"Du bist Terrorist" Werbeagentur einigt sich mit Satire-Website

Der Macher der Satire "Du bist Terrorist" muss nun doch keine Klage fürchten. Die Blogosphäre hatte rebelliert, weil die Werbeagentur kempertrautmann mit rechtlichen Schritten drohte. Die lenkt nun ein: Es sei alles ein Missverständnis gewesen.

Von Carolin Neumann


Virales Wunderland Internet: Das Video "Du bist Terrorist", eine Satire auf die Social-Marketing-Kampagne "Du bist Deutschland", haben innerhalb von knapp zwei Wochen mehr als 360.000 Menschen auf den Video-Plattformen YouTube und Vimeo angesehen. Der kurze Film ist die Abschlussarbeit des Designstudenten Alexander Lehmann. Er fasst eindrucksvoll die bedrohlich wirkenden Einschränkungen der Privatsphäre durch den Gesetzgeber zusammen.

Bedrohliche Stimmung im Satire-Video: Für 82 Millionen Menschen gilt "Du bist Terrorist"

Bedrohliche Stimmung im Satire-Video: Für 82 Millionen Menschen gilt "Du bist Terrorist"

Wesentlich zum Erfolg des Clips dürfte die in Hamburg ansässige Werbeagentur kempertrautmann beigetragen haben - allerdings wohl eher ungewollt. Am Freitag hatte Michael Trautmann, Geschäftsführer der Agentur, die seinerzeit für die Original-Kampagne "Du bist Deutschland" verantwortlich war, dem Macher der Satire eine E-Mail geschrieben. Darin soll er Lehmann unter anderem aufgefordert haben, die Domain dubistterrorist.de nicht mehr zu verwenden und sämtliche Bezüge zu "Du bist Deutschland" zu löschen". Zeit.de zitiert aus der E-Mail: "Sollten Sie meinen Bitten nicht innerhalb der nächsten drei Tage nachkommen, werden unsere Auftraggeber den Rechtsweg einschlagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann Kosten auf Sie zukommen, ist groß."

Mittlerweile haben sich die beiden Parteien geeinigt. In einem freundschaftlichen Telefonat, wie beide versicherten, hätten sie entschieden, dass die Seite dubistterrorist.de unbehelligt weiter bestehen darf, wenn Alexander Lehmann im Gegenzug die Fotografien von Kindern aus der "Du bist Deutschland"-Kampagne entfernt, die bislang im Hintergrund zu sehen waren. Dies sei zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der abgelichteten Kinder notwendig gewesen. Lehmann hat die Bilder mittlerweile unkenntlich gemacht.

Viel Wind um nichts

Bei allem, dem auch nur der Verdacht von Zensur anhaftet, versteht die deutsche Blogosphäre keinen Spaß. Blogger hatten das Video, mit anerkennenden Kommentaren versehen, im Netz verbreitet. Als dann Auszüge aus Trautmanns E-Mail publik wurden, protestierten sie zuhauf. Der Agenturchef sagte SPIEGEL ONLINE, er sei sogar vielfach beschimpft worden und habe E-Mails mit Inhalten wie "Verrecke!" bekommen.

Tatsächlich scheint es sich bei all der Aufregung jedoch weniger um einen Konflikt zwischen "Du bist Terrorist" und "Du bist Deutschland" zu handeln. Vielmehr dürfte der Vorgang ein Lehrstück für manchmal fehlgeleitetem Aktionismus im Web 2.0 sein. "Dass die E-Mail öffentlich wird, war nicht meine Absicht", erklärte Alexander Lehmann auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Er habe schlicht Panik bekommen und sie auf der Suche nach juristischem Rat an seinen Verteiler geschickt. Obwohl er von dem medialen Echo und den zahlreichen Glückwünschen und Sympathiebekundungen beeindruckt sei, habe er dies weder beabsichtigt noch erwartet.

Michael Trautmann ärgert sich über die Kettenreaktion und räumt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein: "Mit meiner ersten E-Mail am Freitag bin ich wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen." Er habe kein Interesse daran gehabt, das Projekt von Alexander Lehmann zu behindern, und es sei ihm auch nicht um den Inhalt des Videos gegangen. Adaptionen der Marke "Du bist Deutschland" habe es schließlich bereits früher gegeben. Trotzdem sei man nie gegen sie vorgegangen, so Trautmann.

Wie schon in einer öffentlichen Erklärung am Wochenende betonte er, es sei ihm von vornherein allein um den Schutz der Persönlichkeitsrechte der ihm Rahmen von "Du bist Deutschland" zu sehenden Kinder gegangen. Die Eltern der Kinder hatten einer Zweckentfremdung der Fotos nicht zugestimmt. Dass die Einbindung der Bilder auf dubistterrorist.de nicht korrekt war, gibt Alexander Lehmann zu: "Ich habe mich so sehr auf die Erstellung des Videos und der Website konzentriert, dass ich nicht an die Persönlichkeitsrechte der Kinder auf den Bildern gedacht habe. Herr Trautmann hat damit natürlich vollkommen Recht." Den Hintergrund hat er mittlerweile verfremdet, will in Kürze eine eigene Collage mit frei zugänglichen Fotos online stellen.

Vom Markenrecht, das in der ursprünglichen E-Mail noch thematisiert wurde, sei in dem Telefonat am Samstag bereits nicht mehr die Rede gewesen, versicherten beide Parteien. "Du bist Deutschland" sei zwar eine eingetragene Marke, sagte Trautmann, aber einen Slogan mit den Worten "Du bist ..." könne man deswegen nicht verbieten.

Alles nur geklaut?

Auf das Markenrecht zu pochen, hätte bei der Agentur kempertrautmann zudem einen bitteren Beigeschmack von Doppelmoral gehabt. Eine andere Kampagne aus gleichem Hause zeigt nämlich, dass die Agentur auch selbst schon mal Teile aus der Werbung anderer Firmen genutzt hat. Für eine Kampagne gegen Trunkenheit am Steuer des Auto Club Europa (ACE) setzte kempertrautmann unter anderem das Motiv des schottischen Whiskeys Johnnie Walker ein.

Wenn es allerdings um Persiflagen ihrer eigenen Kampagnen geht, verstehen manche Werbeagenturen offenkundig keinen Spaß. Der vermeintliche Konflikt zwischen "Du bist Deutschland" und "Du bist Terrorist" ist nicht der erste seiner Art. Erst im vergangenen Monat hatte die Hamburger Agentur Jung von Matt der Umweltorganisation Urgewald mit einer Klage gedroht. Diese hatte ein Original-Motiv des Kunden RWE für ihre Anti-Atomstrom-Kampagne satirisch umgewandelt. Die Drohung mit rechtlichen Schritten nannten die Umweltschützer einen Maulkorb-Versuch. Wie viele Medien und Blogger auch hier in kürzester Zeit für die Aktion Partei ergriffen, zeigt die umfangreiche Sammlung der Reaktionen auf der Internet-Seite von Urgewald.



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