Hass im Netz Warum Menschen zu Gegnern werden

Nie zuvor wurde man mit so vielen Meinungen konfrontiert. Doch je länger man in sozialen Medien unterwegs ist, desto weniger ist man bereit, abweichende Meinungen auszuhalten. Das ist ein Problem.

Eine Kolumne von


Hate Speech und Netzpropaganda werden intensiv diskutiert, seit sich die Anzeichen mehren, dass Hass im Netz zu echter, physischer Gewalt führen kann. Der Bundesinnenminister besuchte soeben das Berliner Facebook-Büro, um technische und politische Konsequenzen zu besprechen.

Aber erst wenn man die oberste Schicht von Islamisten- und Nazihass im Netz zur Seite schiebt, lässt sich ein neues Problem der politischen Netzdebatte erkennen. Eines, das auch deshalb giftig wirkt, weil es schwer zu erkennen ist. Auch bei einem selbst. Gerade dort.

Anscheinend ist bei den Netzdebatten auf dem Weg in die digitale Gesellschaft etwas verloren gegangen - die Kunst, nur den halben Weg mitzugehen: jemandem nur zum Teil zuzustimmen und ihn trotzdem nicht als Gegner zu betrachten. Vielleicht ist sie auch gar nicht verschwunden, sondern wurde bloß früher seltener gebraucht, ihr Fehlen also kaum bemerkt. Denn das Internet, die sozialen Medien haben einen ständigen Konfrontationshagel verursacht.

Social-Media-Plattformen sind vermintes Gelände

Mit wie vielen persönlichen Meinungen war man 1996 täglich konfrontiert? Heute müssen es Dutzende und Aberdutzende sein, denn werbefinanzierte Social-Media-Plattformen sind gewissermaßen vermintes Gelände und schon zwecks Profilbildung Meinungsmelkmaschinen. Da ist so viel Meinung in den sozialen Medien, es würde für zwei, drei, viele Internette reichen.

Eigentlich gar nicht schlecht, weil man so endlich erfährt, dass der Ex-Arbeitskollege, den man noch nie leiden konnte, politische Haltungen herauströtet, die eine Distanzierung ohne Höflichkeitsscham ermöglichen. Aber genau darin liegt auch ein Teil des Problems.

Mit den sozialen Medien ist das Konzept der "Filterblase" groß geworden, also des ausgefilterten, digitalen, persönlichen Umfelds. Daraus ergibt sich die Frage, wie fein der Filter eingestellt werden kann oder soll. Und bis wohin er ausgedehnt wird. Die Meinungsmaschinerie der sozialen Medien aber ist ein essenzieller Teil der Öffentlichkeit geworden, von dort strahlen Debatten in die redaktionellen Medien, so wird Politik beeinflusst. Deshalb wirken die Mechanismen halbprivater Debatten auf die gesamte Gesellschaft.

Blogs, Facebook, Twitter setzen den Ton

Der Diskurs über die Flüchtlingssituation etwa wird, samt seiner extremistischen Ränder, in sozialen Medien vorangetrieben. Blogs, Facebook, Twitter setzen den Ton, redaktionelle Medien begleiten und analysieren, die Politik reagiert.

Und auf einmal hat sich das Problem des halben Weges ergeben: erbitterte Gefechte zwischen Leuten, die sich zum Großteil einig sind. Aber eben nicht vollständig. Man könnte das abtun als ein uraltes, politisches Problem insbesondere der Linken, exemplarisch vorgeführt in Monty Pythons "Leben des Brian", die Volksfront von Judäa gegen die Judäische Volksfront.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit, denn soziale Medien sind so konstruiert, dass sie die Beteiligung intensivieren, also Buzz erzeugen, einen Aufmerksamkeitswirbel. Und das wiederum funktioniert am besten durch Konfrontation, Facebook und Twitter leben deshalb vom Widerspruch, vom Aufeinanderprallen der Positionen.

Folge der Meinungskonfrontationen

Wahrscheinlich handelt es sich bei der verlorenen Kunst, nur den halben Weg mitzugehen, weder um eine echte Kunst, noch war sie je wirklich vorhanden - aber vielleicht muss genau diese Fähigkeit herausgebildet werden, um der Verlagerung des demokratischen Diskurses ins Internet Rechnung zu tragen.

Gruppen im Netz möchten sich von anderen abgrenzen: Zu einem einschließenden "wir" im Netz gehört ein ausschließendes "ihr". Und oft ist es verführerisch, eher auf diejenigen einzudreschen, die nur um ein paar Prozent abweichen. Weil sie erreichbar sind, anders als diejenigen, die völlig konträr unterwegs sind. In sozialen Medien gerinnt die Suche nach Gemeinsamkeit so immer stärker zur Abgrenzung.

Man kann das an sich selbst beobachten: Je länger man in sozialen Medien unterwegs ist, desto weniger ist man bereit, abweichende Meinungen auszuhalten ("man" hier im üblichen Sinn von "ich").

Verbalaggressoren können sich als Opfer fühlen

Eine Parallele eröffnet sich zu einer der wirkmächtigsten Gesellschaftserzählungen unserer Zeit: der Political Correctness. Es gibt glaubwürdige Einschätzungen, dass etwa der Aufstieg von Donald Trump eine Art Backlash ist gegen das Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt. Meist verbirgt sich dahinter eher der Umstand, nicht mehr unwidersprochen oder konsequenzenlos sagen zu können, was man denkt.

