Veränderungen in der Spielebranche Immer vorwärts? Oder lieber keine Experimente?

Dieser Tage startet in Los Angeles die E3, die wichtigste Videospielmesse - mit zahlreichen Neuankündigungen. Doch wie viel Veränderung wollen Gamer? Ein leidenschaftliches Pro und Contra aus dem Magazin "WASD".

"No Man's Sky": Für viele Spieler eine Enttäuschung
Hello Games

"No Man's Sky": Für viele Spieler eine Enttäuschung

Von Christian Alt und Christian Huberts


Ja zu Veränderung : Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Nein, früher war nicht alles besser. Die Spielkultur ist ebenso wenig frei von nostalgischen Verblendungen wie ein Parteitag der AfD. Dagegen hilft nur der ausdauernde und kompromisslose Wille zur Veränderung. Ohne Alternative.

Ohne Ton war Kino geiler! Wann hat man diesen Satz das letzte Mal gehört? Schon länger her, genau. Denn die einzig gültige Richtung von Kultur ist vorwärts. Immer vorwärts. Besser signierte Pissoirs als immer noch vergammeltes Obst und Totenschädel. Besser "Der Menschenfeind" mit Würstchen im Po als die tausendste Lahmarsch-Inszenierung für ein ausgestorbenes Publikum.

Und definitiv besser Weihnachtslieder von Katzen für Katzen als klassische Musik, die exklusiv für einen asozialen Adel komponiert wurde.

Wenn alles so bleibt, wie es ist, gewinnen Selbstgefälligkeit, Stumpfsinn und Resignation. Veränderung hingegen ist gut, immer.

Ausgerechnet bei Computerspielen soll es nun anders laufen? Tja, sorry, das ist falsch: Besser ein "Dear Esther" als noch eine moderne Variation von "Doom" . Und selbstverständlich ist es progressiver, einen "Mountain" anzustarren als ein "Dear Esther"-like.

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Bergsimulator: So hübsch ist das Spiel "Mountain"

Kultur profitiert tausendmal mehr davon, beim ersten Mal etwas richtig scheiße zu machen als beim x-ten Mal perfekt. "If it works, it's obsolete", hat Marshall McLuhan einmal geschrieben. Wenn alles glatt läuft, bleiben keine Fragen mehr offen, bleibt kein Grund übrig, auch nur noch einen eigenständigen Gedanken zu investieren. Virtuosität ist auf Dauer furzlangweilig. Scheitern kann man hingegen immer wieder neu.

Die noch junge Geschichte des Computerspiels lastet schwer auf den Schultern der Spielkultur.

Alles wird zwingend an dem kleinen Stück Vergangenheit gemessen, das zur Verfügung steht. Prozentwertungen sagen so mehr über die Ähnlichkeit zum Althergebrachten aus als über tatsächliche Qualität.

In der nostalgischen Verblendung des Hardcore-Gamers ist Ähnlichkeit von Qualität genau genommen kaum zu unterscheiden. Wenn Menschen "Firewatch" schlecht finden, dann meist, weil es noch kein Original, keine bewährte Gussform kennt. Veränderung wird abgelehnt, weil sie mangels Wiedererkennungswert wie ein Defizit aussieht.

Zum Autor
    Christian Huberts war früher auch nicht besser. Vergangenheits-Christian kann das bestätigen - der olle Smarsch!

Was gibt es zu verlieren? Die Vergangenheit bleibt intakt, sie soll nur nicht mehr endlose Gegenwart sein. Doch man nehme dem Ego-Shooter den Shooter weg und es bleibt ein riesiges, gekränktes Ego. IT'S NOT A GAME! Aber wenn "Virginia"ein Walking-Simulator sein soll, ist "The Legend of Zelda: Breath of the Wild"halt ein Veränderungs-Simulant.

Der Gaming-Mainstream besteht nahezu ausschließlich aus unerschütterlichen Marken- und Genrekernen mit wechselnder Feature-Tabelle.

Malibu Stacy - jetzt mit neuem Hut. Das hat so viel mit unterbrochener Routine zu tun wie die Los Wochos bei McDonald's . Wahre Veränderung gibt es in der Kultur nur in einer Geschmacksrichtung: revolutionär.

Gefunden in

Nichts gegen Sequels, Clones oder HD-Remakes hier und da. Was jedoch fehlt, sind Veränderungen ohne Angst vor Verlusten. Je mehr es wehtut, eine geliebte Mechanik zu streichen, umso besser. Revolution statt Rekombination. Nur so entsteht Platz für neue Ideen. Nur so werden die Grenzen von Medienformen, Kulturpraktiken und Kunstartefakten ausgereizt. Das Kino ist nicht, was es heute ist, weil Menschen eigentlich ganz zufrieden mit ankommenden Zügen und dem Feierabend von Fabrikarbeitern waren.

