Dröge Aprilscherze Das ist nicht witzig!

Am 1. April wollen alle lustig sein, auch Medien - selbst wenn die Witze mies sind. Das beliebteste Opfer dröger Scherze ist in diesem Jahr der Internet-Dienst Twitter. Aber es geht auch anders.

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Hamburg - Gute Aprilscherze kommen entweder auf so leisen Füßen daher, dass man sie nicht sofort erkennt, oder so aberwitzig, dass man spontan davon ausgeht, dass sie wahr sein müssen - weil doch niemand solche Scherze treibt. Beide Varianten sind höchst selten, vor allem in den Medien. Denn, mit Verlaub, wir Journalisten sind da durchaus verklemmt. Die Nachricht als solche ist sakrosankt. Es gilt deshalb, Humor zu beweisen und zugleich jeden Eindruck von Unseriosität zu vermeiden. Am 1. April lässt man also mal ein bisschen den Witzbold raus - aber eigentlich nur, weil man wegen des Datums eben muss. Und am liebsten so, dass es garantiert niemandem wehtut.

Kein Wunder ist es darum, dass es in diesem Jahr vor allem Twitter trifft. Das ist dieser Mikro-Blogging-Dienst, über den wir sowieso jeden Tag irgendeinen Unsinn gemeldet bekommen.

Twitter ist ein typisches, garantiert 1.-April-kompatibles Thema, weil es

  1. kaum auffällt, wenn man Mist darüber verbreitet,
  2. niemandem wehtut, weil
  3. Twitter sowieso kein Geschäftsmodell hat, das man schädigen könnte.

Einen der besten Twitterscherze leistete sich ein unbekannter, aber feiger April-Scherzkeks, der eine gefälschte BBC-Web-Seite ins Netz stellte: " Twitter killed in worm attack", lautet die Schlagzeile, die man spontan glauben will, obwohl man natürlich weiß, dass so viel Glück selten ist. Damit aber auch wirklich jeder sofort begreift, dass es um einen Scherz geht, hat der Autor brav hinzugefügt: "Diese Web-Seite wurde als Aprilscherz produziert".

Ach so.
Haha.

Gut, dass der das darunter geschrieben hat. Hätte ja einer glauben können, diese Nachricht. In einer Welt, in der uns TV-Sender in Telefon-Quiz fragen, wie der Ort eines Verbrechens heißt - "a) Tatort oder b) Tatsache?" - ist alles möglich. Solche Haben-Sie-das-Hirn-einer-Amöbe?-Tests finden im deutschen TV übrigens nicht nur am 1. April, sondern täglich statt. Zur Hebung des Niveaus zwischen den Sendungen. Das könnte man auch anders machen - indem man das Niveau intelligent senkt. Zum Beispiel so wie in diesem Mitschnitt:

Ganz und gar glaubhaft ist hingegen, was Medienblogger Peter Turi am heutigen Mittwoch fabrizieren ließ: " Springer kauft Twitter". Für 1,5 Milliarden Dollar.

Da bei Springer wie bei Holtzbrinck die Devise gilt, dass alles gekauft wird, was "WWW" stottern kann und nicht bei drei auf dem Baum ist, dürfte das der plausibelste Aprilscherz sein, den sich ein deutsches Medium in diesem Jahr leistete. Zumal der Leser hier dann auch noch von einem "Kurz-Video-Dienst namens TwittVid" erfährt, "auf dem jedermann Videos von maximal zehn Sekunden Länge veröffentlichen kann". Das ist so doof, dass man sich unwillkürlich fragt, warum es das eigentlich noch nicht gibt. Kommt bestimmt bald.

Nach derselben Logik funktioniert diese Meldung über die neuesten Entwicklungen im Verhältnis zwischen Warner und dem BiTorrent-Portal ThePiratebay.

Klar in die Kategorie Galgenhumor gehört dagegen der Twitter-Scherz des "Guardian": Dass die altehrwürdige britische Zeitung ihre gedruckte Ausgabe aufgebe und die Nachrichten künftig per Twitter verbreite, klingt wie eine Routinemeldung aus der Zeitungswelt. Medienleuten bleibt dabei das Lachen im Halse stecken. In Großbritannien, wo selbst die Totenwache ein höchst humoriges, oft feucht-fröhliches Event ist, bei dem man lässig auf den Sarg gelehnt zum allgemeinen Vergnügen Witze über den Verstorbenen reißt, ist das noch naheliegend. Hierzulande wird sowas nicht verstanden. Über das Zeitungssterben scherzen? Also wirklich.

Nein, gute Aprilscherze sehen anders aus.

Wir Medienmacher wissen, dass man seinen Mitmenschen mit diesem schönen Brauch nicht wehtun darf. Es gilt, vollständig unterhalb der Relevanzgrenze zu witzeln. In den USA kommen Zuschauer zum Beispiel heute Abend in den TV-Genuss einer (haha!) ungeschminkten (echt? Wow!) Heidi Klum, die - auf diese Weise perfekt getarnt - als (hahaha!) Pizza-Bedienung arbeitete und (hahahaha!) die Kunden unhöflich behandelte (hohoho!). Dabei - so melden es Nachrichtenagenturen bereits zwölf Stunden vor der Ausstrahlung, damit wirklich niemand diese Überraschung verpasst, habe sie sogar in eine Pizza gebissen (hihihi!), bevor sie diese den perplexen Kunden servierte. Ein Wahnsinn ist das. Zeigen die bestimmt auch bei uns im Fernsehen.

Zurück zum Thema Aprilscherz. Der "Zürcher Tagesanzeiger" berichtet am heutigen Mittwoch über einen gravierenden Fall, wie man es nicht machen sollte. Da hat doch glatt ERZ, die kommunale Entsorgung und Recycling Zürich, am Dienstag verbreiten lassen, im Müll sei Gold gefunden worden.

