Earthstation 5 Die merkwürdige Palästina-Connection

Eine neue Filesharing-Börse behauptet, ihren Firmensitz in einem Flüchtlingslager im palästinensischen Dschenin zu haben, doch die Spuren ihrer Datenleitungen verlieren sich zwischen Wüste und Vanuatu. Was ist dran an den palästinensischen Peer-to-Peer-Piraten?

Von Mario Sixtus


Der Musik- und Filmindustrie droht neues Unheil: Mit Hilfe von Kryptografie und durch Verschleierung der Transferwege soll es die nächste Generation der P2P-Clients Coyright-Detektiven zunehmend erschweren herauszufinden, wer gerade was mit wem tauscht.

Blubster, Filetopia, Waste und XS heißen diese Tarnkappentools, die den Datenpiraten anonyme Kaperfahrten ermöglichen sollen.

Die größten Töne spuckt allerdings ein Unternehmen namens Earthstation 5. In einer Presseerklärung fordert Gründer und Präsident Ras Kabir die amerikanische Film- und Musikindustrie heraus: "Wir haben Krieg mit der RIAA und der MPAA. Wir haben nun die Kontrolle, es gibt keine Möglichkeit, uns zu stoppen." Und: "Die User brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen, was sie tauschen oder mit wem, sie sind ab sofort absolut anonym."

Earthstation 5, oder auch kurz ES5, vertraut dabei einerseits auf Verschlüsselungstechnologien, die in die gleichnamige Software integriert sind, andererseits aber auch auf seinen geopolitisch heiklen Sitz. Nach Firmenangaben befindet sich das Unternehmen innerhalb der palästinensischen Autonomiegebiete, sowohl in Gaza, als auch in einem Flüchtlingslager in Dschenin im Westjordanland. Daher sei man vor Zugriffen internationaler Urheberrechtsvertreter geschützt.

Kann das wahr sein?

Dicke Datenleitungen in einem Gebiet, in dem oft genug die Wasser- und Stromversorgung zusammenbricht? Hochleistungsserver neben den Ausgabestellen von Notrationen? DivX-Filme von der Hamas? Irgendetwas passt hier überhaupt nicht zusammen.

In einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE behauptete Ras Kabir, sein Dienst habe inzwischen 15 Millionen regelmäßige Nutzer. Eine Aussage, die, selbst wenn man den orientalischen Hang zur Übertreibung berücksichtigt, wohl eher aus der Digitalversion der Märchen aus 1001 Nacht stammen dürfte. Eine Stichprobensuche nach Werken bekannter Künstler führte innerhalb des Wüstennetzes jedenfalls nur zu äußerst kläglichen Ergebnissen.

Randy Saaf, Präsident von MediaDefender, einem Unternehmen, das im Auftrag der Musik- und Filmwirtschaft Copyright-Verletzungen im Cyberspace aufspürt, geht eher von maximal 30.000 Stammgästen in der ES5-Matrix aus. Überhaupt ist Saaf skeptisch, was die verwendete Technologie angeht: "Das Proxy-Konzept führt dazu, dass es sich bei der gesamten Architektur nicht mehr um Peer-to-Peer handelt. Je populärer der Dienst werden sollte, umso mehr Proxys werden benötigt und der gesamte Datenverkehr geht zu Lasten von ES5."

Diese Argumentation ist nicht von der Hand zu weisen. Verfügt das mysteriöse Unternehmen über diese gewaltige Infrastruktur? Wer steckt dahinter? Und - wie soll Geld verdient werden?

Verwirrspiele: Vanuatu oder was?

Beginnen wir bei Ras Kabir: Der Mann scheint zunächst einmal an einer seltenen Form der spontanen Alterung zu leiden. Im Gespräch gab er sein Alter mit 40 Jahren an, knapp 14 Tage nachdem er in einem Interview mit dem News-Dienst "CNet" noch 35 Jahre alt war. Ferner behauptet Kabir, über eine Datenleitung von einem Gigabit/sek. zu verfügen, über sechs unterschiedliche Provider ans Internet angebunden zu sein sowie über einen eigenen Satellitenzugang zu verfügen.

Über eine gewisse Bandbreite verfügt ES5 in der Tat. Verschiedene Routenverfolgungen legen aber den Schluss nahe, dass die Erdstation Fünf lediglich über einen einzigen, israelischen Serviceprovider am Netz hängt. Unabhängige Recherchen von MediaDefender bestätigen diese Annahme.

Eine Anfrage bei der RIPE, dem zentralen Register für IP-Nummernblöcke, führt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die kleine Firma über immerhin 512 eigene IP-Nummern verfügt. Eine Anzahl, die auch für eine mittlere Universität ausreichen sollte. Als Anschrift des Registrars wird dort zwar "Jenin, Refugee Camp #23" angegeben, an gleicher Stelle heißt es aber auch: "Earthstation V Ltd., A Vanuatu Company."

Ist die merkwürdige Firma also in einem Steuerparadies im Pazifik zu Hause? Das wird von Ras Kabir vehement bestritten: "Wir sind ein palästinensisches Unternehmen!"



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