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Domainhandel: Der Goldrausch ist nicht vorbei

Von Miriam Sulaiman und

Millionen verdienen mit Nichtstun - das versprachen sich einst Heerscharen von Domain-Spekulanten, die Internetadressen im Gros auf- und teuer verkauften. Der große Goldrush ist vorbei, der Markt gilt als abgeschöpft, doch der Handel geht munter weiter. Nur so richtig reich wird damit kaum einer mehr.

Domains: .de wie Deutschland Fotos
DPA

Ende der Neunziger herrschte Goldgräberstimmung in Cyberia: Die "New Ecomomy" versprach, die alten Wirtschaftsstrukturen umzukrempeln. Jedermann glaubte, eine persönliche Homepage zu brauchen - und Firmen kämpften mit Domaingrabbern, die sich aussagekräftige Internetadressen sicherten, um den naheliegenden Interessenten Angebote zu machen, die die kaum ablehnen konnten. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, Schlagzeilen über spektakuläre Adress-Auktionen, Domain-Erpressungen oder juristische Streitigkeiten sind selten geworden. Vorbei ist der Goldrush deshalb aber noch lange nicht, denn das virtuelle Gut Internetadresse bleibt eine begehrte Ware.

So registrierte die deutsche Domain-Registrierungsstelle Denic während des mittlerweile berüchtigten Dotcom-Booms von 1999 bis 2001 zwar bis zu 6500 Domains am Tag - ein Wert, der seitdem nur noch selten erreicht wurde. Wie könnte es aber auch anders sein? Die naheliegenden, logischen, selbsterklärenden Adressen sind längst knapp geworden - klar, bei aktuell rund 13,5 Millionen registrierten deutschen Domains. Trotzdem geht der Handel munter weiter. Kein Wunder, galten und gelten Domains doch als Goldbarren der Neuzeit.

Auch aktuell verzeichnet die Denic noch zwischen 2.500 und 3000 Anmeldungen täglich. Domains versprechen steigende Werte bei geringem Eigenkapitaleinsatz: Namen zu sichern kostet wenig. So ist die Domain bei großen Hostern schon ab rund 12 Euro im Jahr zu haben. Die Hoster-Unabhängige Registrierung bei der Denic ist für 116 Euro zu haben. Zieht man die Ausländer, die deutsche Web-Adressen halten, von der Gesamtzahl ab, besäße rein rechnerisch jeder siebte Deutsche eine .de-Domain. Die Realität sieht natürlich anders aus: Hunderte besitzen keine, während Einzelne mitunter hunderte oder tausende gekauft haben. Reselling, der Wiederverkauf gebunkerter Internetadressen, ist ein veritables Geschäft, in dem längst auch spezialisierte Agenturen und Firmen aktiv sind.

Regionale Booms: Landstriche mit Nachholbedarf

Ihr Geschäft machen sie zunehmend in der Nische, sowohl thematisch als auch geografisch. Denn tatsächlich gibt es sogar regionale Nachfragespitzen.

Im Vorjahr waren die Amberg-Sulzbacher (Bayern, nahe Nürnberg) bundesweit die Spitzenreiter bei den Domainanmeldungen. Die Statistik weist für den Landkreis pro 1000 Einwohner eine Steigerung von 367 Prozent auf. Auch bei der Denic fielen die Zahlen auf. "Die Domainzahlen sind hier exorbitant gewachsen. Aber man muss das in Relation sehen. Es hat früher schon Ausreißer gegeben, weil ein Landkreis plötzlich wach geworden ist. So wurde etwa Rügen aufgrund des Tourismus attraktiv", sagt Pressesprecherin Stefanie Welters. Sollte sich der Anstieg fortsetzen, werde man dies natürlich untersuchen. Immerhin haben Amberg-Sulzbacher (insgesamt 106.224 Einwohner) aktuell 50.613 Domains reserviert - und damit pro Kopf mehr als doppelt so viele als die Hauptstädter aus Berlin (730.000 Domains auf 3,4 Millionen Einwohner).