Auch das ist eine direkte Folge der Meinungskonfrontationen, die soziale Medien mit sich bringen und die es selbst Verbalaggressoren einfach macht, sich als Opfer zu fühlen: "Es fing damit an, dass mein Gegner zurückschlug."

Aber da ist noch eine Dimension. Ursprünglich war "Political Correctness" ein Kampfbegriff der Rechten, mit dem schlicht verbaler Anstand diskreditiert werden sollte, inzwischen hat sich die Bedeutung aufgespreizt. Die Debatte in den USA und zunehmend auch in Deutschland dreht sich um "Trigger Warnings" (also Warnungen vor potenziell belastenden Inhalten) und "Safe Spaces" (eine Art intellektueller Schutzräume).

Verschmelzung des privaten Umfelds mit der Öffentlichkeit

Beides sind Versuche, Konfrontationen zu vermeiden, nicht aushalten zu müssen, und sie lassen sich als Resultat der zunehmend vernetzten Gesellschaft und dem daraus folgenden, oben beschriebenen Konfrontationshagel betrachten.

Und hier offenbart sich die Fundamentalproblematik sowohl der Debatte um Political Correctness wie auch um die verlorene Kunst des halben Weges: Wir erleben in der digitalen Sphäre die Verschmelzung des privaten Umfelds mit der Öffentlichkeit. Ein Kampf herrscht darum, ab wo welche Regeln zu gelten haben.

Niemand kann gezwungen werden, in seinem unmittelbaren, privaten Umfeld irgendwelche Kommunikation "aushalten" zu müssen, klar, zu Hause möchte man nicht angeschnoddert werden. Aber wo endet in der digitalen Sphäre das "private Umfeld" und wo beginnt die Öffentlichkeit, in der Werte wie Meinungsfreiheit und Pluralismus untrennbar verbunden sind mit der Pflicht, auch unangenehme Kommunikation gelten lassen zu müssen und Konfrontation auszuhalten ist?

Ich wünschte, das wäre eine plumpe rhetorische Frage, deren Antwort selbstverständlich ist. Tatsächlich handelt es sich um eine der größten zivilgesellschaftlichen Debatten, die in den kommenden Jahren geführt werden müssen, nicht nur im Netz: Was muss die Gesellschaft aushalten? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage hilft es, wenn man lernt, nur den halben Weg mitzugehen.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
lupenreinerdemokrat 31.08.2016
1. Warum,
lieber Sascha, sollte es in den sozialen Medien anders zugehen, als in den Landesregierungen und in der Bundesregierung? "Anscheinend ist bei den Netzdebatten auf dem Weg in die digitale Gesellschaft etwas verlorengegangen - die Kunst, nur den halben Weg mitzugehen: jemandem nur zum Teil zuzustimmen und ihn trotzdem nicht als Gegner zu betrachten." Sehr schön formuliert und passt wie die Faust aufs Auge zum Gebaren unserer etablierten Blockparteien, die mit dem politischen Gegner ja durchaus teilweise Überschneidungen haben und Gemeinsamkeiten in den Ansichten und der Agenda, aber auf keinen Fall diesem zustimmen würden, da er ja der Gegner ist! Siehe unsere Einheitsblockpartein SPD/CDU in Bezug auf AfD, siehe die "Schweriner Erklärung". Bedarf es noch mehr Fakten, dass es nicht nur in den sozialen Medien so zugeht?
HaioForler 31.08.2016
2.
Warum sollte sich Facebook von der Deutschen Medienlandschaft unterscheiden ?
m.urstoeger1 31.08.2016
3.
So viel Selbstreflektion hätte ich dem unsäglich einseitigen Sascha Lobo gar nicht zugetraut.
nachfrager2015 31.08.2016
4. Genau
meine Devise war immer; höre dir die Argumente des Anderen an und überdenke deine eigenen Argumente. Und warum kann ich meinem "Gegner" nicht auch mal zustimmen, wenn seine Aussagen richtig sind, aber unsere Politiker machen es doch vor - in Talkshows werden oft den ganzen abend die selben Phrasen gedroschen ohne auf die Argumente des anderen einzugehen. Und bei vielen bildet sich nun - bist du nicht 100%ig für mich, bist du meine Gegener und der kann nichts gutes sagen - heraus. Streitkultur sollte ein Unterrichtsthema sein, genauso wie friedliches miteinander leben ;-)
hikage 31.08.2016
5. Sichtbarkeit
Ich denke die Problematik liegt vor allem begründet in der Öffentlichkeit, der man sich mit jeder Beteiligung aussetzt. Jedesmal, wenn man einer Person in einem Punkt zustimmt, die auch _andere_ kontroverse Punkte vertritt, besteht die Gefahr, dass dies von der Öffentlichkeit als Zustimmung zu den Meinungen der Person insgesamt wahrgenommen wird. Daher ist es oft vermeintlich sicherer, sich auf die Abgrenzung in den kontroversen Punkten zu konzentrieren, anstatt den gemeinsamen zuzustimmen. Dies ist - wie lupenreinerdemokrat ebenfalls angemerkt hat - ja zunehmend auch in der Politik zu beobachten, wobei ich die AfD hier als schlechtes Beispiel emfinde. Ein besseres Beispiel wäre mMn die komplette Verweigerung der SPD bezüglich Koalitionen, die ihrer nominellen politischen Ausrichtung entgegenkämen, nur um sich in einigen wenigen Punkten von der Linkspartei zu distanzieren.
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