E-Books und Buchpreisbindung: Schuss in den eigenen Fuß

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Die Buchbranche steht vor erheblichen Umwälzungen. E-Books setzen die Verlage erheblich unter Druck, die Buchpreisbindung aufzugeben, denn im globalen Datenverkehr spielen nationale Regeln keine Rolle mehr. Vor allem deutschen Verlagen fällt wenig ein, das digitale Geschäft in ihrem Sinne zu steuern.

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iPad: Das kann Apples schicke Flunder
Amazon ist eine Macht. Großen wie kleinen Konkurrenten vor allem in den USA gilt das Internetkaufhaus mit dem freundlichen Image als gefährlichster Gegner überhaupt. Während die Krise die Konsum-Branche weiter belastet, legte Amazon zuletzt ein Umsatzplus von 70 Prozent hin - auf einen Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Dollar. Und das nicht zuletzt wegen des Verkaufs von E-Books, Büchern in Dateiform also, die inzwischen 35 Prozent aller Amazon-Buchverkäufe ausmachen sollen.

Das liegt vor allem daran, dass Amazon mit seinem E-Reader Kindle den Lesegerätemarkt dominiert und zudem das größte E-Book-Angebot vorhält. Es liegt aber auch daran, dass der Konzern E-Books bisher grundsätzlich billiger anbietet als gedruckte Werke. Was den Kunden gefällt, stößt den Verlagen sauer auf.

Vorige Woche protestierte der US-Verlag Macmillan gegen Pauschalpreisverkäufe für 9,99 Dollar; der bis dahin schwelende Streit eskalierte: Das mitunter gar nicht so freundliche Amazon zeigte seine Muskeln und warf alle Macmillan-Angebote aus dem Angebot. Die öffentliche Empörung war erheblich, am Wochenende lenkte Amazon ein: E-Books werden wohl teurer.

Dass sich der Verlag überhaupt traute, derart aufzubegehren, liegt an Apple. Es ist eine von vielen Reaktionen auf die Veröffentlichung des iPad: Macmillan hatte von Amazon gefordert, dem Verlag die gleichen Preiskonditionen zuzugestehen, die er mit Apple ausgehandelt hatte. So oder so aber ist der Streit nur ein Vorbote der Zerwürfnisse und Umwälzungen, die der Branche gerade bevorstehen. Man sieht sie allerorten kommen.

Buchpreisbindung: Ein Handelshindernis in E-Zeiten?

Am Tag nach der Vorstellung des iPad sagte Bob Carr, respektierter Elder Statesman in Australien, dass es nun endlich Zeit sei, gesetzliche Restriktionen aufzuheben, die es dem dortigen Handel verbieten, sich per Import mit billigeren Druckwerken einzudecken - und so Spielraum für Sonderangebote zu gewinnen. Denn Australien schützt wie viele Länder der Welt sein Verlags- und Buchhandelsgewerbe mit Regeln, die ein einheitliches Preisniveau garantieren und Dumping verhindern sollen. Diese Form des Protektionismus aber, so Carr, sei in Zeiten des elektronischen Buchverkaufs zum Untergang verurteilt.

Der digitale, globalisierte Buchhandel, glaubt Carr, werde solche Regelungen einfach unterlaufen: "Das Aufkommen solcher Geräte zeigt, wie kurzsichtig die Verleger waren, die Buchpreise in Australien hoch zu halten", sagte er dem "Sydney Morning Herald" in einem Interview. "Sie haben sich damit selbst in den Fuß geschossen."

Mittelfristig ist das mit Sicherheit so, und nicht nur in Australien.

Das Internet hat sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten mehr als einmal als großer Branchenerschütterer erwiesen. Es leitete zuerst in der Musikindustrie eine Existenzkrise ein, die noch lange nicht ausgestanden ist. Das Internet hat digital verbreitbare Produkte generell entwertet, hat sie zur vorzugsweise illegal kopiert vertriebenen Abrufware gemacht - auch weil manche Branche zu lange zögerte, den Konsumenten eigene taugliche digitale Angebote zu machen.

Print zu digital: Die Übergangszeit hat längst begonnen

Dass das nun auch der Buchbranche drohen könnte, befürchten deren Vertreter seit langem. Ausgereifte E-Reader wie Amazons Kindle konkurrieren mit immer preiswerteren Geräten, von denen die ersten längst im Discounter-Abverkauf gelandet sind. Wer will, kauft sich seinen E-Book-Reader bei Schlecker statt im Fachhandel.