Nachrichtenagenturen und Zeitungen nahmen die Meldung auf, verbreiteten sie am heutigen Mittwoch - und müssen nun ein Dementi bringen. Die Empörung ist groß, denn deutschsprachige Redakteure sind zurecht daran gewöhnt, dass sie entsprechende Pressemitteilungen schön bürokratisch-humorlos mit einem Hinweis "April, April!" gekennzeichnet bekommen, um die notwendige Humorwarnung an ihre Leserschaft weitergeben zu können. Nur so ist gewährleistet, dass seriöse Nachrichtenmedien auch am 1. April garantiert humorfreie Zonen bleiben - abgesehen davon, dass sie natürlich weiter über den Pop-Titanen (wuhaha!) Dieter Bohlen berichten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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altschmatt 01.04.2009
1. Lila Plakette
Der beste Scherz heute war wohl die Lila Plakette. Verbreitet bei so ziemlich jedem norddeutschen Radiosender. Nur noch als Besitzer einer solchen Plakette ist es ab dem 1. August gestattet Frauenparkplätze zu nutzen. Dies geht aus einem EU-Gesetz für Gleichstellung hervor. Bis 2011 müssen in allen Städten mit mehr als 25.000 Einwohnern 50% aller Parkplätze für Frauen sein und ab 22 Uhr dürfen in bestimmte Stadtgebiete nur noch Autos mit dieser Plakette fahren. Nun das beste, nur heute gibt es sie umsonst, ab morgen für 25€. Wo bekommt man sie? Beim Bürgeramt! Eigentlich lustig. Aber die andere Seite, die Mtarbeiter in diesen Ämtern dürften heute ziemlich fluchen. Ach ja das beste, heute werden noch 100.000 Plaketten an Männer verlost. http://www.lilaplakette.de/
Michael Giertz, 01.04.2009
2. Lila Plakette?
Das find' ich echt mal gut. Ich frage mich nur gerade, ob nicht irgendwo irgendwelche verklemmten Frauenrechtlerinnen das nicht wieder als Beleidigung auffassen ... Naja. Aprilscherze ... kann ich irgendwie nimmer drüber lachen. Die sollen ja irgendwie auch "Satire" sein, es krankt allein daran, dass wir 365 Tage im Jahr "Realsatire" vorgespielt bekommen, da fällt der 1. April kaum noch auf.
bling_dingeling 01.04.2009
3. Kein Satire
Schon in unserer Schülerzeitung MUSSTEN wir nicht ganz ernst gemeinte Artikel dick und fett mit "Satire" überschreiben...
Mockingbird 01.04.2009
4. Sehr witzig.
Es gibt gute und schlechte Aprilscherze? Wer hätte das gedacht. Meisterleistung. Wäre trotzdem nett gewesen, auch die guten zu erwähnen. Zu den beigefügten Erklärungen, gerade auf der gefälschten BBC-Seite: In den meisten englischsprachigen Ländern, mit Ausnahme der USA, endet die Zeit für Aprilscherze pünktlich um 12 Uhr mittags. Danach wird aufgelöst, und wer danach noch Scherzversuche macht ist selbst der "april fool". Das hat nichts mit Feigheit zu tun. Nur so nebenbei. Hätte man bei all dem Wehklagen schon berücksichtigen können. Aber nee, lieber "Ach so, haha" hinzufügen. Sarkasmus. Haha. Ach ja, und zu "ob nicht irgendwo irgendwelche verklemmten Frauenrechtlerinnen das nicht wieder als Beleidigung auffassen ..." Ja, okay. Wenn ich jetzt sage "oh, guck an, jemand der was gegen Gleichberechtigung hat, sowas gibt's auch noch", kommt dann die Ausrede "nein nein, gar nicht, nur gegen die verklemmten, ich wollte ja gar nicht andeuten daß die alle verklemmt sind...", oder "da, siehste, Recht gehabt, alle verklemmt, man wird doch ein Späßchen machen dürfen"? Ist mein einziger Weg, diesen Kommentar als dümmlich betrachten zu dürfen, es nicht laut zu sagen? Frauenrechtler(innen) setzen sich für so unverschämte Privilegien wie Gleichbehandlung, Wahlrecht, etc. ein, nicht für Besserbehandlung. Eine *Besser*behandlung ist genau so ungerecht, und da werden ihnen die meisten "verklemmten Frauenrechtler" zustimmen. Um das für eine Schlechte Sache (tm) zu halten, muss man ja schon fast Angst vor Frauen haben. Ist die Idee, daß es Menschen gibt, die Frauen mit den gleichen Rechten wie Männer ausstatten wollen, wirklich so schreckenerregend, daß man gleich wieder mit "verklemmt" ankommen muss? Herr Barth, sind sie das? Die Plakettenseite hat sich eigentlich schon selbst ins Bein geschossen, indem sie das *Gleich*stellungsgesetz zitiert. Hätten sie doch lieber die brandgefährliche Frauenermächtigungsrichtlinie zitiert - das scheint es ja zu sein, wovor manche Menschen wirklich Angst haben und was sie das ganze Jahr über für ein dräuend Ungemach halten... :P
ttx 01.04.2009
5. *
Zitat von sysopAm 1. April wollen alle lustig sein, auch Medien - selbst wenn die Witze mies sind. Das beliebteste Opfer dröger Scherze ist in diesem Jahr der Internet-Dienst Twitter. Aber es geht auch anders. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,616733,00.html
Noch unwitziger als manche schlechten Aprilscherze ist wohl nur dieser Artikel ...
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