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Doom3-Screenshots: Comeback des Grusel-Shooters

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Zwei Tage vor seiner US-Veröffentlichung und eine Woche vor dem Deutschlandstart verbreitete sich eine geklaute Version von Doom3 im Internet - womit das Spiel direkt auch in Deutschland abrufbar wird. Das Geschäft wird das kaum behindern, glaubt der Vertrieb: Doom3 verspricht, zum Kassen-Knaller der Saison zu werden.

Eine Woche vor dem Deutschland-Start: Doom3 dürfte zum umstrittensten, aber auch erfolgreichsten Spiel der Saison werden

Eine Woche vor dem Deutschland-Start: Doom3 dürfte zum umstrittensten, aber auch erfolgreichsten Spiel der Saison werden

Über Shooter-Spiele reden ist leicht. Weil es in aller Regel darum geht, möglichst schnell und effektiv möglichst viele Wesen verschiedener Gestalt vom Leben zum Tode zu befördern; weil das für echte Spieler erst dann den richtigen Reiz hat, wenn man mit einer respektablen Waffenauswahl von Handfeuerwaffe bis Kettensäge richtig fies "fräggen" kann; weil all das im Gerüst einer Handlung serviert wird, die nichts anderes leisten soll, als den Spieler von jeder Moral zu entbinden, scheiden und erregen sich die Geister bei diesem oft diskutierten Thema.

Spieler verstehen da oft die Aufregung nicht - was auch daran liegen könnte, dass sie wissen, wie sie sich nach einer exzessiven Shooter-Runde fühlen: müde, nur noch müde. Denn der häufigste Vorwurf an die Gewaltspiele ist, dass sie die Spieler aufstachelten, aggressiver machten, ihnen Killerreflexe eintrainierten. Für Spieler ist das schlicht lächerlich.

Zumindest über den letzten Punkt kann man jedoch kaum streiten. Wer etwa die ersten 20 Minuten in "Doom3", dem neuesten Machwerk des Kultprogrammierers John Carmack, überleben will, braucht schon einige Übung. Wenn das anders wäre, würde Doom3 zum Ladenhüter - aber das ist kaum zu erwarten.

Denn die Doom-Reihe ist so etwas wie die Mutter aller Schockerspiele, eine Software, die vor allem Stress und Spielern darum Spaß macht: Im Rahmen einer weitestgehend sinnbefreiten Rahmenstory wird da gemetzelt, was das Zeug hält. Das Ganze kommt grafisch so düster wie opulent daher. Bisher hat noch jedes Carmack-Spiel der Doom- und Quake-Reihen die Standards im Horror-Action-Baller-Metzel-Genre verschoben und teils neu gesetzt.

Da wird auch Doom3, das in Deutschland ab dem 12. August in den Läden stehen soll, keine Ausnahme machen.

Viel ungewöhnlicher ist, dass es überhaupt in den Läden stehen darf - und nicht unter der Ladentheke verkauft werden muss. Für ein Spiel wie Doom, das selbst indiziert und daher völlig unbeworben jederzeit das Potenzial zum größten Kassenschlager der Saison hätte, ist das fast schon ehrenrührig: Zum ersten Mal überhaupt wurde ein Doom-Spiel nicht indiziert, darf beworben und an Spieler ab 18 Jahre verkauft werden.

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Doom3: Düsterer Pixel-Alptraum

Das, glaubt man bei Activision, liege zum einen daran, dass Doom als Fantasy-Spiel daherkommt, in dem man Zombies und Monster jenseits aller Vorstellungskraft gewaltsam entsorgt (oder von ihnen zerfleischt wird), und das zum anderen Doom ja vergleichsweise "unblutig" sei.

Im schmutzigen Doom wird also relativ sauber gestorben. Optisch spektakuläre Schockeffekte sind für die Fans zwar außergewöhnlich wichtig, doch was da nun in welcher Quantität wie weit spritzt, interessiert sie nicht wirklich. Darüber können sich Politiker und Pädagogen erregen, die sich angeekelt Standbilder ansehen: Der Spieler hat dafür keine Zeit.

Denn die Drogen des Shooter-Spielers sind Stress und Geschwindigkeit. Wer es nie ausprobiert hat, kann sich nicht vorstellen, in welchem Maße Spiele wie Doom den Spieler körperlich wie geistig anstrengen. Die grafischen Details sind "cool", das Spielgefühl jedoch ergibt sich aus dem richtigen Flow, dem Spielfluss aus Anspannung, Schock, Action, Erleichterung und neuer Anspannung. "Nachher", sagt Spieler Thomas, "fühle ich mich nur noch leer".

id: Stars der Ballerszene

Und gut. Weil das so ist, fieberten Hunderttausende von Fans der Veröffentlichung von Doom3 bereits seit Monaten entgegen. Vier Jahre dauerte die Programmierung des neuen Schockers und verschlang dabei einen Etat, für den man hierzulande drei bis vier große Kinofilme produziert: Mehr als zehn Millionen Dollar waren es auf jeden Fall. Die Gerüchteseiten über den Stand der laufenden Produktion, die in den letzten zwei Jahren entstanden, sind teils aufwändiger und professioneller als vieles, was andere Unternehmen ihren fertigen Produkten widmen.

