Dutroux-Rechercheur Nicolas "Ich habe nichts gestohlen"

Der Journalist Jean Nicolas wird von der belgischen Staatsanwaltschaft beschuldigt, brisante Akten der Ermittler im Fall Dutroux gestohlen und im Internet veröffentlicht zu haben. Dem widerspricht er im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Nicholas, wir erreichen Sie über Ihr Büro. Vergangene Woche hörten wir, dass Sie von der Polizei per Haftbefehl gesucht werden. Was stimmt denn nun?

Jean Nicolas: Ich bin weiterhin frei und arbeite in meinem Büro. In der Tat hat die belgische Justiz in der vergangenen Woche einen internationalen Haftbefehl wegen des angeblichen Diebstahls von Gerichtsakten erwirkt. Das war ein verrückter Untersuchungsrichter, der das getan hat. Da ich aber nicht in Belgien, sondern in Luxemburg wohne, können die mich nicht greifen. Mein Büro wurde zwar am letzten Freitag von der Luxemburger Polizei auf Anfrage der Belgier durchsucht und mein Computer beschlagnahmt, doch ich bin weiter frei und bleibe es. Noch machen die Belgier nicht weltweit, was sie wollen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Akten sollen Sie denn gestohlen haben?

Nicolas: Es geht um die gesamten Ermittlungsakten im Fall Dutroux. Das sind mehr als 300.000 Seiten, und in der Tat besitze ich Teile dieser Unterlagen. Ich habe sie aber nicht gestohlen und auch nicht stehlen lassen. Es gibt ja auch andere legale Wege, um an solche Akten zu gelangen. Es gibt Anwälte und Beschuldigte, welche die Akten komplett haben.

SPIEGEL ONLINE: Es gab aber auch Beamte, die nachweislich Akten gestohlen haben.

Nicolas: Die betroffenen Ermittler sind frustriert und schockiert, weil die Untersuchungen im Fall Dutroux von der Justiz verschleppt worden sind. Dort sind Aussagen gefälscht und Teile der Akten verändert worden. Deshalb haben die Aufrichtigen die Akten, die ja nicht nur mir vorliegen, der Öffentlichkeit zugespielt, damit endlich etwas gegen die Justiz-Schlamperei getan wird.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie einen Teil der Akten im Internet verbreitet. Warum?

Nicolas: Damit die Öffentlichkeit die Schlampereien sieht und damit andere Journalisten die Akten benutzen können. In den veröffentlichten Seiten kann man mehrere Fälschungen von Aussagen erkennen, die jetzt diskutiert werden müssen. Natürlich weiß ich, dass die Akten eigentlich geheim sind. Doch wenn das nur dazu dient, dass die Straftaten der Justiz geheim bleiben, akzeptiere ich das nicht. Auf die Justiz muss Druck ausgeübt werden, und das ging nur über die Veröffentlichung der Akten. Das war ich dem belgischen Volk schuldig, denn es wird von seiner Justiz belogen.

SPIEGEL ONLINE: Da Sie für die Akten 30 Euro verlangen, werden Sie jetzt wohl reich, oder?

Nicolas: Natürlich haben nach der Berichterstattung reichlich Leute die Akten aus dem Netz heruntergeladen, doch ich habe ja auch Aufwendungen. Allein das Anfertigen der Webseite kostete einen Haufen Geld, und der Server will auch gepflegt sein. Seien Sie sicher, ich verdiene mein Geld mit meinen Büchern und meinen Reportagen, nicht mit den Akten aus dem Internet. Es geht um die Wahrheit, nicht ums Geld.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem letzten Buch brachten Sie den belgischen König Albert in den Zusammenhang mit Dutroux und wurden dafür heftig kritisiert. Stehen Sie weiterhin zu Ihren Aussagen von damals?

Nicolas: Ich habe nie behauptet, dass Albert Kontakt zu Dutroux oder seinem Kinderschänder-Netzwerk hatte. In dem Buch steht lediglich, dass es Zeugen gibt, die sagen, er habe an Sex-Partys mit Minderjährigen teilgenommen. Den Zusammenhang mit Dutroux hat erst die Presse erfunden, um Schlagzeilen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber was sollte dann das Kapitel über Albert in dem Buch, das eigentlich über Dutroux berichten sollte?

Nicolas: Das Buch heißt im Haupttitel "Dossier Pädophilie". Das sagt schon alles. Ich wollte den Belgiern nicht unbedingt die Wahrheit über ihren König sagen, sondern vor allem, wie mit solchen für den Staat gefährlichen Dossiers bei der belgischen Justiz umgegangen wird. Der Fall Albert zeigt, wie solche Dossiers in Belgien unter der Decke gehalten werden und die Ermittlungen gestoppt werden. Der König hatte ja noch nicht einmal die Möglichkeit, sich selbst zu verteidigen. Ob er sie wollte, ist eine andere Frage.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Dutroux im Prozess, der 2003 beginnen soll, verurteilt wird und die wahren Hintergründe bekannt werden?

Nicolas: Ja und Nein. Dutroux wird zu einer Haftstrafe verurteilt werden, allein wegen der Vergewaltigung der Mädchen. Doch die Hintergründe der Geschichte werden nie bekannt werden, da kann auch ich nichts machen.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie weiter an dem Fall?

Nicolas: Ich werde wohl müssen! Eigentlich wollte ich mich nach dem Buch aus dem belgischen Sumpf zurückziehen, da ich jetzt in Paris arbeite, doch es geht nicht. Auch wenn es fast hoffnungslos ist, bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als zu versuchen, den Fall weiter aufzuklären. Die einzige, die mich dabei wirklich unterstützen könnte, wäre die Justiz. Doch dann würde Köpfe rollen, und das will wohl niemand in Belgien. Ich werde also weiter allein kämpfen.



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