Präsidenten und Fake News Empört euch! Aber richtig

In Zeiten sozialer Medien kann Empörung ein wichtiges demokratisches Korrektiv sein. Doch bevor man sich aufregt, sollte man sicher sein, dass der Anlass die Aufregung rechtfertigt.

Donald Trump
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Donald Trump

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Im Januar des Jahres 2017 begab es sich auf der sozialen Empöre namens Facebook , dass jemand eine Ungeheuerlichkeit aufschnappte und sich gezwungen sah, sie in wütender Fassungslosigkeit weiterzuverbreiten. Donald Trump, der Biff Tannen der realen Welt, hatte den Tag seiner Inauguration zum "Nationalen (Feier-)Tag der patriotischen Hingabe" erklärt. Ein eigener Feiertag, OMG! Das sieht dem Hypernarzissten Trump ähnlich. Auf der nach unten offenen Sonnenkönigskala liegt diese Selbstbeweihräucherung irgendwo zwischen Nordkorea und diesem zentralasiatischen Diktator, der den Januar nach sich selbst, den April nach seiner Mutter und den September nach seinem Buch umbenannte.

Die Zahl der Menschen, die sich mit Trump arrangieren, nimmt zu

Wenn man von der These ausgeht, dass jeder Mensch nur über eine bestimmte Menge an potenzieller Empörungsenergie verfügt, herrschen gerade Zeiten, in denen diese Menge ausgeschöpft werden wird, bis nichts mehr da ist. Bis man in Gefahr gerät, sich mit Radikalitäten und Unmenschlichkeiten anzufreunden, nur um einen Moment innehalten zu können.

Schon sind in Sachen Trump Bewegungen der Normalisierung zu erkennen. Man möchte halt lieber in einer okayen Welt leben als in einem Alptraum. Quer durch die politischen Lager mischen sich trügerische Hoffnung, Verklärung und Empörungserschöpfung mit der Bereitschaft, bisherige Widerwärtigkeiten zu ignorieren. Es gibt überraschend viele Trump-Fans, die das auch offen sagen.

Leute, die einem menschenfeindlichen Multimilliardär samt erzreaktionärem Krösuskabinett ernsthaft die Außenseiter-Story abkaufen wollen und aggressiven Isolationismus bitter mit Pazifismus verwechseln. Und solche, die abwarten wollen, ob Trump nicht doch noch untrumpiger wird. Als ob. Die Zahl der Menschen, die sich arrangieren, wird größer - auch, weil sie meinen, Trump und seine Politik hätten kaum oder gar positive Auswirkungen auf Deutschland.

Falsche Aufregung ist schädlich

Ich halte diese Selbstbeschwichtigung für grundfalsch und gefährlich. Ich glaube, dass öffentliche Aufregung für das Immunsystem einer Demokratie essenziell ist, weil so, zwischen sozialen und redaktionellen Medien eskalierend, politische Grenzen gesetzt oder verdeutlicht werden können. Ich glaube, dass man sich schon wegen der Signalwirkung der inzwischen allgemein als wahlentscheidend akzeptierten sozialen Medien weiter empören muss.

Aber es braucht die richtige Aufregung über die richtigen Geschehnisse. Falsche Aufregung ist für die demokratisch notwendige Politikempörung sehr schädlich. Der "National Day" von Trump zum Beispiel eignet sich nicht - denn er folgt einem Beispiel von Obama. Auch der hatte seine Amtseinführung 2009 rückwirkend mit salbungsvollen Worten zum "National Day" erklärt. Es handelt sich um einen vielleicht von außen betrachtet merkwürdigen, aber eben nicht einzigartig Trump-verräterischen Akt.

Jede falsche Aufregung nützt der Strategie der Irritation

Wenn man sich allein dem Anschein nach über Trumps Nationaltag aufregt, dann ist man als Social-Media-Nutzer nicht mehr weit von der Kategorie Fake News entfernt, Abteilung: Unvollständigkeit. Die eigene, notwendige Empörung über die nächsten zehn politischen Zumutungen zwischen Front National, AfD und Trump wird dramatisch entwertet, wenn man jedes in die eigene Weltsicht passende Gerücht ohne nähere Betrachtung selbst weitertransportiert. Wie kann man jemandem vorwerfen, falsche, unvollständige, irreführende Nachrichten über Merkel zu verbreiten - wenn man selbst falsche, unvollständige, irreführende Nachrichten über Trump verbreitet?