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Doom3: Und noch mehr Horror...

Überhaupt das Unternehmen: id-Software ist so etwas wie der Vatikan der Ballerspieler und John Carmack ist ihr Papst. Der Amerikaner entwickelt nicht nur die Spiele- und viele der Grafik-Ideen, er zeichnet auch für die so genannte "Graphic Engine" verantwortlich.

Die ist tatsächlich eine programmiertechnische Meisterleistung: Schon mit dem ersten Doom-Spiel schuf Carmack eine Programmoberfläche, auf der sich der Spieler in Ich-Perspektive durch komplexe Räume bewegt. Seine Programmierung wurde zum Vorbild aller folgenden Ego-Shooter und vieler Action- und Adventurespiele bis hin zur harmlosen Lara Croft. Carmacks Engines treiben unzählige Spiele an - auch, wenn er natürlich längst mächtige Konkurrenz hat. Doch mit jeder neuen Generation steigert Carmack die Möglichkeiten, die "Lebensechtheit" von Raum und Bewegung.

Erste Reaktionen: Laute Salutschüsse

Kein Sympath: Bei Doom begegnet man wenig Wesen, denen man gern nochmal begegnen würde

Kein Sympath: Bei Doom begegnet man wenig Wesen, denen man gern nochmal begegnen würde

Das gilt wohl auch für Doom3, das nach seiner Veröffentlichung in den USA am Dienstag in ersten Rezensionen frenetisch gefeiert wird. Carmack ließ sich noch am selben Tag von slashdot.org interviewen und stellte für die nächste Generation von id-Spielen eine noch mächtigere Engine in Aussicht: There's no rest for the wicked.

Doch vorher werden erst einmal Doom3 und seine folgenden Add-Ons abräumen: Selbst, dass zwei Tage vor der Veröffentlichung eine Raubkopie durch die P2P-Börsen raste, kann die id-Macher nicht weiter aufregen. Warum auch? id-Software begann seinen Siegeszug als Verteiler kostenloser Spiele: Die erste Doom-Version wurde zunächst als Shareware verteilt.

Den Erfolg hat das nicht verhindert, sondern erst ermöglicht. Jetzt sollen schon am ersten Tag über 50.000 Downloads über IRC, Bittorrent und andere Kanäle gelaufen sein. Doch Typen, die sich Doom in der "weggefundenen" Version aus dem Web zögen, heißt es bei id-Software, hätten das Spiel im Laden sowieso nicht gekauft. Soll heißen: Fans klauen nicht.

Programmierter Hit

Selbst beim Vertrieb Activision in Deutschland gibt man sich kühl: "Die Onlinepiraterie hat keinerlei Auswirkungen auf die Vorbestellungen. Im Gegenteil, es gehen immer mehr Bestellungen ein!" Sagt Andreas Stock, seines Zeichens Chef von Activision Deutschland. Seine Prognose: "Der Handel wird im Sommer den absoluten Hittitel bekommen. Doom 3 wird die größte Auslieferung in der Geschichte von Activision Deutschland."

Zu so viel Souveränität haben Produzent und Vertrieb auch allen Grund. Doom3 ist schon jetzt ein Kassenschlager, ein Selbstläufer, ein Brummer. Diverse Add-Ons werden für zusätzliche Umsätze sorgen. Mehr noch: Doom3 dürfte zum Motor eines Mini-Doom-Booms werden, denn das Spiel befeuert auch die Umsätze der Hardwarebranche.

Zwar kann man das Spiel auch in abgespeckter Version mit einem vergleichsweise "kleinen" Rechner ab 1,8 Ghz-CPU spielen, doch besser wäre mehr. Wer nicht mindestens über ein Gigabyte Arbeitsspeicher verfügt, rät "PC Games", sollte gar nicht erst anfangen. Ansonsten sind die Spiele-Profis sehr, sehr angetan: Als erstes Spiel überhaupt erntet Doom3 in ihrem Test 90 Punkte. Das feiern dann auch die Spieler im "Krawall Gaming Network". Das Spiel habe "in puncto Schockeffekte mehr als unsereins an Sexappeal zu bieten".

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