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DNA-Forschung: Gene in der Google-Cloud

DNA-Strang: Online-Konzerne wollen bei der Erbgut-Forschung mitmischen Zur Großansicht
DPA

DNA-Strang: Online-Konzerne wollen bei der Erbgut-Forschung mitmischen

Wissenschaftler brauchen eine Menge Rechenleistung, um das Erbgut der Menschheit für medizinische Zwecke zu erforschen. Amazon und Google helfen dabei - nicht ohne Hintergedanken.

Die Onlinekonzerne verlagern ihren Konkurrenzkampf auf ein neues Schlachtfeld: Google und Amazon umwerben verstärkt die Forscher, die sich mit dem Erbgut der Menschheit befassen. Die Internetkonzerne bieten Speicherplatz und Rechenpower auf ihren Servern an, um beim Wettrennen um die Medizin der Zukunft ganz vorne mitzuspielen.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge setzen die Online-Anbieter immer mehr auf das Geschäft mit dem Genom, das im Jahr 2018 insgesamt eine Milliarde Euro wert sein könnte. Das geht aus Interviews hervor, die Reuters mit Forschern, Industrieberatern und Analysten geführt hat.

Dafür werben Google und Amazon intensiv um die Gunst der Mediziner, die in Zukunft die Menschen individuell behandeln wollen. Die Forscher wollen die Medikamente und die Dosierung an die jeweiligen DNA-Profile der Patienten anpassen. Doch um dieses Ziel zu erreichen, benötigen sie enorme Datenmengen und viel Rechenleistung. "Auf dem lokalen Universitätsserver könnte es Monate dauern, eine rechenintensive Analyse durchzuführen", sagt Gerald Schellenberg, der ein Alzheimer-Forschungsprojekt an der Universität von Pennsylvania leitet. Bei Amazon sei die Frage eher, wie lange es dauern soll.

Google und Amazon sichern sich Forschungsprojekte

Auf den Amazon-Servern sollen etwa die Daten der Myeloma Foundation gespeichert werden. Für das Projekt werden Erbinformationen von tausend Patienten gesammelt. Die Genome haben jeweils einen Informationsgehalt von bis zu 800 Megabyte, was für moderne Rechenzentren nicht viel Speicherplatz ist. Der große Speicherplatzbedarf ergibt sich erst aus den Kombinationen der Erbinformationen und aus Rechenspielen mit den Daten.

Auch Google hat sich prominente Forschungsprojekte gesichert. Der Werbekonzern bietet seine Dienstleistungen für eine Analyse der Erbgutinformationen von 10.000 autistischen Kindern und deren Eltern an. Ein anderer Kunde ist Tute Genomics. Das Unternehmen pflegt eine Datenbank von 8,5 Milliarden DNA-Varianten. Diese Datenbank zeigt, wie häufig DNA-Varianten vorkommen und wie Patienten mit einer gewissen DNA-Variante auf bestimmte medizinische Behandlungen reagieren.

Viele Institutionen dürfen kostenlos ihre Erbgutsammlungen auf den Google- und Amazon-Servern ablegen. Doch diesen Gratisservice bieten die Unternehmen selbstverständlich nicht ohne Hintergedanken an. Sie hoffen vermutlich auf das große Geschäft, sobald ein Projekt den Durchbruch schafft. Schließlich begeben sich die Wissenschaftler in eine gewisse Abhängigkeit, wenn sie sich für einen Dienstleister entschieden haben. Und die Netzkonzerne entwickeln sich ganz nebenbei zu erfahrenen Partnern für die Pharmabranche, die vermutlich für die Dienstleistungen eines Tages auch wird bezahlen müssen.

jbr/Reuters

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1. Abhängigkeit ist uebertrieben
m_s@me.com 05.06.2015
Ich halte die Abhängigkeit von mittlerweile marktüblichen, ausgelagerten Rechenzentrumsdiensten fuer übertrieben. Wissenschaftler arbeiten immer mehr mit gemieteten Compute-Services, weil nicht alle fuer Institute wie das MIT arbeiten und über massive Eisen im Keller verfügen. Amazon hat solche Kapazitäten aber. "Abhängig" it aber zuviel gesagt. Es ist eine Dienstleistung, die keiner exklusiv hat.
2. Ganz auf neoliberaler Linie
hypnos 05.06.2015
Der Staat - hier ganz auf neoliberaler Linie - privatisiert die ehemals unabhängige Wissenschaft. Er überlässt die Wisenschaft zunehmend dem Kommerz. Humboldt Ade! Firmen hatten ja in der jüngsten Vergangenheit Versuche gestartet, Blut- und Gentests als Einstellungsvoraussetzung zu fordern. Hier hält der Damm - noch. Die nächste Schwelle sind die individuellen Körperdaten für die Kontrolle der Lebensführung durch Unternehmen. Die schlimmsten Sciencefiction-Plotts sind bereits übertroffen. Die deutsche Bundesregierung bekämpft auf EU-Ebene vehement besseren Datenschutz. Und die SPD-Führung kämpft verbissen für TTIP.
3. Stimme dem Vorposter zu
wdiwdi 05.06.2015
Zitat von m_s@me.comIch halte die Abhängigkeit von mittlerweile marktüblichen, ausgelagerten Rechenzentrumsdiensten fuer übertrieben. Wissenschaftler arbeiten immer mehr mit gemieteten Compute-Services, weil nicht alle fuer Institute wie das MIT arbeiten und über massive Eisen im Keller verfügen. Amazon hat solche Kapazitäten aber. "Abhängig" it aber zuviel gesagt. Es ist eine Dienstleistung, die keiner exklusiv hat.
Cloud-Serviceanbieter gibt es reichlich, und für Genom-Analysen, für die man ohnehin eigene Software mitbringt, gibt es keine relevanten Alleinstellungsmerkmale eines einzelnen Anbieters. Gegenüber einer Computerfarm im Institutskeller sind diese deutlich kostengünstiger, gerade wenn man (wie eben bei Genomanalysen problemlos tolerierbar) einen Service bucht, bei dem der Job angehalten oder sogar (mit etwas Vorwarnzeit zur Statusspeicherung) terminiert werden kann, wenn gerade andere Nutzer mit teureren Verträgen ihre Antworten *jetzt* brauchen. Eingesparte Gelder können dann in wissenschaftliches Personal statt in Prozessoren und Systemadmins gesteckt werden. Reine Genomsequenzen ohne Verknüpfung mit persönlichen Daten sind auch nicht wirklich datenschutzkritisch.
4. Gruselig
Institutsmitarbeiter 05.06.2015
Dass ein Unternehmen wie Google, dass sein Geld damit, Daten über uns zu sammeln und an Werbepartner zu verkaufen, die aller persönlichsten Daten verwalten soll, ist ein sehr beunruhigender Gedanke. Man sollte sehr genau überlegen, ob man seine Daten dort lagern will und was mit ihnen geschieht.
5. Boinc
rumloler 05.06.2015
Bei normalen surfen oder bei Office-Arbeiten sind heutige Rechner nicht ausgelastet. Daher kann jeder einen Teil seiner "Rechenpower" der Wissenschaft für unterschiedliche Projekte spenden. Hierzu ist die Software BOINC wohl die verbreitetste. Mehr Infos z.B. auf www.rechenkraft.net
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