Diskussion um Tracking-Dienste: Datenschutzpanne beim Datenschützer

Die Datenschützer aus Hamburg sind als Wächter über die Privatsphäre der Bürger bekannt. Doch jetzt kommt eine peinliche Panne ans Licht: Ausgerechnet ihre Webpräsenz verstößt gegen die eigenen Anforderungen.

Datenschutz (Symbolbild): Welche Daten sammeln die Datenschützer? Zur Großansicht
DPA

Datenschutz (Symbolbild): Welche Daten sammeln die Datenschützer?

Berlin - Wenn es um Internetriesen wie Facebook oder Google geht, sind die Hamburger Datenschützer streng. Doch bei der Web-Präsenz der Aufsichtsbehörde selbst lag monatelang etwas im Argen: Dort kam ein Tracking-Dienst zum Einsatz, der die Nutzerinformationen nicht gesetzeskonform verarbeitet. Die Datenschützer betreiben den Service zwar nicht selbst, peinlich ist es trotzdem: Erst vor ein paar Tagen brach Behördenchef Johannes Caspar die Gespräche mit Google über dessen Analyse-Dienst Analytics ab - aus ähnlichen Gründen. Beide Fälle zeigen, dass die Datenschützer bei den Statistik-Diensten noch viel zu tun haben. Am Donnerstagabend zog die Behörde Konsequenzen und ließ die Website vorerst abschalten.

Caspar wurde das Problem am 10. Januar bekannt. Seit März 2010 habe man das Portal des Seiten-Betreibers überprüft und jetzt festgestellt, dass die eingesetzte Analyse-Software nicht den Vorgaben des Telemedienrechts entspreche. Die Adresse datenschutz-hamburg.de lief bisher über das Portal der Hansestadt, Hamburg.de. Mittlerweile wird auf die Adresse datenschutz.de umgeleitet.

"Über die technische Infrastruktur unserer Seite entscheiden daher nicht ich oder meine Mitarbeiter." Zuständig seien die Verantwortlichen des Unternehmens, kommentierte er einen Bericht des IT-Fachanwalts und Bloggers Thomas Stadler, der als erster über den Fall geschrieben hatte. Man verhandele als Aufsichtsbehörde sowohl mit Hamburg.de als auch mit dem Statistik-Dienstleister.

Was genau ist das Problem? Die Betreiber von Hamburg.de haben einen Dienstleister damit beauftragt, Statistiken über Besucher der Website zu erstellen. Solch eine Auslagerung ist ein gängiges Verfahren in der Branche, braucht es dafür doch viel technisches Know-how. In diesem Fall kommt der Dienst INFOnline zum Einsatz, der die Daten aggregiert und anonymisiert an die IVW weiterreicht.

Die IVW - kurz für Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern - ist eine wichtige Adresse in der Medienlandschaft. Als Gemeinschaftsunternehmen der Branche erhebt sie die Reichweite von Zeitungen, Magazinen und Online-Portalen und liefert Medienhäusern wichtige Daten fürs Werbegeschäft.

Drei Absätze über "Social Plugins"

An sich ist das unproblematisch. Doch der Dienst INFOnline erhebt nach Caspars Angaben die vollen IP-Adressen der Nutzer - also jener Zahlenfolge, die einen Computer im Internet eindeutig identifiziert und somit auch ermöglicht, ein Nutzerprofil anzulegen. Das verstößt gegen die Vorgaben des Düsseldorfer Kreises, eines informellen Zusammenschlusses der Datenschutzbeauftragten. Zum anderen bieten INFOnline und IVW keine Widerspruchsmöglichkeit an.

Dazu kommt, dass die Datenschutzerklärung auf Hamburg.de offenbar veraltet ist. Von IVW oder INFOnline ist dort nicht die Rede. Stattdessen widmen sich drei Absätze den "Social Plugins" von Facebook, mit der Website-Betreiber den "Gefällt mir"-Daumen des Online-Netzwerks einbinden können. Diesen Dienst warf Hamburg.de jedoch bereits im Juni 2010 raus - aus Datenschutzgründen.

Erstmal abwarten

Die Diskussion erinnert an den Streit um Google Analytics - der Dienst anonymisiere die IP-Adressen bestimmter Nutzer nicht, erklärte Johannes Caspar diese Woche und ließ Gespräche mit dem Unternehmen platzen. Der Datenschützer sieht trotzdem Unterschiede: "Anders als Google hat der Hersteller des auch auf hamburg.de zum Einsatz kommenden Tracking-Tools deutlich gemacht, die rechtlichen Vorgaben anzuerkennen und auch umzusetzen." Das soll bis Juli geschehen. "Es braucht einen gewissen Zeitraum zur Umstellung. Ich bin bereit, das abzuwarten", so Caspar.