Natürlich sind all diese Geräte bisher nur Vorboten eines Umbruchs. Ihr Potential lässt sich aber nicht wegdiskutieren: Elektronische Formate machen Bücher weltweit in Sekunden abrufbar. Konsumenten werden die für sie günstigsten Angebote wahrnehmen, und wenn der Buchhandel keine attraktiven Offerten macht, werden sie - wie im Falle von Musik und Film - sich ihre Waren entweder billiger im Ausland kaufen, oder kostenfrei aus den bewährten illegalen Quellen des Webs beziehen.

Eine Buchpreisbindung aufrechtzuerhalten, ist demnach mittelfristig problematisch - zumal, wie das Beispiel Großbritannien zeigt, durch die Aufhebung einer solchen Bindung das allgemeine Buchpreisniveau nicht unbedingt sinkt, sondern sogar steigen kann. Was günstiger wird, sind Bestseller. Wenig nachgefragte Schmöker werden teurer. Buchpreisbindung schützt also mitunter auch Kundeninteressen.

Doch nicht nur Großbritannien hat sich von der Protektion des Buchhandels verabschiedet. Der Riss geht quer durch Europa: Die einen haben eine Buchpreisbindung (so wie Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich), die anderen nicht (z.B. Belgien, Großbritannien, Irland, Schweden). Ein Kafka ist in deutscher Sprache in Prag für Dumpingpreise zu haben, was den hiesigen Handel bisher nicht berühren musste. Auf einer internationalen E-Book-Plattform aber werden deutsche Verlage mittelfristig direkt mit ihren tschechischen Kollegen konkurrieren - ganz davon abgesehen, dass Klassiker elektronisch in zig Versionen kostenfrei und legal zu haben sind.

Europa: Mal hü, mal hott

In der Schweiz tobt seit Monaten die Debatte darüber, ob man die 2007 aufgehobene Buchpreisbindung in der Deutschschweiz wieder einführen soll. Der Ständerat ist willens, dem Druck deutscher Branchenverbände zu folgen, will aber nach derzeitigem Stand E-Books davon ausnehmen.

Klar, denn nur so funktioniert das E-Konzept - siehe Amazon. In Deutschland soll derweil Libreka, eine Art E-Book-Verkaufsverhinderungsplattform des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, im September 2009 auch schon mal 32 Dateien verkauft haben, wie anlässlich der letzten Frankfurter Buchmesse bekannt wurde. E-Books werden dort zu Preisen angeboten, die den Preis für das günstigste verkaufte Printprodukt nicht unterschreiten sollen - eine Variante der Buchpreisbindung für E-Books in Deutschland. Man muss niemandem erklären, dass das gar nicht klappen kann: Für eine Datei zahlt man nicht so viel wie für ein Buch - zumal, wenn man schon Hunderte Euro für den Einband (das Lesegerät) hingelegt hat.

Andere Länder gehen andere Wege. Was die Schweizer andenken, haben die Spanier längst umgesetzt. Während das gedruckte Buch einer Preisbindung unterliegt, gilt das für das E-Book nicht - mit der Konsequenz, dass im 46-Millionen-Einwohner-Land bereits über 100.000 Reader verkauft worden sein sollen. E-Books liegen dort im Schnitt 50 Prozent unter dem Verkaufspreis der Print-Ausgaben, Angebot und Nachfrage boomen. 2009 soll der Umsatz mit digitalen Büchern in Spanien um mehr als 500 Prozent gestiegen sein.

