E-Mail-Werbung Explosiver Spam

Eine Pressemitteilung des Deutschen Multimedia Verbandes hatte explosive Wirkung: Ein Plädoyer für E-Mail-Werbung alarmierte die Online-Community, deren Reaktion wieder den Verband irritierte.


Gregor Fuchs "was not amused". Am Freitag nachmittag meldete sich bei SPIEGEL ONLINE der aufgeregte Projektkoordinator des Deutschen Multimedia Verbandes (DMMV) telefonisch. Im Forum "Freie Fahrt für Spam?" hatte ein Unbekannter kurzerhand unter seinem Namen einen Beitrag geschrieben. Obwohl der satirische Charakter des Beitrags klar ersichtlich war, forderte der wahre Fuchs, den Eintrag zu löschen. In einer begleitenden E-Mail behielt Fuchs sich rechtliche Schritte vor. SPIEGEL ONLINE kam seinem Wunsch nach und löschte den Beitrag.

Zwei Stunden später klingelte das Telefon zum zweiten Mal: Eine Mitarbeiterin des DMMV beschwerte sich. Im Forum stünde jetzt: "Gelöschter Beitrag von Gregor Fuchs" - eine Spur, die die Forumssoftware zurückläßt, wenn ein Beitrag aus der Liste entfernt wird. Der dritte Anrufer war bereits der DMMV-Justitiar Müller-Wolf. Aufgrund der unklaren rechtlichen Situation beschloß SPIEGEL ONLINE, die Diskussion aus dem Forum zu nehmen und über das Wochenende eine "Meta-Diskussion" einzurichten, in der über den Vorfall informiert wurde. Damit verschwand allerdings auch eine am Freitagabend gepostete, längliche Mail des Verbandes, welche die "unglücklichen Formulierungen" der ersten Pressemitteilung richtig stellen sollte.

Nach dem Wochenende nun wußte der DMMV-Justitiar von einer weiteren Eskalation zu berichten: Beim DMMV-Provider NCI in München habe eine Mail-Bombe den Server lahmgelegt, der Provider drohe mit Schadensersatzforderungen, schon seien zwei Kunden abgewandert. Grund dafür sei, so Müller-Wolf, der letzte Satz in einem SPIEGEL-ONLINE-Kommentar zum Thema Reklame-E-Mails: "Jede Werbe-E-Mail unaufgefordert an den DMMV senden!"

Was war passiert? Der DMMV hatte am 11. Januar in einer Pressemitteilung Werbe-E-Mails unter der Voraussetzung befürwortet, in der Betreff-Zeile ein deutliches "Werbung" als Warnsignal zu setzen. Der Protest der Online-Community folgte prompt und entlädt sich seither in ungezählten wütenden Mails an den DMMV.

Doch von einem Mail-Bombing kann wohl keine Rede sein. NCI-Geschäftsführer Rainer Miksch jedenfalls will auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage von einem wesentlich erhöhten Mail-Verkehr mit dem DMMV nichts wissen: "Meiner Meinung nach wird erheblich mehr Wirbel gemacht als tatsächlich passiert." Der Provider sei häufiger Ziel von Spam und Mailbomben. "Es gibt keine konkreten Anhaltspunkte, daß ein erhöhtes Mailaufkommen mit dem DMMV zusammenhängt", so Miksch. Die Mail-Server seien so ausgelegt, das sie bei stärkerem Datenverkehr nicht gleich zusammenbrechen. Kunden seien ebenfalls nicht abgewandert.

Immerhin stellte der DMMV jetzt die inhaltliche Diskussion auf solidere Füße. In einer langen Presseerklärung und im E-Flash, dem internen Mitgliederdienst, präzisierte der Verband seinen Standpunkt: "Neben dem Schutz der informativen Selbstbestimmung des Nutzers muß auch die Freiheit der kommerziellen Kommunikation gegeben sein". In der Tat überschätzt die aufgebrachte Netz-Community die Rolle des DMMV, wenn sie ihren ganzen Unmut an ihm ausläßt. Um seine Rolle als Lobbyverband im Brüsseler Dickicht der widerstreitenden nationalen Interessen ist er sicher nicht zu beneiden. Der massive Druck der Wirtschaft, das Netz als Handelsplattform in vielerlei Hinsicht zu etablieren, steht der Selbstbestimmung der Nutzer entgegen. Wieviel Widerstand das kommerzielle Webverständnis des Verbandes bei den Usern der Netz-Gemeinde hat, wurde an den Reaktionen deutlich.

Kommen Netiquette-Themen wie Werbe-Mails auf den Bildschirm, dann werden die alteingesessenen Netizen aktiv und beschäftigen sich auch mit dem DMMV. Dann ruft, neben dem SPIEGEL-ONLINE-Kommentator, auch der Alterspräsident des Chaos Computer Clubs, Wau Holland, zum Umleiten von Werbemails auf. Dann fliegen in einschlägigen Mailinglisten die Fetzen. Dann müssen sich Multimedia-Agenturen die Augen reiben und verwundert feststellen: Im Netz gibt es mündige User.

Und weil der ein Recht auf Fakten und Meinungen hat, ist das Spam-Forum bei SPIEGEL ONLINE ab sofort wieder geöffnet, auch für die Rechtsexperten des DMMV.



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