Google Analytics und INFOnline sind keine Einzelfälle und weisen auf ein generelles Problem: Viele Tracking-Dienste im Netz halten sich derzeit nicht an die strengen Vorgaben der Datenschützer. Das hat auch eine Untersuchung der Düsseldorfer Datenschutz-Dienstleisters Xamit im vergangenen Jahr deutlich gemacht.

Die Verantwortung für die Datenerhebung tragen zwar nicht die Software-Hersteller, sondern die Website-Betreiber, beispielsweise Hamburg.de. Dennoch sieht Caspar die Anbieter der Tracking-Dienste in der Pflicht. "Ich hoffe, dass auch Google hinsichtlich der Software Analytics weiterhin daran arbeitet, die Vorgaben des Düsseldorfer Kreises umzusetzen", betonte er.

Anmerkung: Nach Veröffentlichung dieses Textes haben die Hamburger Datenschützer ihre Website offline genommen und eine Stellungnahme veröffentlicht. Der Text wurde um die entsprechende Informationen ergänzt.

Christof Kerkmann, dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Kometenhafte_Knalltüte 13.01.2011
nur eine von vielen Möglichkeiten: Firefox mit AdBlockPlus! Tracking-Probleme zu 99% gelöst. Wieso glaubt eigentlich jeder ohne Sachverstand beim Internet, dass die Anbieter derlei Datenverarbeitung in der Verantwortung sind? Bei Problemen in der realen Welt aber wird der Vorwurf dann der nutzenden Person gemacht, sie hätte sich halt vorher besser über das Thema informieren sollen ("naaa, schon Paybackpunkte gesammelt?" usw.)? Nur weil viele Menschen die Technik nicht verstehen (wollen), lagern wir einfach mal die Verantwortung auf das Gegenüber um? Mehr Verbote, mehr Anordnungen, mehr Gesetze, mehr Verwirrung, aber letztendlich nur gesteigerte Pseudosicherheit beim unbedarften Nutzer. Mehr Aufklärung, weniger Verbote(= weniger Gesetze) ! Aber diese Aussage kann man derzeit sowieso auf zuviele Themen antworten, ohne dass die Berufsbetroffenen und Vielschwätzer Einsicht zeigen würden.
2. Ghostery
action_papst 13.01.2011
Ich empfehle an dieser Stelle immer "Ghostery" ein Anti-Tracking-Tool, dass über 350 Tracker automatisiert blocken kann. Installation dauert
3. Firefox läßt die Tracker außen vor
peter.lucius 14.01.2011
Es ist immer wieder erstaunlich, wenn "Ghosterie" meldet, welche/wie viele Tracking-Dienste einem beim Besuch mancher Webseiten auf die Finger schauen wollen. Mit Firefox und einigen Erweiterungen kann man sich weitestgehend vor Tracking-Diensten (und vor Werbung schützen). Firefox - http://www.mozilla.com/de/firefox/ Adblock Plus - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/adblock-plus/ Element Hiding Helper für Adblock Plus - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/adblock-plus-element-hiding-he/ Adblock Plus Pop-up Addon - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/adblock-plus-pop-up-addon/ BetterPrivacy - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/betterprivacy/ Flashblock- https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/flashblock/ Ghostery -https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/ghostery/ NoScript - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/noscript/ Optimize Google - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/optimizegoogle/ Privacy+ - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/privacy/ RefControl - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/refcontrol/ Trackerblock - https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/trackerblock/
4. für die Knalltüte
carlob 14.01.2011
Ja, wenn man keine Ahnung hat .... dann weiß man auch nicht, das gemäß BDSG die Verantwortung der Daten immer beim Anbieter liegt. Und als Anbieter einer Website ist dieser unabhängig davon, wer diese betreibt, dafür verantwortlich welche Daten erhoben und verarbeitet werden. Und, Verantwortung für die Daten ist nicht delegierbar. Gebe ich das Betreiben einer Website an einen externen Dienstleister, so bin ich verpflichtet einen entsprechenden Vertrag zu machen, in welchem u.a. der Umgang mit den Daten beschrieben wird. Und wenn ich Trackingsoftware auf meiner Website einbinde, dann bin ich auch verpflichtet dies zu regeln und welche Daten hierbei anfallen dürfen. Ja, wenn man keine Ahnung hat ...
5. ...
faustjucken_tk 14.01.2011
Als ob es keine anderen Probleme auf dieser Welt gäbe! Die regen sich über die Innenlackierung des Aschenbechers auf, während der Tank schon brennt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Datenschutz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite

E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.