Propaganda in der Ära Trump Die Wahrheit über Fake News

Fake News, überall! Die Hysterie darüber, wie Falschmeldungen unsere Demokratie bedrohen, erreicht einen neuen Höhepunkt. Worüber reden wir hier eigentlich?

Donald Trump mit seinem künftigen Vize Mike Pence
JUSTIN LANE/EPA/REX/Shutterstock

Donald Trump mit seinem künftigen Vize Mike Pence

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Er hat ein neues Lieblingswort. Donald Trump, dem man eine Neigung zu Wortwiederholungen nicht absprechen kann, lässt keinen Zweifel daran, was er von Berichten über seine angeblichen Verbindungen nach Russland hält. Für ihn sind es: Fake News.

Fünf von sieben Trump-Tweets zur Sache waren am Mittwoch mit dem entsprechenden Schlagwort versehen (einer gar mit Hitler-Vergleich). Und, vielleicht damit keine Zweifel aufkommen, war auch seine denkwürdige Pressekonferenz durchzogen von eben jenem Begriff. Dem CNN-Reporter Jim Acosta verwehrte Trump gar das Recht, eine Frage zu stellen. Seine Begründung: Dessen Sender sei schrecklich. "Ihr seid Fake News."

Fake News - aus dem Modewort zur Beschreibung eines neuen Phänomens ist ein Kampfbegriff geworden. Er steht mittlerweile im Zentrum vieler Auseinandersetzungen um den Bald-Präsidenten Trump.

Die Wortschöpfung wurde im Sommer 2016 populär. Erst beschrieb Fake News das Phänomen, dass Lügengeschichten auf Facebook Millionen Menschen erreichten. Dann galten Fake News als ein Grund für den Wahlsieg Trumps. Und nun, ein paar Wochen später, ist Fake News ein politisches Schimpfwort, das in allerlei Auseinandersetzungen hin- und hergeschleudert wird, so dass es kaum noch zu greifen ist: zwischen Trump und Medien, zwischen Linken und Rechten.

Doch worüber reden wir hier eigentlich?

Für den gebeutelten Begriff wird mittlerweile schon der Gnadenschuss gefordert. Die "Washington Post", genauer: ihre Medienkolumnistin Margaret Sullivan, schlägt die Beerdigung des Begriffs vor, weil dieser keinerlei Bedeutung mehr habe.

Veranschaulichen lässt sich das am Beispiel Trump. Für die einen ist Trump der "Chefredakteur der Fake-News-Bewegung", der täglich mit Kurzbotschaften aus seiner ganz eigenen Realität den Medien seinen Takt vorgibt. Für Trump und die Seinen sind Fake News dagegen unliebsame Berichte über ihn.

Fake News ist für manche die unbelastete Variante von "Lügenpresse" und ein bequemes Schlagwort für alles Neue, was einem nicht in den Kram passt. Auch in Deutschland findet das Nachahmer bei jenen, die die von ihnen sogenannten Mainstream-Medien ins Visier genommen haben.

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Trumps Pressekonferenz: "Dir gebe ich keine Frage"

Soll man also einfach wieder von Lügen statt von Fake News sprechen? Sich damit beruhigen, dass es Propaganda und Verschwörungstheorien schon immer gegeben hat? Dann würde man übersehen, dass eben doch etwas Neues passiert, was Fake News zu einem mächtigen und gefährlichen Phänomen werden lässt: die Dynamik der sozialen Medien.

Es lohnt sich also doch eine genauere Definition von Fake News.

1. Wir reden von Fake News, wenn Falschinformationen absichtlich produziert und gestreut - und dabei so komponiert werden, dass sie die Logiken der sozialen Medien ausnutzen. Fake News sollen sich viral verbreiten, und deshalb bedienen sie meistens Reflexe wie Empörung und behandeln Reizthemen: Flüchtlinge, Kinder und Missbrauch, Krieg und Frieden. Eine neue Entwicklung ist, dass Einzelne flächendeckend Fehlinformation streuen können, wenn sie verstehen, wie Facebook funktioniert.

2. Es gibt gut getarnte Fake News und plumpe. Wie leicht sie als Falschinformation zu enttarnen ist, spielt für ihre Verbreitung nur eine Nebenrolle. Auch - oder gerade - absurde Lügengeschichten können im Netz Millionen erreichen, etwa wenn sie im Umfeld tatsächlicher Leaks ersponnen werden (Stichwort Pizzagate). Jene, die sie teilen, sagen häufig Sätze wie: Ist mir egal, ob es stimmt, es könnte doch so sein. Selbst absurde Fake News sind also in diesem Sinne glaubwürdig - weil sie in ein bestimmtes Welt- und Selbstbild passen, das Nutzer in den sozialen Medien von sich zeichnen wollen.

3. Fake News werden aus finanziellen und aus politischen Interessen verbreitet. Fake News eignen sich zu Propagandazwecken, weil sie gefühlte Wahrheiten bestimmter Zielgruppen bedienen können - ohne dass sich der Urheber zu erkennen geben muss. Egal ob als Facebook-Posting eines vermeintlichen Nutzers oder als Link auf Portale ohne Impressum - ideal für jene, die allgemeine Verunsicherung schaffen wollen. Ein gutes Geschäft sind Fake News, weil Klicks im Netz Werbeeinnahmen bedeuten - und Facebook Beiträge, die viel geteilt werden, mit noch mehr Reichweite belohnt. Dieses Business-Modell haben etwa Teenager aus Mazedonien für sich entdeckt und dafür eigene Portale voll mit Pro-Trump-Fake-News gegründet.