Das klingt sensationeller, als es ist: Wenn man von einem quasi kaum vorhandenen Umsatzniveau kommt, gelingen enorme Zuwächse. Aber es sind Indikatoren. In Deutschland, behauptet die Gesellschaft für Konsumforschung GfK, seien im ersten Halbjahr 2009 rund 65.000 E-Books verkauft worden. Man fragt sich, wie und wo das möglich war: Während in der angelsächsischen Welt jeder Bestseller zu haben ist, wird hierzulande nach allen Regeln der Kunst gebremst. Waren dies also meist E-Importe?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. mehr als einmal
Herz_aus_Stahl 01.02.2010
mehr als einmal habe ich schon Bücher in anderen Ländern gekauft in denen es auf Grund der Wechselkurse deutlich billiger war, das betrifft natürlich nicht nur Bücher sondern alle Dinge, sebst den Ladergler den man in Australien kauf weil er da nur einen Bruchteil des hier aufgerufenen Preises kostet.
2. IT Verpennt
ChriDDel 01.02.2010
Tja, in De wird mal wieder ein IT trend verpennt. Und dass, wo doch Zuse den Computer in DE erfunden hat. Buchpreisbindung war mir schon immer ein Dorn im Auge, obwohl ich kaum Bücher lese. Bei E-Books ist es da schon anders. Ich habe auf meinem Android Handy einen e-Book reader. Der stellt Bücher im epub Format dar. Find ich super. Da lese sogar ich. Musik kauf ich allerdings noch immer als CD. 1. Ich habe gerne eine Schöne CD in der Hand 2. Warum soll ich für ein MP3 das gleiche bezahlen wie für die schöne CD mit Booklet? 3. Mp3s ripp ich mir dann selber. So oft ich will. Die CD bleibt danach als Backup im Schrank Von mir aus können die auch gleich MP3s (oder bessere Qualität) auf ne CD/DVD legen. Dann sparr ich mir das rippen.
3. Status Quo
der_durden 01.02.2010
Zitat von ChriDDelTja, in De wird mal wieder ein IT trend verpennt. Und dass, wo doch Zuse den Computer in DE erfunden hat. Buchpreisbindung war mir schon immer ein Dorn im Auge, obwohl ich kaum Bücher lese. Bei E-Books ist es da schon anders. Ich habe auf meinem Android Handy einen e-Book reader. Der stellt Bücher im epub Format dar. Find ich super. Da lese sogar ich. Musik kauf ich allerdings noch immer als CD. 1. Ich habe gerne eine Schöne CD in der Hand 2. Warum soll ich für ein MP3 das gleiche bezahlen wie für die schöne CD mit Booklet? 3. Mp3s ripp ich mir dann selber. So oft ich will. Die CD bleibt danach als Backup im Schrank Von mir aus können die auch gleich MP3s (oder bessere Qualität) auf ne CD/DVD legen. Dann sparr ich mir das rippen.
Der klassische deutsche Weg: Digital Trends verschalfen und dann mit Klagen alle Energie verschwenden. Es darf nicht sein, dass der Status Quo verloren geht. Dabei könnten die Verlage schon alles unter Dach und Fach haben. Aber schlaft weiter, schärft Eure Anwälte, stärkt Eure Lobby. Dann dürft Ihr sicher sein, dass andere das Geschäft für Euch machen.
4. zustimmung
ocinator 01.02.2010
Ich kann dem SPON Autor nur zustimmen. Wenn die dt. Verlage nicht bald die Kurve kriegen, wird es einige Pleiten geben. Nur von den konserativen-, "ich will ein richtiges Buch in der Hand haben wenn ich schon Geld dafür bezahle" Lesern wird man langfristig nicht überleben können, und mit Kindle, IPad & Co wird das E-Book lesen (und kaufen) immer komfortabler. Wieso man für ein E-Book genausoviel bezahlen soll, wie für ein gedrucktes Buch, ist mir völlig unklar und ich weiß auch nicht, wie man so eine These bei vollem Verstand überhaupt vertreten kann. Mindestens die vollen Druck-, Transport- und Lagerungskosten müssten vom Preis abgehen.
5. e-books sind keine Bücher
JWG 01.02.2010
e-books sind keine Bücher sondern Dateien, die ich mit einem etnsprechenden Lesegerät lesen kann. Was hat also die Preisbindung für solchen Dateien für eine rechtliche Grundlage? Leider verschlafen die Verlage diesen Vertriebsweg: Ein e-book Leser ist nicht daran interessiert, ein schönes Buch sondern einen Text zu lesen, Aufmachung egal eher zu vergleichen mit paperback. Einmal gelesen dann in den Papierkorb oder ins Datengrab. Ein solcher Leser ist grundsätzlich an brandneuem Text interessiert; an diesem Markt- also Bestseller und Neuerscheinungen für den e-Leser- geht das deutsche Verlagswesen fast vollständig vorbei. Natürlich ist der normale e-Leser (als normalen e-Leser betrachte ich nichtkriminelle Leser, die Diebstahl verabscheuen) bereit, für die Leistung "interessanter Text" zu zahlen; aber der Preis sollte deutlich unter dem Buchpreis liegen, da der Aufwand für diese Vertriebsseite ja wesentlich geringer ist. Ich kann mir allerdings eine Preisgestaltung orientiert am Aktualitätswert des Textes vorstellen also Neuerscheinung teurer als ältere Texte. Ärgerlich finde ich die DRM Verschlüsselung nicht wegen des Schlüssels, den habe ich ja mit der Erwerbung, sondern dass ich an Digital Editions gebunden bin mit deren lausigem Reader -keine Hochformat, kein fullscreen- . Ich möchte mir meine software und damit Gestaltung am Bildschirm selber aussuchen so wie ich eigene Texte aussuche; also epub ohne Verschlüsselung oder ein Verschlüsselungspaket das verschiedenen Leseprogramme zulässt. Ansonsten finde ich die Preisbindung für Bücher verständlich aber nicht dem Marktgeschehen angemessen. Wieso sollen Verlage geschützt werden und und Bäcker und Tante Emma läden nicht: Nur weil sie die bessere Lobby haben?
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