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22. Dezember 2012, 07:14 Uhr

Bildkritik von fokussiert.com

Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Anderer Beschnitt, Schwarzweiß-Umwandlung, vielleicht sogar Retusche: Mit kleinen Handgriffen können gute Fotos noch besser werden. Wie das geht, erläutern Profis an Beispielen - drei Tipps für bessere Bilder vom Fachblog fokussiert.com.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

Straßenfoto mit strengen Formen

Kommentar des Fotografen Volker Rein:

Am Münchner Marienplatz ist am Abgang zur U-Bahn dieses interessante Bodenmuster aufgeklebt. Per Zufall kam dann noch eine Dame mit dem gepunkteten Rock in Blau. Ich stand da gute zehn Minuten und habe einige Aufnahmen gemacht, aber diese hier gefällt mir besonders gut. Die räumliche Situation ist allerdings sehr beengt und man braucht ein gewisses Beharrungsvermögen, wegen der vielen Leute die rauf und runter gehen.

Profi Robert Kneschke zum Foto:

Ein guter Fotograf hat nicht nur eine Kamera, sondern auch ein geschultes Auge, welches spannende Farben, Formen und Motive auch dort entdeckt, wo die meisten Leute gedankenlos vorbeigehen. Oder wie in diesem Fall wortwörtlich täglich mit den Füßen darauf rumtrampeln. Volker Rein hat am Münchener Marienplatz dieses Foto gemacht, das auf den ersten Blick wie ein gelungener Schnappschuss aussieht, aber in Wahrheit Geduld und Ausdauer erforderte.

Die knallgelben Karos und dicken Linien auf dem Boden bilden einen sehr starken Kontrast, der jedoch alleine noch nicht ausgereicht hätte. Das i-Tüpfelchen ist der blaue Rock mit den weißen Punkten.

Sehr gut gefallen mir die vielen kompositorischen Details, die vielleicht nicht immer Absicht waren, aber hier im Endergebnis alle dazu beitragen, dass das Bild sehenswert wird. Dazu zählt zum Beispiel, dass der Fotograf das quadratische Format für sein Bild gewählt hat, womit die kleinen Quadrate zum Abbild des großen Quaderformats werden.

Die diagonalen Linien lenken den Blick direkt zu der Frau und damit auf das Hauptmotiv. Der vom Betrachter aus gesehen linke Fuß, welchen wir zuerst wahrnehmen, steht noch am Rande des "Quadergebiets", während der rechte Fuß schon im Bereich der gelben Linien verweilt. Der Übergang zwischen den beiden geometrischen Formen wird so durch den Gang der Frau verstärkt.

Etwas störend wirken lediglich der weiße Fleck auf dem Boden unter dem rechten Fuß und das Pflaster am Hacken der Frau. Aber das sind die Details, gegen die ein Straßenfotograf bei der Aufnahme machtlos ist und es ist wohl eine zutiefst persönliche Geschmacksfrage, ob so etwas nachträglich retuschiert werden darf oder nicht.

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Reisterrassen in Linien - Symmetrie muss durchgehalten werden

Kommentar des Fotografen Michael Markus:

Das Bild entstand im Mai 2011 auf Bali. Das satte Grün und die grafischen Linien der Reisterrassen sind beeindruckend.

Profi Sofie Dittmann zum Bild:

Ich habe mir über Dein Foto lange Gedanken gemacht. Nicht so sehr, weil etwas falsch wäre. Du hast die Reisterrassen auf eine interessante Art eingefangen. Interessanter als jene Variante, die man schon zigmal gesehen hat: aus der Entfernung mit Weitwinkelobjektiv. Die Bildaufteilung unterstreicht den grafisch-abstrakten Charakter des Fotos, und die Linie, die die große Fläche unten von den dünneren Streifen oben trennt, ist fast im Goldenen Schnitt.

