen Bilder den bitteren Ernst, der hinter der Aussage des Politikers steckt: Frauen, die übermäßig lachen und laut durch die Gegend telefonieren, benehmen sich nicht keusch. Und wenn sie sich nicht keusch verhalten, so lässt sich dieser Gedanke weiter drehen, müssen sie sich auch nicht wundern, wenn andere sie nicht als ehrenhafte Frauen behandeln.

Um es knapp zu machen: Aussagen wie die von Arinc sind Teil einer Kultur, die es indirekt entschuldigt, wenn "unsittliche" Frauen eben auch unsittlich behandelt werden. Nach dem Motto: Wenn eine Frau einen Minirock trägt, sei sie auch selbst schuld, wenn sie auf der Straße sexuell belästigt wird.

Wenn im Netz jetzt immer mehr Bilder von lachenden Frauen auftauchen, ist das also nicht nur lustig, sondern steht auch in einer feministischen Tradition: der Forderung nach dem Recht auf den eigenen Körper. Mein Körper gehört mir - mein Lachen gehört mir.

In einem Land wie der Türkei, das eine sehr lebendige feministische Szene hat und wo Frauen gerade dabei sind, eine feministische Partei zu gründen, muss so ein "Lachverbot" also geradezu zum Witz werden.

Erdogans Gegenkandidat bei der Präsidentschaftswahl hat die Chance gleich erkannt: Ekmeleddin Ihsanoglu solidarisierte sich über seine Twitter-Seite mit den lachenden Frauen: "Nichts brauchen wir so sehr wie das fröhliche Lachen von Frauen." Ob's hilft, und wer wirklich zuletzt lacht, werden wir erst nach dem 10. August wissen, wenn auch die übrige Türkei ihre Stimme für die Präsidentschaftswahlen abgegeben hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 31.07.2014
1.
Zitat von sysopUnter dem Hashtag #direnkahkaha überschwemmen lachende Türkinnen mit ihren Bildern das Netz. Der fröhliche Protest hat einen ernsten Hintergrund: Der türkische Vizepremier hatte Frauen aufgefordert, bitteschön weniger zu lachen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/direnkahkaha-tuerkische-frauen-lachen-fuer-die-freiheit-a-983796.html
Allein der Teil ist schin widerlich genug. Frauen werden nur über ihre Sexualität definiert: Sie haben gefälligst keine zu haben. Sie sie verheiratet sind. Dann gehört sie ihrem Mann. Glaube allerdings nicht, dass das ausreicht, damit Erdogan nicht mehr gewählt wird. Der hat sein Land fest im Griff - dafür hat er in den letzten Jahren ja Sorge getragen. Wenn sie den loswerden wollen, müssen sie schon seine kalte, starre Leiche aus dem Stuhl brechen. Was ich irgendwie weniger beunruhigend finden würde, wenn die EU mal die Eier hätte, dem Islamistischen Sultanat Erdoganien endlich und endgültig den Beitritt zu versagen.
jackterrier 31.07.2014
2. Wie kommentiert man Vorstellungen des Mittelalters?
Am besten gar nicht. Diese wunderbare Reaktion der türkischen Frauen zeigt aber deutlich, dass viele eben doch in der Neuzeit angekommen sind, Vorschriften von rückständigen Patriarchen missachten und die technischen Möglichkeiten gerne nutzen. Wahrscheinlich ist die AKP und deren Mannen mal wieder über das www. gar nicht glücklich :_)
flitzpane 31.07.2014
3. Richtig so!
Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Den fand ich auch gut, wenn auch etwas nachdenklicher: http://wp.me/p14g2B-uV
glen13 31.07.2014
4.
Zitat von sysopUnter dem Hashtag #direnkahkaha überschwemmen lachende Türkinnen mit ihren Bildern das Netz. Der fröhliche Protest hat einen ernsten Hintergrund: Der türkische Vizepremier hatte Frauen aufgefordert, bitteschön weniger zu lachen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/direnkahkaha-tuerkische-frauen-lachen-fuer-die-freiheit-a-983796.html
Bald wird Twitter und Co. in der Türkei wieder abgeschaltet. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sich totlachen.
istischari 31.07.2014
5.
Die AKP und Erdogan werden wohl mit sehr hoher Mehrheit, wenn nicht sogar mit absoluter Mehrheit wiedergewählt. Erdogans poitischer Kurs wird immer absolutistischer; sein Ziel ist letztlich ein islamischer Staat. Der glühende Hitlerverehrer demontiert die mühsam erkämpften wenigen demokratischen Rechte des Volkes immer mehr, indem er Demonstrationen (Gezi) niederknüppelt und Polizei-und Justiz gleichschaltet. Seine Untergebenen - wie hier sein Vize - machen nichts anderes, als künftige Entwicklungen auszuloten. Das "Lachverbot" von Frauen in der Öffentlichkeit hat einen sehr ernsten, weil religiösen Hintergrund. Der islamische Gottesstaat kennt nicht das Bild einer lachenden Frau in der Öffentlichkeit. Ich lasse mich aber auch gerne eines besseren belehren: man möge mir Photos zusenden von lachenden Frauen in der Öffentlichkeit aus Afghanistan, Pakistan; Katar, VAE, Saudi Arabien, etc. Das Tragische: Heute macht man sich noch quasi lustig über ein derartiges Ansinnen. Hat sich das Verbot jedoch ersteinmal manifestiert wird da keiner mehr nach krähen... traurig!
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