Von Stefan Schultz
Neil Clark Warren (72) will vor allem eins: Sie verkuppeln. Das macht er allerdings nur, wenn Sie emotional gesund sind. Und hetero. Gut wäre auch, wenn Sie bereit wären, zu heiraten. Wer diese Kriterien nicht erfüllt, wird vom globalen Online-Flirt eHarmony ausgeschlossen - einer riesengroßen Online-Dating-Börse, einem Goliath der Branche, der nach eigenen Angaben insgesamt 14 Millionen registrierte User miteinander verkuppelt.
Ihnen bleiben dann zwei Alternativen: Sie können sich eine andere Kontaktbörse suchen. Oder Sie fühlen sich so diskriminiert, dass Sie Warren verklagen.
Linda Carlson hat sich für Letzteres entschieden. Die lesbische Frau hatte den Dating-Service nach eigenen Angaben im Februar 2007 nutzen wollen. Das Unternehmen hatte ihr jedoch den Account gesperrt – der Frau zufolge wegen ihrer sexuellen Neigung. Carlson verklagte das Unternehmen daraufhin am vergangenen Donnerstag wegen Diskriminierung vor dem Kammergericht Los Angeles. Das Gericht nahm Linda Carlsons Klage an.
Die Klage ist ein Novum für eHarmony - und für Warren, seines Zeichens überzeugter Christ, Mitglied der einflussreichen Religionsgruppe "Focus on the Family" und Autor illustrer Bücher wie "Frosch oder Prinz? - Wie man den Prinzen findet, ohne viele Frösche zu küssen".
Sammelklage gegen eHarmony erwartet
Schwule und lesbische Aktivisten haben eHarmony schon lange auf dem Kieker. Carlsons Anwalt Todd Schneider erwartet nun eine Sammelklage. Viele fühlen sich diskriminiert, weil das Portal keine Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Partnersuche bietet.
Die Firma selbst dagegen behauptet, eine Suchfunktion für Homosexuelle fehle wegen mangelnder Grundlagen: Die meisten Nutzer seien heterosexuell - da gebe es für einen "Gleich sucht Gleich"-Service schlicht zu wenig Daten. Zum Carlson-Prozess, der durch viele US-Zeitungen ging, teilte das Unternehmen mit: "Nichts hält uns davon ab, zukünftig eine gleichgeschlechtliche Suchfunktion einzuführen."
Unter Bloggern provozierte dieses Statement vor allem Hohn. "Sie sagen nicht, dass sie einen solchen Service anbieten werden. Sie sagen nur, dass sie es könnten", ätzt ein Blogger auf AlterNet.
Medien kritisieren eHarmony schon länger - und beschränken sich dabei nicht auf dessen Anti-Homo-Politik. Denn auch heterosexuelle User haben die Community schon verklagt.
Laut Rivalen wurden mehr als eine Million User abgewiesen
Die Konkurrenz wirft eHarmony vor, inzwischen mehr als eine Million flirtwillige User abgewiesen zu haben - derlei Zahlen sind nicht zu verifizieren. Ein Mann wollte Berichten zufolge nach seiner Scheidung Mitglied bei eHarmony werden und wurde abgelehnt. Nach Auffassung von eHarmony sei er "technisch" noch an seine Frau gebunden. Auch dieser Mann klagte, verlor aber den Prozess und zahlt nun neben seiner Scheidung auch noch die Verfahrenskosten.
Andere Nutzer klagten ihr Leid keinem hohen Gericht, sondern lieber eHarmony persönlich. Per Mail und Blogposts beschwerten sie sich darüber, dass man ihnen die Mitgliedschaft verweigert, weil sie nach Ansicht der Seite zu klein für eine Partnervermittlung seien. Wer die Kritik dort liest, könnte den Eindruck bekommen, dass neben Homosexuellen und Geschiedenen offenbar unter anderem auch kleine Menschen als unchristlich eingestuft werden.
Man kann allerdings auch den Eindruck bekommen, dass sich viele US-Singles auf der Suche nach der großen Liebe lieber mit einer Dating-Börse streiten - als nach potentiellen Partnern Ausschau zu halten. Schon merkwürdig, zumal die politisch korrekte Konkurrenz nur einen Klick entfernt ist.
Pünktlich zum Carlson-Prozess startete ein Online-Dating-Service, der ausschließlich homosexuelle Partner vermittelt. Die Seite Chemistry.com bedient schon seit längerem alle Neigungen gleichermaßen - und führt auch eine Video-Kampagne gegen eHarmony (siehe oben). Slogan: "We say 'come as you are'." - "Komm, wie Du bist."
Mit Material von Reuters
Anmerkung der Redaktion: Wegen eines Übersetzungsfehlers stand in einer früheren Version dieses Artikels, das Gericht habe Linda Carlson bereits Recht gegeben. Tatsächlich wurde eHarmony nur verklagt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.
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