Download-Dämmerung Wie das Streaming-Geschäft den Musikmarkt verändert

Der deutsche Musikmarkt steht vor einem radikalen Umbruch: Die Telekom schließt ihr Downloadportal und setzt auf den Streaming-Partner Spotify. Die Analyse der Marktzahlen in Norwegen und Schweden zeigt: Download-Shops werden zu Nischenanbietern, Kaufmusik boomt vor allem durch Streaming.

The Parlotones: Die deutsche Musikbranche freut sich über steigende Umsätze
Corbis

The Parlotones: Die deutsche Musikbranche freut sich über steigende Umsätze


Der Umsatz mit Kaufmusik in Deutschland ist 2013 erstmals seit 15 Jahren leicht angestiegen, doch die Telekom will ihr Musikkaufportal Musicload loswerden. Auf den ersten Blick sind das zwei widersprüchliche Meldungen. Der deutsche Bundesverband Musikindustrie äußert sich optimistisch über das Geschäft im vergangenen Jahr. Nach den ersten Zahlen der GfK sollen die Einnahmen aus dem Verkauf von Musik um ein Prozent auf 1,45 Milliarden Euro gestiegen sein.

In Deutschland boomt das Digitalgeschäft, hier ist der Umsatz um zwölf Prozent gestiegen. Der Verkauf von CDs und Vinyl sinkt nicht mehr ganz so drastisch - 2013 gab es laut Musikindustrie nur ein Minus von zwei Prozent.

Wie sich der deutsche Musikmarkt verändert, verraten diese Zahlen allerdings nicht. Noch fehlt die wichtigste Kennzahl: Wie hoch ist der Umsatzanteil aus Musik-Abodiensten wie Simfy, Spotify, Rdio? Diese als Musik-Streaming bezeichneten Angebote funktionieren wie eine Flatrate: Solange man Abogebühren zahlt, kann man das komplette Angebot online und bei vielen Firmen auch offline (zum Beispiel auf Smartphones) nutzen. Zahlt man nicht mehr, ist alles weg. Anders als bei Downloads und CDs besitzt man die gekaufte Kopie der Musik nicht dauerhaft.

Dieses Modell hat in anderen Staaten den Musikmarkt bereits komplett umgekrempelt. Ein Blick in die Marktdaten aus Schweden und Norwegen könnte erklären, warum die Telekom nun ihren Musik-Downloadshop loswerden will. Wenn es in Deutschland so läuft wie in Skandinavien, ist als Nummer 3 im Download-Geschäft bald immer weniger zu verdienen:

  • In Norwegen kamen 2013 fast zwei Drittel der gesamten Einnahmen der Musikindustrie aus Aboverkäufen für Streaming-Dienste.
  • Die Download-Umsätze sind im Vergleich verschwindend gering, sie bringen etwas mehr als ein Zehntel des Gesamtumsatzes mit Kaufmusik (siehe Tabelle unten).

Norwegischer Musikmarkt (Umsatz in norwegischen Kronen)

Kaufmusik 2009 2010 2011 2012 2013
Gesamtumsatz 592.000.000 519.000.000 508.000.000 545.000.000 603.000.000
Veränderung (%) -2,95 -12,33 -2,12 7,28 10,64
Digital 89.000.000 143.000.000 248.000.000 335.000.000 468.000.000
Veränderung (%) 56,14 60,67 73,43 35,08 39,70
Digitalanteil Gesamtmarkt 15,03 27,55 48,82 61,47 77,61

Quelle: IFPI Norge

In Schweden, dem Heimatland des Marktführers Spotify, ist die Lage noch klarer:

  • Im ersten Halbjahr 2013 kamen in Schweden 70,32 Prozent des Umsatzes mit Kaufmusik aus dem Streaming-Geschäft.
  • Das Digitalgeschäft mit Musik in Schweden ist inzwischen fast völlig vom Streaming bestimmt - Downloads machen weniger als fünf Prozent des Gesamtumsatzes aus (siehe Tabelle unten).
  • Der Musikmarkt in Schweden hat sich binnen drei Jahren komplett gedreht. 2010 machten Streaming-Dienste ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus, im ersten Halbjahr 2013 waren es fast drei Viertel.