Niemand wird in Hundert Jahren auf Computerspiele zurückblicken und es geil finden, dass man um die Wette hüpfen, über Pistolenläufe kommunizieren oder alberne Dialog-Menüs bedienen konnte.

Veränderung, jetzt! (Christian Huberts)

Nein zu Veränderung: Keine Experimente!

Halt, stop! Nicht mehr bewegen. Wirklich jetzt. Stop! Ja, auch du da hinten, der sich gerade eine großes Stück Apfelkuchen reindrücken will. Stop! Ok... ok... ok... So kann alles bleiben.

2016 war das Jahr, in dem diesem Computer, der unser Universum simuliert, endgültig die Sicherung durchgebrannt ist. Brexit, Trump und der Waldkauz ist Vogel des Jahres. Ich kann einfach nicht mehr. Wenn sich jetzt noch eine Sache in meinem Leben verändert, dann brech ich zusammen. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.

Zum Autor
    Christian Alt ist Journalist und Autor. Gerade arbeitet er an seinem ersten Sachbuch "Wer's zuerst gerochen - die Jugendjahre von Helmut Kohl"

Das gilt auch für Spiele. Welcher Vollpfosten kam zum Beispiel auf die Idee, Super Mario ab sofort durch New York hüpfen zu lassen? Welcher Dollbohrer kaum auf die Idee, dass jedes Spiel ein Open-World-Spiel sein muss? Und welcher Kanisterkopf kam eigentlich auf die Idee, dass Crafting jedes Spiel besser macht?

Wir müssen Computerspiele wieder zurücksetzen, die externe Festplatte entstauben und ein Backup aufspielen. Und zwar das Backup vom 3. April 2006.

An diesem Tag kam der berüchtigte Horse-Armor-DLC zu OblivionOblivion" raus. Für zwei Euro bekam unser Rappe eine hübsche Pferdedecke aus Gold. Dieser Tag war der Anfang vom Ende: der Beginn von Season Passes und dem ganzen "Games as a Service"-Mist.

Hier eine kleine Liste von den Dingen, die uns nach einem Hard Reset erspart blieben:

  • die Ubisoft-Formel
  • Free-to-Play
  • Jonathan Blow
  • Walking-Simulatoren
  • "No Man's Sky"
  • Crafting
  • überhaupt: "Minecraft"
  • keine Let's Plays
  • keine Steam-Sales
  • der Untergang von Peter Molyneux

Ich könnte ewig so weitermachen. Wir müssen uns einfach damit abfinden, dass es niemals besser werden kann als 2005 - ein absolutes Spitzenjahr, was Spiele angeht: "Call of Duty 2", "Psychonauts", "Civilization 4", "Shadow of the motherfucking Colossus".

Der 3.4.2006, das könnte ein Speicherstand sein, von dem wir uns eine bessere Zukunft ausdenken. In diesem Paralleluniversum sitzen wir dann gerade gemütlich auf der Couch, drücken uns ein leckeres Stück Apfelkuchen rein und spielen das neue "Call of Duty", das natürlich ein Singleplayer-Meisterwerk ist - wie alle anderen Teile zuvor.

Und sobald ein Entwickler auf die Idee kommt, auch nur irgendwas von der Liste oben umzusetzen, setzen wir alles wieder zurück.

Bis auch der Letzte kapiert hat: Die Zukunft ist die Vergangenheit. Und der Waldkauz darf nie Vogel des Jahres werden. (Christian Alt)



