DRM-Debatte EMI erwägt Verzicht auf Kopierschutz

Branchenintern läuft die Diskussion seit langem: Sind Kopierschutz und DRM wirklich ein Selbstschutz der Musikbranche, oder schrecken sie nur Kunden ab? Jetzt tobt der Streit öffentlich - und EMI denkt den Seitenwechsel an.


Als erste große Plattenfirma will möglicherweise die EMI ihren gesamten Musikbestand für den Online-Vertrieb bereitstellen, ohne dabei auf den bisher üblichen Kopierschutz zu bestehen. Bei entsprechenden Verhandlungen mit kommerziellen Musikportalen gehe es offenbar vor allem um die Höhe des Kaufpreises, berichtete am Freitag das "Wall Street Journal". Die Nachricht bedeutet Wasser auf die Mühlen von Branchen-Vordenkern wie Rob Glaser (Real) oder Steve Jobs (Apple), aber auch des Verbandes der Indie-Labels VUT und der Verbraucherverbände. Denn die Forderung ist alles andere als neu, allein die großen Labels sperren sich nicht nur vehement, sondern verfolgen den Bruch von DRM-Maßnahmen auch mit Anzeigen.

Dass jedoch innerhalb der Musikbranche ein Prozess des Umdenkens stattfindet, pfiffen die Spatzen seit einiger Zeit von den Dächern. So sehr bestimmte die Debatte um das Thema Digital Rights Management - die Einschränkung von Nutzungsmöglichkeiten bei digital vertriebenen Musikstücken - die Diskussionen auf der Branchenmesse Midem vor wenigen Wochen, dass sich etliche Industrievertreter genötigt fühlten, demonstrative Erklärungen zum Thema abgegeben zu müssen. Der Tenor: DRM ist Notwehr, und die Geräte- und IT-Industrie leisten mit Brennern und Kopierschutzknackern dem massenhaften Diebstahl Vorschub.

Ein verzerrtes Bild, denn intern laufen schon seit Monaten ganz andere Diskussionen. DRM verliert seinen Reiz, seit abzusehen ist, dass trotz Anti-Piraterie-Kampagnen und trotz des Niederganges zahlreicher Tauschbörsen der freie Fall der Verkaufszahlen von CDs nicht zu stoppen ist. Zugleich nehmen die Download-Zahlen zu - allerdings bei weitem nicht genug. Die gängigste Theorie, warum dies so ist: Die Kundschaft tut sich schwer mit Produkten, an die per DRM zahlreiche Bedingungen geknüpft sind und die schlicht nicht auf allen Geräten nutzbar sind. Kurzum: DRM sei ein Handelshindernis.

DRM-Verzicht: Ein Eigentor?

Bleibt die Gretchenfrage zu beantworten: Würde ein Verzicht auf DRM mehr Schaden durch Kopien verursachen oder mehr Umsätze bringen?

EMI ist offenbar bereit, das in der Praxis auszuprobieren. Das Unternehmen soll Online-Händler aufgefordert haben, Angebote für die Bereitstellung von Musiktiteln im DRM-freien MP3-Format zu machen. EMI ist gemessen am Umsatz die drittgrößte Plattenfirma der Welt und hält unter anderem die Rechte für die Musik der Rolling Stones und der Rockband Coldplay.

EMI-Sprecherin Jeanne Meyer lehnte es auf Anfrage ab, zu dem Bericht des "Wall Street Journal" Stellung zu nehmen. Allerdings äußerte sie sich positiv über jüngste Tests, Singles ohne DRM im MP3-Format zu verbreiten, zuletzt etwa mit einem Titel von Norah Jones. "Die Ergebnisse dieser Versuche waren sehr positiv, und das Feedback der Fans fiel geradezu enthusiastisch aus", sagte die Sprecherin.

Zu Beginn der Woche hatte Apple-Vorstandschef Steve Jobs die Musikverleger aufgerufen, ihr Beharren auf DRM aufzugeben. Diese Einschränkungen hätten wenig erreicht, um die Verbreitung von Raubkopien einzudämmen. Ihre Abschaffung würde hingegen dem Markt für Online-Musik neue Impulse geben, erklärte Jobs. Die gleiche Forderung hatte vor drei Wochen schon Rob Glaser, der Chef von Realnetworks, erhoben.

Die Forderungen fanden nicht zuletzt den Beifall von Verbraucherschützern. "Wir empfinden das grundsätzlich als eine gute Sache", sagte etwa Katja Mrowka vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) der "Berliner Zeitung". Applaus kam auch von Seiten der im VUT organisierten Indie-Plattenfirmen, die keinem der Branchenriesen angeschlossen sind.

Sie praktizierten DRM-freien Digitalvertrieb "schon seit Jahren", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung: "Die angemessene Vergütung für kreatives Schaffen von Musikern, Autoren und ihren Partnern muss gewährleistet sein, gleichwohl muss dem Kunden die Möglichkeit gegeben werden, die neuen Medien nach seinem Geschmack zu nutzen. Das derzeitige System der Nutzungseinschränkungen durch DRM ist kontraproduktiv. Vielmehr sollte DRM im Sinne eines 'Meßgeräts', z.B. als Wasserzeichen eingesetzt werden."

Genau das scheinen auch die Musikkonsumenten zu befürworten, wie ersten Ergebnissen der von der Forschungsgruppe Zukunftsmusik der TU Darmstadt und SPIEGEL ONLINE im Herbst durchgeführten, weltweit größten wissenschaftlichen Erhebung zum Thema digitale Musikwirtschaft zu entnehmen ist. DRM ist für sie einer der Hauptgründe, nicht in legalen Downloadshops einzukaufen. "Wasserzeichen" in Musikdateien, die im Falle eines Verbreitens von Raubkopien auf den Urheber zurück zu verfolgen wären, würden dagegen kaum jemanden stören.

Die Ifpi, die größte Lobby-Organisation der Musikindustrie, beharrt dagegen noch auf ihrem grundsätzlichen Pro-DRM-Kurs. Ifpi-Chef John Kennedy veröffentlichte am Mittwoch eine Replik auf Steve Jobs auch von DRM-Gegnern als scheinheilig kritisierte Forderung nach der Abschaffung von DRM (Apple setzt es selbst ein).

pat/AFP/AP

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