Es kommt noch schlimmer. Jede falsche Aufregung nützt der Strategie der Irritation, die von Rechten, Rechtsextremen und - mutmaßlich - Putins Propagandatruppen angewendet wird. Diese Strategie beinhaltet nicht nur Falschinformation, sondern auch die Verunsicherung der Öffentlichkeit in Bezug auf die Frage, was faktisch richtig ist.

Dabei ist das konkrete Geschehen weniger wichtig. Schon die Schwächung des Maßstabs "wahr oder falsch" nutzt dem Lügner. Wer sich über einfach entlarvbaren Unsinn so lautstark empört wie über wirklich schlimme Fakten, trägt zu dieser Schwächung bei, weil er die öffentliche Aufregung ein Stück weiter in Richtung Ritual nach dem Anscheinsprinzip verschiebt. Die demokratische Wirkung lässt nach.

Nicht nur die Einzelperson, sondern auch die Öffentlichkeit insgesamt scheint eine Obergrenze des Empörungspotenzials zu kennen. Empörung gerinnt zum emotionalen Ablass, kurz mal konsequenzenlos aufgeregt und schon hält man die böse Welt noch ein paar Tage unverändert aus.

Geltungssucht mit dem Zwang zum Superlativ

Es scheint mir dagegen nicht grundsätzlich falsch, sich über vermeintliche Kleinigkeiten zu empören, wenn sie als Symbole für das Große, ganz Gravierende stehen. Die Diskussion um die Größe des Publikums bei der Amtseinführung von Trump ist so ein Beispiel, denn eigentlich könnte es kaum etwas Egaleres geben. Es waren unzweifelhaft viele Leute vor Ort, es haben unzweifelhaft viele Leute Trump gewählt, der Rest kann vom Wetter, dem Wochentag, der Bevölkerungsstruktur von Washington und vom Zufall abhängen.

Aber die Kaskade der Entlarvungen anhand der Kommunikation der Regierung Trump deutet auf die Probleme der nächsten Jahre hin. Dass Trump es überhaupt als essenziell betrachtet, die größte und tollste Inauguration jemals veranstaltet zu haben, zeigt seine Geltungssucht mit dem Zwang zum Superlativ.

Die gruselige Pressekonferenz von Trumps Sprecher, in der er die beweisbare Wirklichkeit leugnete, zeigt, dass Trump von seinem Apparat erwartet, die Realität seinem Geltungswahn unterzuordnen. Die Verschleierung dieser Lügen als "alternative Fakten" durch die Trump-Sprecherin Kellyanne Conway macht deutlich, dass die Regierung Trump an der Errichtung einer Parallelrealität arbeitet, in der sich Trump vier Jahre lang als endloser Superlativ fühlen kann.

In dieser Trump-Welt werden potenziell weltverändernde Entscheidungen getroffen, Solipsismus als Regierungsform: Egokratie. Da ist jede Empörung, die auf dieses eskalierende Drama hinweist, willkommen. Schon deshalb, weil die Regierung des Egokraten Trump offensichtlich auf Empörungsmüdigkeit durch einen unablässigen Hagel an Zumutungen setzt - aber die kann man leider nicht durch gezielte Nicht-Empörung bekämpfen.

Politische, bürgerliche Empörung funktioniert als Immunsystem der Demokratie. Doch weil diese Empörung mediengetrieben ist, digitalisiert sie sich und wird "social". Was Sie empört weitertragen, ist heute Politik. Und deshalb tragen Sie, genau Sie, eine Mitverantwortung.

Sich in sozialen Medien auf richtige, also im selbst (!) gewünschten Sinn wirksame Weise zu empören, ist nicht leicht. Und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil in den sozialen Gefühlsmedien die Empörung neben der Freude der wichtigste Antrieb ist. Eine Flut falscher, weil voreiliger Empörung ist ebenso schädlich wie die inzwischen häufige Haltung, man solle sich grundsätzlich nicht so aufregen. Für Herzpatienten ist das immer die richtige Wahl, für alle anderen ist die Empörung das Mittel der Wahl, neben der Wahl, ein Teil einer demokratischen Öffentlichkeit zu sein.