Ich habe nur eins zu bemängeln, die schwarze Stelle im Reis. Da die Linien sonst mehr oder weniger parallel verlaufen, führe ich das auf die Bepflanzung zurück, oder darauf, dass sich die Kamera nicht vollkommen parallel zur Szene befand. Wie dem auch sei, ich würde das Foto oben so beschneiden, dass die Stelle nicht mehr zu sehen ist, denn für mich stört sie die ansonsten streng durchgehaltene Symmetrie. So zugeschnitten, verschiebt sich im Bild die Trennlinie auch mehr in den Goldenen Schnitt und macht die Symmetrie komplett.

Ich habe mir so lange Gedanken gemacht, weil ich bei Deinem Foto spontan an eine Schwarzweiß-Umwandlung dachte. Du hast es als Landschaftsfoto aufgenommen, und als solches finde ich es gelungen. Wenn man allerdings das Bild in Schwarzweiß umwandelt, wird daraus ein Kunstfoto, das sich noch mehr auf die Streifen und Linien konzentriert. Das ist natürlich Geschmackssache. Es macht aus einem Urlaubsschnappschuss, den man auch in einem Reisemagazin über Bali finden könnte, ein Foto, das sich andere unbesehen an die Wand hängen würden. Es würde dann (mit Beschnitt) etwa so aussehen:

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Haustierfotografie - Hund um High Noon

Kommentar des Fotografen Jörg Oertel:

In vollem Lauf fotografiert. Das Highlight einer Serie von 15 Aufnahmen. Nikon D300s, Sigma 70-200/2,8, ohne OS, helle Mittagssonne, 1/2500 sec, Blende 4,5, Blendenautomatik, ISO 200, Brennweite 200mm, Autofokus und Belichtungsmessung: Spot, zentral.

Profi Sofie Dittmann zum Bild:

Dein Foto hat bei mir ein dickes Grinsen aufs Gesicht gezaubert. Der Hund sieht so komisch aus, dass ich an Deinem Bild nicht vorbeikonnte, wenn auch Haustierfotografie nicht so mein Ding ist. Dein Schnappschuss fängt einen Hund in seiner natürlichen Umgebung ein, und er ist nicht nur in seinem vollen Element, er sieht regelrecht glücklich aus.

Mein eigener Boxermischling rennt für sein Leben gern; die Energie überträgt sich auf den Betrachter, wenn man ihn durch die Gegend schießen sieht. Weil sich das Geschehen so schnell abspielt, ist es wie bei allen Szenen, in denen sich das Objekt sehr schnell bewegt (Radrennen, Fußballspiel etc.), jedoch sehr schwierig, das Gesehene effektvoll einzufangen.

Man kann die Szene so darstellen, dass man die Bewegung selbst mit ins Bild nimmt. Dazu muss man die Kamera mitziehen, während man auf das sich bewegende Objekt fixiert bleibt. Dieses ist dann scharf, während die Umgebung verschwimmt.

Oder man kann die Szene im Moment einfrieren, wie Du es hier getan hast. Dann sollte es aber ein Moment sein, der wirklich heraussticht, und das ist hier für mich der Fall. Der Hund schwebt über dem Boden, Du hast ihn im vollem Flug erwischt. Der Gesichtsausdruck, alles passt.

Der Hund ist voll mittig angeordnet, aber durch die Dynamik der Szene finde ich das nicht störend. Es gibt keinen anderen Ausschnitt dieses Fotos, der besser gepasst hätte.

Du hast das Foto mittags aufgenommen - Lichtverhältnisse wie diese sind im allgemeinen nicht ideal, weil sie für störende Schlagschatten und blasse Farben sorgen. Hier trägt die Mittagssonne zur Aufnahme positiv bei, sie unterstreicht die Authentizität, und der Schatten des Hundes auf dem Sand unterstützt visuell den Eindruck des Fliegens. Ich hätte hier nur noch die Farben etwas mehr verstärkt, denn sie sind mir etwas zu ausgebleicht.

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