Neben solchen Ausreißern gibt es allerdings auch regionale Booms, die leicht zu erklären sind. "Der Nachfrage aus dem Osten war verhalten, nun zieht er aber nach. Viele Regionen waren stiefmütterlich vertreten", sagt Denic-Sprecherin Welters. So finden sich nun etwa alle ostdeutschen Bundesländer unter den Top 10 der schnellstwachsenden Regionen. Bei Spitzenreitern wie Hamburg setzt dafür ein Sättigungseffekt ein. "Der Trend flacht sich ab", erklärt Welters. Sie erwartet keine größeren Zuwachsraten mehr. Jeder Domainname ist nur einmalig registrierbar, und ein Großteil der Namen daher längst vergeben. Die höchsten Umsätze, die dann auch für mediale Aufmerksamkeit sorgen, werden allerdings auch nicht mit dem regulären verkauf von Domains erzielt, sondern mit dem Wiederverkauf.

Die teuersten Schätzchen

So erzielte der Besitzer von flatrate.de mit 160.000 Euro den höchsten Verkaufspreis für eine .de-Domain. Knapp gefolgt von pc.de mit 158.700 Euro, wie den Statistiken des größten deutschen Domain-Resellers Sedo zu entnehmen ist. Die Firma, die die meisten deutschen Surfern vor allem durch vermeintliche Fehlermeldungen bekannt ist, wenn sie eine Domain anwählen, die zwar registriert, aber nicht mit Inhalten befüllt ist und zum Verkauf steht, gehört zu United Internet. Das Unternehmen aus Montabaur (Westerwald) verdient auf mehrfache Weise am Thema Domain: Neben den Mailhostern GMX und Web.de gehört vor allem auch 1&1 Internet zum Firmencluster des Unternehmens - und 1&1 gehört zu den größten deutschen Domainhostern.

Das Gros seines Geschäftes macht Sedo allerdings mit dem Handel mit .com-Domains: Sie machen 72 Prozent des Geschäfts von Sedo aus. Auch hier macht es vor allem die Masse, nicht die spektakuläre Einzelsumme. Weltweit vermittelte das Unternehmen im Vorjahr den Verkauf von rund 39.000 Domains für 55 Millionen Euro - das sind immerhin rund 1400 Euro pro Adresse.

Tatsächlich wächst der Markt der Goldgräber also noch immer. Heute macht Sedo mit zehn hochpreisigen Verkäufen so viel Geld wie 2004 im gesamten Geschäftsjahr. Klar, denn gute Namen sind ein rares Gut - da steigen auch die Preise.

Wobei nicht alles, was attraktiv klingt, auch weggeht wie warme Semmeln. Das gilt auch für uhr.de: Für die Domain haben sich laut Seitenaufruf-Statistik der Auktionsseite schon über 50.000 Leute interessiert. Abgegeben wurden dabei aber keine 20 Gebote. Wohl kein Wunder: Der Startpreis liegt bei 250.000 Euro. Für grafik.de und polen.de sind dafür bereits 500 beziehungsweise 400 Bieter in die Versteigerung eingestiegen. Bei knapp 8,4 Millionen Euro liegt die derzeit teuerste zum Verkauf stehende Domain sale.de.

Aufschwung bei .org-Domains

Semra Körner, Sedo-Pressesprecherin, erwartet, dass sich dieses Jahr der Trend Richtung Städte-Domains fortsetzt: "Reise- und Tourismus-Domains werden sicher weiterhin sehr begehrt sein." Auch alle Begriffe rund um das Internetfernsehen sieht sie als attraktiv an. Der große Aufschwung liege aber im Bereich der .org-Domains. "Poker.org kostete etwa eine Million US-Dollar. Die Endung schafft einfach Vertrauen. Sie steht für Organisation und vermittelt damit Vertrauen und Seriösität."

Was mitunter täuschen mag: Ein respektabler Name heißt noch lange nicht, dass das erwartete Produkt auch irgendwann tatsächlich auf der Seite zu finden sein wird. Darauf weist auch die deutsche Registrierungsstelle hin. Für den Content von Websites seien ausschließlich die Inhaber von Domains zuständig, Denic stelle lediglich deren ständige technische Verfügbarkeit sicher.

Und das nicht nur für Deutsche: Zwar gehen rund 88 Prozent der verkauften .de-Domains an deutsche Besitzer. Je rund zwei Prozent gehen an Österreicher, Schweizer und Niederländer. Führend in der Liste der frischgebackenen ausländischen .de-Domainbesitzer aber sind die Araber. So wurden allein über 100.000 Domains aus den Vereinigten Arabischen Emiraten registriert. Die Deutschen selbst lieben übrigens die österreichischen Domains und stellten im Vorjahr etwa ein Viertel der dortigen Registrierungen.

