Soll keiner sagen, das Online-Kaufhaus Amazon würde nicht auf die Rechte seiner Lieferanten achten. Auch wenn dabei die Rechte der Kundschaft unter die Räder kommen. Das jedenfalls erfuhren dieser Tage die Besitzer des Elektrobuches Kindle. Wer für sein elektronisches Lesegerät eines der beiden Bücher von George Orwell gekauft und gespeichert hatte, musste am vergangenen Donnerstag zu seinem Erstaunen feststellen, dass die Werke plötzlich verschwunden waren, wie etwa die "New York Times" (NYT) berichtet.
Schuld sei der Rechteinhaber, so Amazons Begründung. Der habe auf der Entfernung von "1984" und "Farm der Tiere" bestanden, und dem sei man nachgekommen. Die Bücher seien unrechtmäßig in den Kindle-Store eingestellt worden, sagte ein Amazon-Sprecher der NYT: "Als wir vom Rechteinhaber darüber informiert wurden, entfernten wir die illegalen Kopien aus unserem System und von den Geräten der Kunden und erstatteten den Kunden den Kaufpreis."
Durchaus überrascht über den Eingriff in ihr Eigentum waren die Kindle-Kunden. Die merken nun, wie weit es im Zeitalter permanent mit dem Verkäufer verbundener Geräte mit ihren Rechten her ist. Über die Verbindung, durch die sonst neue E-Books heruntergeladen oder zwischen verschiedenen Geräten synchronisiert werden, kann Amazon eben auch Datensätze aus der Entfernung löschen. Das gleiche gilt übrigens für zahlreiche andere Geräte, die regelmäßig Verbindung mit ihren Herstellern aufnehmen - vom Digital-Videorekorder Tivo über Spielkonsolen wie Xbox 360 oder Playstation 3 bis hin zum iPhone. Letzteres hat beispielsweise einen "Kill Switch", mit dem Apple bei Bedarf bereits installierte Anwendungen aus der Ferne zum Verschwinden bringen kann.
Fred von Lohmann von der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation sagte "Information Week", der Fall werfe ein Schlaglicht auf Veränderungen von Eigentumsrechten in einer digitalen Welt: "Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Kauf eines Buches und dem Kauf eines angebundenen Mediengerätes." Konsumenten gingen jedoch immer noch mit "analogen Erwartungen" an solche Geschäfte heran.
Zwar sind von Amazons Maßnahmen nur Kunden in Amerika betroffen, wo auch sonst schon mal die Rückholung von bereits gekauften Waren durch den Händler üblich ist. Doch dies geschieht höchstens dann, wenn die Waren nicht bezahlt worden sind. Hier liegt die Sache anders.
Sofort brach in diversen Foren und Blogs ein Sturm der Entrüstung los, zumal ähnliche Vorgänge um digitale Harry-Potter-Bücher und Romane von Ayn Rand bekannt wurden. Am Freitag gab sich Amazon denn auch tief zerknirscht und versprach, so etwas werde nicht mehr vorkommen. Da war die PR-Katastrophe gleichwohl schon nicht mehr aufzuhalten.
Dass mit "1984" ausgerechnet ein Buch über den Großen Bruder auf höchst orwelleske Weise aus dem Hab und Gut der Besitzer entfernt wird, noch dazu augenscheinlich gegen die Versprechen der Kindle-Geschäftsbedingungen, ist eine bittere Ironie. Das sollte auch hierzulande manchem zu denken geben, der bislang bedauert hat, den Kindle in Deutschland nicht kaufen zu können. Denn immerhin sichert Amazon seinen Kunden das dauerhafte Recht zur Speicherung und Nutzung gekaufter Inhalte zu.
Das war wohl nicht so gemeint.
meu/cis
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