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Dreidimensionales Fotomodell: Google legt den Bilderteppich über die Welt

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Wettlauf um das perfekte Weltmodell: Google webt auf Fotoportalen veröffentlichte Aufnahmen in seinen Kartendienst ein - Nutzer flanieren durch einen Bilderraum. Der Dienst ist ein Konter gegen Microsoft. Der Windows-Konzern experimentiert mit fotorealistischen 3-D-Ansichten.

SPIEGEL ONLINE

Das Google-Auto steht zwischen gelben Taxis eingeklemmt auf dem Times Square in New York, und wir schauen durch die Kamera auf dem Dach den Broadway hinab - Sonnenschein, viele Touristen, viele kurze Hosen. Das kennt man. Neu ist das: Mit einem Klick ruft man Aufnahmen von Hobbyfotografen auf, die hier gemacht wurden: Plötzlich ist es Nacht, wir schauen vom Bürgersteig auf den Times Square, überall im Foto tauchen graue Punkte und Pfeile auf, die zu anderen Aufnahmen führen.

Ein Klick - wir zoomen an die Leuchtreklame heran, ein grauer Rahmen taucht in dem Foto auf, klick, eine Detailaufnahme des Bildausschnitts, ein Klick links unten, es ist Tag, wir sehen Passanten auf dem Bürgersteig. Noch ein Klick, zwei Polizisten sind in Großaufnahme zu sehen.

Die Verknüpfungen dieses Fototeppichs sind verblüffend: Die Google-Software kann recht gut berechnen, wo ein Foto an ein anderes anschließt, man klickt sich durch zweidimensionale Aufnahmen und hat doch das Gefühl, sich in einem Raum zu bewegen, in dem es oben und unten, links und rechts gibt.

Google veredelt den Datenwust

Die verwendeten Fotos hat nicht etwas ein Google-Kameraauto gemacht - sie stammen allesamt von Nutzern, die ihre Aufnahmen mit Ortsangabe bei den Fotoportalen Picasa, Panoramio und Flickr veröffentlicht haben. Googles Straßenpanorama organisiert und veredelt diesen Datenwust. Bisher konnte man sich durch Fotos klicken, die irgendwo am Times Square aufgenommen wurden. Nun sieht man, wo genau der Fotograf gestanden hat, in welche Richtung er schaute und wie dasselbe Motiv aussieht, wenn es jemand fotografiert, der zehn Meter weiter links steht.

Fotostrecke

9  Bilder
Fototeppich: So sieht Googles Weltmodell aus

Die verantwortlichen Google-Ingenieure Daniel Filip und Daniel Cotting beschreiben das Ziel des Projekts in der Ankündigung so: "Wir wollen es erleichtern, Fotos zu durchstöbern, das soll sich ähnlich anfühlen wie das Entdecken von Orten per Street View." Also räumlich.

Bei oft fotografierten Orten in New York, Barcelona, Rom, Paris und Prag funktioniert das schon sehr gut - man blättert nicht durch ein Fotoalbum, sondern durchstreift einen Raum, indem es von jedem Gebäude immer neue Ansichten zu entdecken gibt.

Microsoft ist noch nicht ganz so weit

Da ist Google Microsoft wieder etwas voraus: Der Softwarekonzern hatte Mitte Februar eine ähnliche Erweiterung für seinen Kartendienst Bing Maps vorgestellt, der von Microsoft aufgenommene Straßenansichten mit Nutzerfotos vom selben Ort überblendet. Auf Bing Maps ist die Integration allerdings nicht ganz so weit: Auf Flickr veröffentlichte Fotos blendet Bing in die Straßenpanoramen von Seattle, San Francisco und Vancouver ein. Außerdem kann man derzeit weltweit knapp 20.000 dreidimensionale Fotopanoramen betrachten, die Nutzer mit Hilfe von Microsofts Fotodienst Photosynth kombiniert haben - die schweben dann in schwarzer Leere, sind von der eigentlichen Straßenansicht entkoppelt.

Googles Fototeppich funktioniert etwas anders: Fotos unterschiedlicher Nutzer werden miteinander verknüpft und auch nicht in die Straßenansicht eingewoben. Man klickt sie separat durch, bekommt aber einen räumlichen Eindruck, wenn genug Fotos desselben Motivs gemacht wurden. Die Animationen sind nicht ganz so spektakulär wie bei Bing, dafür ist der Google-Fototeppich überall verfügbar, wo es Street View gibt. Beim Flanieren in Googles Straßenpanoramen von London, Barcelona, New York und Paris funktionierte die Foto-Einbindung sehr gut.

Wieder mal wirkt das Google-Prinzip

Wenn die Entwicklung so schnell weiterläuft, werden Microsoft und Google in ein paar Jahren wohl sehr detaillierte Digital-Modelle der physischen Wirklichkeit anbieten.

Sie nutzen dabei das Klick-Arbeiter-Prinzip, mit dem seit Jahren viele Web-Unternehmen Erfolge feiern: Sie sammeln die Klicks anonymer Nutzer und veredeln sie zu Wissen. Beteiligt ist immer eine unbestimmte Masse an Menschen, die über das Internet wie auch immer geartete Daten schafft und bei einem Anbieter anhäuft. Egal ob Texte (Wikipedia), Kaufentscheidungen (Amazon) oder Bekanntschaften und Vorlieben (Facebook) - die große Kunst der erfolgreichen Datenorganisationen besteht darin, diese Informationen zu zentralisieren, zu ordnen und so auszuwerten, dass ein Mehrwert entsteht.

Google nutzt diese Methode schon bei der Web-Suche (häufig von Menschen angeklickte Suchtreffer werden mit der Zeit besser bewertet), bei der Rechtschreibkorrektur (Google lernt, welche Korrekturvorschläge zu Vertippern in Suchanfragen Menschen anklicken) und der Spracherkennung.

Und nun helfen die Nutzer mit ihren im Web veröffentlichen Fotos eben mit, ein Abbild ihrer Umwelt zu schaffen. Das Prinzip lässt sich noch weiterdenken: Die rudimentären Navigationsfunktion von Google Maps könnte man wunderbar mit anonymisierten Daten der Navigationssoftware in Google-Handys verbessern: Welchen Weg wählen Menschen, um von Punkt A nach B zu kommen? Wenn sehr viele vom Google-Vorschlag abweichen, wird es dafür einen Grund geben. Rechnet man ihre Durchschnittsgeschwindigkeit ein, weiß man, ob sie auf dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs sind.

Die Arbeit von Microsoft und Google am Weltmodell erinnert an die Erzählung "Von der Strenge der Wissenschaft", in der Jorge Louis Borges ein Reich beschreibt, in dem Kartografen die vollkommene Landkarte erarbeiten, die so detailliert ist, dass sie nutzlos wird, weil sie "genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm an jedem Punkte deckte". Borges hat das in einer Zeit geschrieben, als Modelle noch auf Papier gezeichnet wurden.

Die digitalen Weltmodelle haben gegenüber Borges' satirischer Vision zwei entscheidende Vorteile: Sie können sogar noch mehr Information enthalten, als der Blick in die reale Welt vermittelt - und sie brauchen nur so viel Platz wie der Bildschirm, auf dem man sie betrachtet.

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Bing Maps: Aus 2D mach 3D


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