Sex.com: Immer wieder begehrt

Alle Brancheninsider warten hingegen auf eine ganz spezielle Auktion: Jene von sex.com. Die eindeutige Adresse gilt als Sahnestück, um sie wurden nicht nur schon Prozesse geführt, sie kam auch schon mehrfach unter den Hammer - zuletzt 2006 für rund 14 Millionen Dollar. Der Wiederverkauf war für den 18. März 2010 angesetzt, die Auktion dann aber wieder abgesagt worden.

Bei Sedo erwartet man trotzdem, dass sie in diesem Jahr erneut verkauft werden wird, wenn auch nicht mehr zu so einem exorbitant hohen Preis. Schaut man auf den so genannten Medianpreis, der die die Statistik verfälschenden extremen Ausbrecher herausrechnet, den .de-Domains im Wiederverkauf bei Sedo im letzten Quartal 2009 erzielten, dann wird klar, dass das Reseller-Geschäft sich letztlich nur noch über Masse rechnet. Der Durchschnittsverkaufspreis von etwa 340 Euro reicht nicht, in Goldgräberstimmung zu verfallen: Wer vom durch plötzlichen Reichtum ermöglichten Früh-Ruhestand träumt, ist mit Lotto ähnlich gut beraten wie mit dem Domain-Sammeln.

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1. das gesuchte wort heißt: GOLDRAUSCH
hier_entlang 15.04.2010
Zitat von sysopMillionen verdienen mit Nichtstun - das versprachen sich einst Heerscharen von Domain-Spekulanten, die Internetadressen im Gros auf- und teuer verkauften. Der große Goldrush ist vorbei, der Markt gilt als abgeschöpft, doch der Handel geht munter weiter. Nur so richtig reich wird damit kaum einer mehr. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,688531,00.html
aber was genau ist der vorteil von "goldrush" gegenüber "goldrausch"? Bei einem printartikel könnte ich mir die wortwahl noch schönreden (umweltschutz: weniger druckerschwärze, weniger papier, etc.). aber hier?
2. Groschengrab Domänenkauf
Sven Wallmann, 16.04.2010
Vielleicht werden manche mit dem Verkauf von Internet-Adressen noch richtig reich, aber sie sprechen nicht darüber. Ein kleiner Goldgräber im Domänenhandel lässt sich auf http://westerwellensittich.de in die Karten schauen. Was er bisher berichtet hat, lädt nicht zur Nachahmung ein. Eher findet ein blindes Huhn auch einmal ein Korn, als ein Domänenhändler einen Goldbarren.
3. Domains auf aktuelle Ereignisse...
3w4you 13.03.2011
...sind immer schnell vergeben. Nach Naturkatasthrophen aber auch AKW-Störfällen sind mögliche Domains binnen Minuten vergriffen: http://www.akw-fukushima.com http://www.j-11.com http://www.quake-2011.com http://www.sendai-tsunami.com Wir haben diese Domains registriert und stellen den Erlös aus der Versteigerung den Opfern in Japan zur Verfügung.
4. Leider nicht mehr erreichbar
SchubladenDenker 02.11.2011
Die Seite Westerwellensittich ist leider nicht mehr online aber ich habe über Google gerade einen interessanten Artikel über den Domainhandel in der heutigen Zeit gefunden. Der Beschreibung nach kann man auch heute noch gutes Geld mit dem Domainhandel verdienen, allerdings muss man dafür wohl mehr tun als nur die Domain zu registrieren. So müsse man die Domain mit Texten befüllen, Links aufbauen und warten bis die Domain in den Suchmaschinen auftaucht. Erst dann scheint sich der Verkauf zu lohnen. Interessant fand ich auch die Möglichkeit in der Zwischenzeit Geld zu verdienen in dem man Werbeanzeigen einfügt. Wer den Artikel auch lesen möchte: http://www.geldschiene.de/1560/ Da ich gerade wie durch Zufall einen noch freien aber guten Domainnamen entdeckt habe werde ich das ganze jetzt einfach mal nach der Anleitung ausprobieren. Die Kosten für eine Domain halten sich ja zum Glück in Grenzen und ein paar Seiten mit Text habe ich schnell getippt. Bin gespannt!
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