4. Fake News kann man nicht verbieten. Die Behebung des Problems per Gesetz, wie es sich jetzt Politiker erträumen, wird nicht funktionieren: Es gibt einen Markt für die vermeintlichen Wahrheiten. Fake News sind mindestens genauso sehr Symptom wie Ursache für Vetrauensverlust in das Establishment. Doch Druck auf Firmen wie Facebook und Google kann helfen, extreme Formen von Desinformation einzudämmen. Facebook, das in der Endphase des US-Wahlkampfs zur Lügenschleuder wurde, kann den Geschäftsanreiz für Fake News trockenlegen, indem es Schmutzseiten von seinem Werbesystem ausschließt und den gröbsten Quatsch nicht auch noch per Algorithmus hervorhebt.

5. Nicht alles, was falsch ist, ist Fake News. Was ist extreme Zuspitzung, Verzerrung, und was ist schon eine Falschmeldung? Diese Frage lässt sich etwa bei Meldungen des neurechten Portals "Breitbart News" oft nicht eindeutig beantworten. Medien aller Gattungen machen zudem Fehler in der Berichterstattung. Und: Manche Autoren viraler Horrormeldungen über Hillary Clinton ziehen sich auf den Standpunkt zurück, sie würden doch nur Satire produzieren.


Niemand kann also eine objektive Grenze um Fake News ziehen. Umso wichtiger ist es, althergebrachte Phänomene wie Klatschzeitschriften (Ehekrise bei Merkel!), Verschwörungstheorien (die Rothschilds!), urbane Legenden (Sperma auf der Pizza!) nicht in den "Fake News"-Topf zu werfen - sie beziehen ihre Wirkungsmacht nicht aus der neuen Dynamik der sozialen Netzwerke.

Müssen wir also den Begriff "Fake News" nach der neuesten Umdeutung aus dem Lager Trump beerdigen? Nein, man sollte nur wissen, worüber man spricht: über bewusste Falschmeldungen, die sich viral verbreiten und eigens zu diesem Zwecke produziert wurden. Dann ist "Fake News" eine Beschreibung für ein neues und relevantes Problem und nicht einfach ein weiteres politisches Schimpfwort.



insgesamt 205 Beiträge
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Seite 1
veritas31 12.01.2017
1. Es ist doch erstaunlich, liebe Trumpisten...
Von allen Trumpisten hier höre ich bei Meldungen, die im Zusammenhang mit ihrem Idol stehen, immer den Ruf nach "Fakten Fakten Fakten", als ob sie den ollen Helmut Markwort verschluckt hätten. Doch dieselben "Fakten-Freaks" sind bei anderen Themen (bspw. Flüchtlingspolitik, Ausländerkriminalität, böser böser Islam) plötzlich ganz anders drauf und glauben jeden Unsinn auf Facebook (klar, weil dieser Unsinn ja ihrer Sicht und ihrem Weltbild entspricht) Werden zu diesen Themen dann aber Fakten Fakten Fakten geliefert, ereifert man sich über "verkopfte Experten" "Weltfremde Elfenbeinturm-Sitzer" etc.pp. Echt spannend und interessant, wie sich erwachsene Menschen lächerlich machen können...:-)))
ollydk 12.01.2017
2. Fake News
Ja, wenn der Begriff doch nicht mehr passend ist, dann verwendet doch das altbekannte Wort für eine Falschmeldung im Internet - Hoax! Gibt es seit ewig und drei Tagen und trifft die Sache mit den Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken doch ausgezeichnet.
reflektiert_ist_besser 12.01.2017
3. Fake News ...
Fake News ist die eine Sache. Die andere Sache ist das permanente Wiederholen von Plattheiten, die inhaltlich leicht zu wiederlegen sind, allerdings durch die ständige Wiederholung durch AfD-Aktivisten und deren Manipulationscomputer jegliche sinnvolle Diskussion niederbrüllen. Das finde ich fast noch demokratiezerstörender.
jjcamera 12.01.2017
4. ein trotziges Kind
Ich kann mir nicht helfen, aber immer wenn ich den Mann sehe, denke ich an ein verwöhntes, trotziges Kind, das wütet, weil man ihm sein Spielzeug weggenommen hat. Es wird sehr schnell die Zeit kommen, in der man seine Tweets nicht mehr ernst nimmt, sondern nur milde lächelt, wenn er 'was von sich gibt.
ein_verbraucher 12.01.2017
5. Aufklärung Aufklärung Aufklärung
Aufklärung und Transparenz, mehr bedarf es nicht um Fake News als das zu entlaven was es sind, eben Fake News. Erfolgt keine Transparenz und Aufklärung wenn Fake News auftauchen, können wir davon ausgehen das diese der Wahrheit entsprechen. Politiker die eben "Transparenz" fürchten, werden alle Nachrichten pauschal als Fake News abtun.
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