insgesamt 17 Beiträge
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sonnix 11.06.2017
1. Schöner Artikel
Ich spiele seit 1989 regelmäßig Computer spiele und habe mir die Frage nach der Verklärung der Vergangenheit auch schon oft gestellt. Spielt man heute jedoch die alten Klassiker,dann gibt es viele spiele die gar nicht so gut sind wie man sie in Erinnerung hatte. Dafür waren die spiele damals von der Veröffentlichung an "komplett"...keine dlcs, kein First day Patch, etc. Insgesamt ist die Entwicklung aber sehr positiv. Die Branche ist innovativ.ich freue mich auf die kommenden Jahre.
Flying Rain 11.06.2017
2. Ich
Ich kann dem eigentlich nur zustimmen. No Mans Sky konnte ich zum Glück bei Steam wieder zurückgeben weil das Spiel höchstens den Stand einer Beta hatte und auf jeden Fall keinen Vollpreis wert war. Andere Spiele hätten lieber zum Anfang keine neuen Sachen versuchen sollen sondern als ersten Schritt das alte 1:1 kopieren müssen. Siehe DayZ Standalone. Vollkommen verrannt und man wollte irgendwelchen Crafting- und Farmschwachsinn rein hauen bevor auch nur ein Fahrzeug da war. Man hätte die Mods zuerst 1:1 auf die Engine übertragen sollen und dann mit einem guten Produkt neue Ideen einbringen können. Naja hätte hätte... Aber es gibt auch noch diverse Lichtblicke wie etwa CD Projekt Red aus Polen welche mit ihrer No-DRM Politik und sehr guten Spielen (Witcher) nach vorne preschen oder auch Spiele mit einem hohen Anspruch am sich selbst welche aber stetig Vortschrifte machen (Star Citizen). Alles in allem gibt es immer wieder diverse Perlen. Ich für meinen Teil ziehe mir Spiele im Normalfall trotzdem immer zuerst im Internet und entscheide nach drei, vier Spielstunden "Kaufen oder löschen" weil ich kaufe mir z.B. auch kein Auto ohne Probefahrt und wenn ich bereit bin das Geld für einen Porsche auszugeben dann will ich vorher auch mal 100km in dem gleichen Modell gefahren sein.
kevinschmied704 11.06.2017
3. doch experimente, wir brauchen sie!
ja games wie No mans sky , wo der Produzent zu Anfang zu viel verspricht, is immer doof. aber das sind ja auch alles junge Menschen, die häufig zu viel wollen. das hat nichts mit lügen zu tun. eher mit Überheblichkeit der jungen Generation. ganz normal. darüber hinaus aber hat das game no mans sky, sehr gute Sprünge gemacht. Basen bau oder mit dem eigenen Kreuzer umherfliegen und sein schiff darin parken, alles möglich. das game macht plötzlich spass. und auch die verschiedenen Optionen wie man das game spielen möchte sind sehr ausgewogen. der Survival teil z.b. hat es in sich. da brauch man auch Geduld für. aber es macht viel Spaß, wenn man dort voran kommt. also ja Experimente, sind gut. wir brauchen sowas um zu wissen, ob uns das gefallen kann.
robin-masters 11.06.2017
4. Strategie Games
finde das, wie in Filmbereich, viel recycled wird und man sich auf Namen konzentriert und die damit verbundenen Konzepte.... klar der Fallout Spieler erwartet Open World und der Call of Duty Spieler lineares Geballer mit "geiler" Grafik aber neues sollte nicht zu kurz kommen. Ich finde das Steam mit seinen Greenlight Programm und Steam im Allgemeinen viel zur Innovation beiträgt, da hier auch andere Titel schnell in den Fokus kommen (War of mine, DayZ, Besiege etc.) Solche Titel wären früher gar nicht erst bei Mediamarkt etc. aufgetaucht. Bzgl. Spielen die in Beta Phasen auf den Markt geworfen werden muss ich sagen das halt Spiele erst Geld bringen wenn Sie auf dem Markt sind und Spiele entwickeln Geld kostet ... wie sollen kleine Firmen allein Innovativ sein wenn sie ihre Ideen nicht vor der eigentlichen Marktreife vertreiben können? Ich habe hier mit Besiege und Kerbal Space Programm etc. sehr gute Erfahrungen gemacht. Um die Überschrift zu erklären... ich finde das Strategie Games seit Jahren kaum noch Aufmerksamkeit bekommen... so ein Titel wie Knights and Merchants und Siedler 3 fehlen mir. Alles spielt nur noch Inder Zukunft Anno 2070 z.B.
kaffeeesatz 11.06.2017
5. Kaputte Industrie
War früher alles besser? Nee, nicht unbedingt, doch immerhin bekam man für 90 Mark ein fertiges Spiel in einem schicken Karton mit einem Handbuch! Heute soll man ein 30 Jahre altes Spielkonzept in schicker Grafik vorbestellen und mit irgendeiner laufenden Nummer am Ende (Fallout 39, Mass Effect 17), welches dann häufig unspielbar und natürlich ohne Handbuch digital ausgeliefert wird. Spiel X bekommt dann noch den unsäglichen 'DayOnePatch' und wird fortan (hoffentlich) bis zur Spielbarkeit gefixt. Bis dahin aber gibt es natürlich schon etliche DLCs, die das Spiel komplettieren, nen Seasonpass und natürlich Microtransactions. Dieses Geschäftssystem ist einfach widerlich und bedarf unbedingt einer Revolution! Und doch, so gesehen war früher einiges Bessser.
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