Schwedischer Musikmarkt (Umsatz in SEK)

Kaufmusik 2009 2010 2011 2012 2013*
Gesamtumsatz 861.433.335 825.119.000 829.251.000 943.563.000 499.405.000
Veränderung (%) 10,17 -4,22 0,50 13,78 -
Digital 140.497.046 257.145.000 324.226.000 598.608.000 375.788.000
Veränderung (%) 98,56 83,03 26,09 84,63 -
Digitalanteil Gesamtmarkt 16,31 31,16 39,10 63,44 75,25
Streaming 64.808.544 170.067.000 348.597.000 541.983.000 351.189.000
Streaming Veränderung (%) - 162,41 104,98 55,48 -
Streaminganteil gesamt (%) 7,52 20,61 42,04 57,44 70,32

* 1. HJ 2013 Quellen: Ifpi Schweden

Diese Veränderung könnte auch Deutschland bevorstehen. Der Digitalumsatz hierzulande ist mit einem Viertel (1. Halbjahr 2013) des Gesamtmarkts auf dem Niveau, das Norwegen und Schweden 2010 hatten. Für kleine Download-Shops wie Musicload sind das schlechte Aussichten, für die Musikindustrie insgesamt eher positive.

In Schweden und Norwegen hat der Streaming-Boom den Gesamtumsatz mit Kaufmusik steigen lassen. Nicht nur um ein Prozent wie in Deutschland 2013, sondern zweistellig - 10,64 Prozent in Norwegen 2013 und 13,78 Prozent in Schweden 2012.

Umsatzanteile Streaming an Kaufmusik weltweit

Land Deutschland (1HJ/2013) Norwegen (2013) Schweden (1HJ/2013) USA (2012) UK (2013)
Digitalanteil (%) 24,5 77,6 75,25 59 -
Streaming (%) 4,6 65,3 70,32 15 10

* 1HJ/2013 / ** USA 2012 / Quellen: Ifpi, BVMI, BPI

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In Deutschland verfügbare Streaming-Dienste im Vergleich:

Streaming-Dienste: Google, Spotify, Simfy

Angebot Google Play Music Spotify Simfy
Titel im Katalog 20 Mio. 20 Mio. 25 Mio.
Browser ja ja ja
Player Desktop Browser Windows, MacOS, Linux, iOS, Android, Blackberry Windows, MacOS, Linux, iOS, Android, Blackberry
Player Mobil Android, iOS iOS, Android, Blackberry, Windows Phone iOS, Android, Blackberry
Player Musikanlagen - Sonos, Squeezebox, Onkyo, WD, Boxee Sonos, Raumfeld, Noxon, Onkyo, Cocktail Audio
Offline-
Modus (Desktop)
ja (9,99) ja (9,99 Euro) ja (9,99 Euro)
Offline-
Modus (mobil)
ja (9,99) ja (9,99 Euro) ja (9,99 Euro)
Eigene Daten (Desktop) ja ja ja
Eigene Daten (mobil) ja ja (9,99 Euro im Monat) nein
App-
Plattform
nein ja nein
Künstler-
Radio
ja ja ja
Bitrate bis 320 Kbi/s 160 Kbit/s Dektop, 320 Kbit/s (99 % 9,99 Euro) 192 - 320 Kbit/s
Gratis - werbe-
finanziert
-
Bezahl-Angebot 1 9,99 (bis 15.1. 7,99) 4,99 Euro (unbe-
grenztes Streaming Desktop, werbefrei)
4,99 (unbe-
grenztes Streaming auf Desktop / per Browser)
Bezahl-Angebot 2 - 9,99 Euro / Monat 9,99 Euro / Monat

Stand: 6.1.2014

Musik-Streaming: Napster, Deezer, Rdio, Juke

Angebot Napster Deezer Rdio Juke
Titel im Katalog 15 Mio. 30 Mio. 20 Mio. 20 Mio.
Browser ja ja ja ja
Player Desktop Windows / MacOS nein Windows / MacOS, Browser nein
Player Mobil iOS, Android iOS, Android, Blackberry, Windows Phone 8 iOS, Android, Blackberry, Windows Phone 8 iOS, Android, Windows Phone 8
Player Musikanlagen Sonos, Loewe TV, Logitech Smart Radio, LG Smart TV Loghtech Squeezebox, Sonos, Sonos, Roku Sonos, Philips Fidelio
Offline-
Modus (Desktop)
ja ja (9,99 Euro im Monat, 1 Rechner) nein ja
Offline-
Modus (mobil)
ja (9,95 Euro) ja (9,99 Euro im Monat, 1 Gerät) ja (9,99 Euro im Monat) ja
Eigene Daten (Desktop) nein ja ja nein
Eigene Daten (mobil) nein ja ja (9,99 Euro im Monat) nein
App-
Plattform
nein nein nein nein
Künstler-
Radio
ja ja ja nein
Bitrate 128 Kbit/s (Streaming Dekstop), 192 Kbit/s AAC offline bis zu 320 Kbit/s bis zu 320 Kbit/s keine Information
Gratis Testversion 7 Tage 30 Sekunden zum Reinhören / Testversion 15 Tage Premium Testversion 7 Tage Unlimited nein
Bezahl-Angebot 1 7,95 (Streaming Desktop) 4,99 (Browser / Desktop), 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 4,99 (Browser / Desktop), 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) -
Bezahl-Angebot 2 9,95 (Desktop und Mobil) 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 9,99 (Mobil, Offline-Funktion) 9,99