Also: Regen Sie sich auf! Beugen Sie sich nicht der Gewöhnung an das Schlimme oder der Versuchung, sich Monstrositäten schönzureden, um besser schlafen zu können. Empören Sie sich, und handeln Sie gemeinschaftlich, wenn Ihre Empörung Folgen haben soll. Aber verschwenden Sie vor der Empörung zwei, drei Gedanken und Rechercheminuten darauf, ob der Anlass Ihnen bloß gut in den Kram passt oder wirklich Substanz hat. In Zeiten von Social Media sind Fake News nicht bloß die bösen Medien, Fake News können wir alle sein. Außer wir sind es nicht.

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insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
Leser161 25.01.2017
1. Ja
Wenn Sie jetzt noch ihren Mitmenschen erlauben sich über das aufzuregen was sie jeweils schlimm finden und nicht nur über das was Sie schlimm finden, sind wir auf einem guten Weg und finden eine Lösung. Ich für meinen Teil könnte mich stundenlang über das "Wir schaffen das" der Kanzlerin aufregen, weil es der Komplexität der Situation eben nicht angemessen war und ist.
ackergold 25.01.2017
2. Aber genau das ist doch das Problem:
Auch unter Hitler galt 1933: "Man möchte halt lieber in einer okayen Welt leben als in einem Alptraum. Quer durch die politischen Lager mischen sich trügerische Hoffnung, Verklärung und Empörungserschöpfung mit der Bereitschaft, bisherige Widerwärtigkeiten zu ignorieren." Es gab nämlich damals auch überraschend viele Hitler-Fans, die das auch offen sagten. Man kommt nicht umhin, die traurigen Parallelen wahrzunehmen und als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats bleibt mir nur zu bemerken: Wehret den Anfängen! Wir dürfen jetzt nicht nachlassen, sonst sind wir eines Tages auf Leute wie Johann Georg Elser oder einen Graf Stauffenberg angewiesen und das kann's ja wohl nicht sein.
syracusa 25.01.2017
3. Empört Euch!
Zeit, mal wieder Stéphane Hessels Büchlein "Empört Euch!" zu lesen. Ansonsten habe ich nur eine Frage an Sascha Lobo: warum subsumiert er den Putinismus nicht auch unter die Spielarten des Rechtsextremismus? Wie sonst soll der politisch millitant aggressive, gesellschaftlich reaktionäre Putinismus denn sonst eingeordnet werden?
thelix 25.01.2017
4.
Zitat von Leser161Wenn Sie jetzt noch ihren Mitmenschen erlauben sich über das aufzuregen was sie jeweils schlimm finden und nicht nur über das was Sie schlimm finden, sind wir auf einem guten Weg und finden eine Lösung. Ich für meinen Teil könnte mich stundenlang über das "Wir schaffen das" der Kanzlerin aufregen, weil es der Komplexität der Situation eben nicht angemessen war und ist.
Der Satz ist ja nun schon nen büschen watt her und fiel zu einer Zeit, als es tatsächlich noch die Möglichkeit (!) gab, nicht wahr? Hören Sie also bitte auf im Gestern zu leben und kommen Sie im Jetzt an.
rgw_ch 25.01.2017
5. Ach ja
Ich würde ja gern Ihrem Aufruf folgen, und mich aufregen. Aber irgendwann wird man einfach müde. Ich habe mich empört, als die NATO 1999 vom Verteidigungs- zum Aggressionsbündnis wurde. Ich habe mich aufgeregt, als die westliche Wertegemeinschaft ihre Werte zunehmend verriet, Kriege mit hunderttausenden von Toten und unzähligen Verletzten und Vertriebenen vom Zaun brach, um angeblich "Demokratie" und "Freiheit" zu verbreiten. Ich habe mich empört, als ein US-Präsident tausende von Menschen einfach so, ohne Anklage, ohne Chance auf Verteidigung, ohne Gerichtsverfahren und ohne Urteil hinterrücks ermorden liess, und alle, die zufällig in der Nähe waren, gleich als Kollateralschaden mit dazu. Aber ich habe irgendwann gemerkt: Es ist nur eine winzige Minderheit, die sich über diesen Zerfall unserer Zivilisation aufregt. Insbesondere die Qualitätsmedien, die Hüter der Demokratie, fanden das alles voll ok, und den mordenden Präsidenten sogar eine Art Messias. Erst jetzt, als ein anderer Präsident sexistische Sprüche vom Stapel lässt, da funktioniert das mit der Empörung wieder. Aber jetzt bin ich müde. Und ehrlich gesagt, diese Empörungsgründe finde ich es auch nicht wert, mich aufzuregen.
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