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 21.01.2014
1. Hier ein Abo
dort ein Abo und dort drüben noch ein Abo. Dann kauf ich mir doch lieber meine 1 , 2 oder 3 Alben im Jahre richtig guter Musik und noch ein paar Filme und gut ists. Und das kann ich mir so oft anhören bis sich der Datenträger in einer Spirale aufgelöst hat. Meine Vinyls sind zum Teil über 30 Jahre alt kein Stream der Welt würde mir die Musik bieten die darauf ist
mgerhard 21.01.2014
2. Künstler verdienen bei Streaming am wenigsten
Es ist lächerlich, wieviel Künstler bei Streaming verdienen. Das sind Bruchteile von Cents. Ich habe mit meiner Band das Streaming-Angebot gestoppt. Unsere Musik gibt's nur noch als Kauf. Ich hoffe, dass sich mehr Künstler dem Streaming-Boykott anschließen. Erst wenn die Bezahlung einigermaßen stimmt, werden wir vielleicht wieder als Stream zu hören sein. Außerdem ist die Soundqualität erbärmlich. Da sitzt man im Studio, produziert mit 24 Bit / 196 kHz Topqualität und nachher wird alles zu Müll komprimiert. Es ist traurig.
eimsbusher 21.01.2014
3.
Zitat von sysopCorbisDer deutsche Musikmarkt steht vor einem radikalen Umbruch: Die Telekom schließt ihr Downloadportal und setzt auf den Streaming-Partner Spotify. Die Analyse der Marktzahlen in Norwegen und Schweden zeigt: Download-Shops werden zu Nischenanbietern, Kaufmusik boomt vor allem durch Streaming. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/download-daemmerung-wie-streaming-den-musikmarkt-veraendert-a-944652.html
Gibt es Daten, wie viel Energie das jährlich zusätzlich verbraucht, wenn fast alles, was man so hört und sieht gestreamt wird? Noch mehr Server mit noch mehr Kühlung, Sende- und Empfangsleistung laufen ja auch nicht ohne Strom. Ich finde diese Entwicklung bedenklich.
thomas_gk 21.01.2014
4.
ich weiß nicht, ob bei mir der Altersstarrsinn schon zu weit fortgeschritten ist - aber am liebsten habe ich noch wie früher die große Tasche einer Platte in den Händen, auf der dann noch etwas zum Künstler steht. Und am zweitliebsten eine CD mit einem guten Cover, mit einem Büchlein mit viel Informationen. Und ich behalte gerne den Überblick über die Musiksammlung. Das gelingt mir bei einer Datenanhäufung kaum. Fazit: Streaming ist nichts für mich, auch dieser Mode bleibe ich fern
DrStrang3love 21.01.2014
5.
Zitat von sysopCorbisDer deutsche Musikmarkt steht vor einem radikalen Umbruch: Die Telekom schließt ihr Downloadportal und setzt auf den Streaming-Partner Spotify. Die Analyse der Marktzahlen in Norwegen und Schweden zeigt: Download-Shops werden zu Nischenanbietern, Kaufmusik boomt vor allem durch Streaming. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/download-daemmerung-wie-streaming-den-musikmarkt-veraendert-a-944652.html
Dieser (Halb-)Satz ist ein Oxymoron. Gestreamte Musik ist per definitionem nichts was man "gekauft" hat, sondern bestenfalls gemietet oder geliehen. Für mich ist dieser ganze Streaming-Kram nix. Ich höre zwar hin und wieder bei Last.fm rein, aber meist nur, um neue Musik kennenzulernen - die ich dann *kaufe*. Und zwar in aller Regel auf *CD*.
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