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eBay: Der Schlachtplan der Verdi-Guerilla

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Hinter dem anonymen Protest frustrierter eBay-Mitarbeiter gegen schlechte Arbeitsbedingungen steckt eine Guerilla-Truppe der Gewerkschaft Verdi. Die Auseinandersetzung mit dem Auktionshaus eskaliert, nachdem Details der ausgeklügelten Kampagne durchgesickert sind.

Epay-Logo: Mit Guerilla-Methoden zum Tarifvertrag

Epay-Logo: Mit Guerilla-Methoden zum Tarifvertrag

Im März starteten angeblich frustrierte eBay-Mitarbeiter eine Website, auf der sie anonym gegen die miesen Arbeitsbedingungen im Auktionshaus protestierten. Sie beklagten ein rüdes Betriebsklima, Überstunden stünden auf der Tagesordnung, Call-Center-Mitarbeiter würden per Software lückenlos überwacht.

Auf der Website namens epay.tv konnten eBay-Beschäftigte gleichzeitig an einer anonymen Umfrage teilnehmen, deren Ergebnisse laut Aussage ihrer Macher die Probleme im Unternehmen genau widerspiegelten.

Seit Freitag vergangener Woche steht fest: epay.tv ist Teil eines ausgeklügelten Schlachtplans, den connexx.av - ein Ableger der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi -, gemeinsam mit der Berliner Kommunikationsagentur Q-Mindware ausgeheckt hat. eBay-Mitarbeiter können nicht einfach so protestieren, wann sie wollen, das muss vielmehr mit der Dramaturgie der Kampagne genauestens abgestimmt werden.

Die Verdi-Truppe connexx.av kümmert sich speziell um Beschäftigte aus der Medienbranche - von Rundfunk und Fernsehen bis zu New Media. Gerade hier fehlt es Verdi an Mitgliedern - das sollen die connexx.av-Macher ändern.

Und weil man Medienleuten wohl kaum mit Trillerpfeife und DGB-Mütze kommen kann, suchten die Gewerkschafter nach ganz neuen, unkonventionellen Wegen. So eine Art Gewerkschaft der Zukunft hatte man bei connexx.av wohl im Sinn, die statt Werkstoren schon mal eine Unternehmenswebsite blockiert und mit spaßigen Aktionen das negative Gewerkschafterimage entstaubt.

"Sexy, international, attraktiv"

Die SPIEGEL ONLINE vorliegenden Dokumente beschreiben detailliert den Ablauf einer gezielten Kampagne, wie man sie vielleicht Greenpeace oder einer ausgebufften Boulevardzeitung, kaum jedoch einer deutschen Gewerkschaft zutrauen würde. In fünf Phasen will connexx.av einen Haustarifvertrag bei eBay durchsetzen und durch dessen Signalwirkung bundesweit neue Mitglieder in der Medienbranche gewinnen.

Da ist in Phase 1 von "gesteuerten Soli-Erklärungen von eBay-Usern auf eBay die Rede" - haben sich da etwa gute Kumpels der connexx.av-Leute auf Zuruf zu Wort gemeldet? In Phase 2 sollen die Repräsentanten von ePay "als Sympathieträger in der Öffentlichkeit" auftauchen - "sexy, international, attraktiv, jung, modern, etc.". Für Phase 3 ist "verstärktes Online-Campaigning auf der Humor-Linie" vorgesehen. EBay soll als "Abzocker-Plattform" dargestellt werden. Motto: "Früher war eBay voll OK - aber nun entwickelt es sich zum Abzocker. Das spüren Beschäftigte und User gleichermaßen und beginnen sich zu wehren - gemeinsam."

Oster-Eier mit ePay.tv-Aufdruck vor eBay-Gebäude: Rüdes Betriebsklima

Oster-Eier mit ePay.tv-Aufdruck vor eBay-Gebäude: Rüdes Betriebsklima

Noch einen Zahn schärfer sind die für Juli/August vorgesehenen Aktionen: "eBay-User werden aktiv und 'bestreiken' die Plattform im Denial-of-Service-Style - das 'passiert' und wird nicht auf die Initiative von connexx.av gebucht" Auch "Hacktivism und Hate Campaigning" sind angedacht. Am Ende steht der Abschluss des Haustarifvertrags und die massive Werbung neuer Mitglieder. Und es wird gewaltig rauschen im Blätterwald, prophezeien die Kommunikationsberater: "Die Medien berichten sich wund."

Dokumente bei Einbruch geklaut?

Alles sehr schön ausgedacht - zu dumm nur, dass die Dokumente mit dem Schlachtplan an die Öffentlichkeit gelangten. Angeblich wurden sie einem "Focus"-Redakteur zugespielt, der sie an eBay weiterreichte.

Bei connexx.av vermutet man die undichte Stelle am ehesten in der Agentur. "Bei uns sind alle Dokumente PGP-verschlüsselt", sagte Projektleiterin Sandra Goldschmidt gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Von uns kommen die Dokumente nicht." Auf epay.tv wird die Sache mehr oder weniger direkt in Zusammenhang mit einem Einbruch in der Berliner Agentur Q-Mindware gebracht, bei dem am Donnerstag zwei Notebooks verschwunden sein sollen.

Fest steht: Bei Q-Mindware gab es Zoff zwischen den beiden Geschäftsführern über die Firmenstrategie. Mittlerweile will die kleine Kommunikationsberatung nichts mehr mit connexx.av zu tun haben - Geschäftsführer Frank Kornberger ist ausgestiegen und betreut die Guerilla-Gewerkschafter jetzt allein. In einer solchen Konstellation scheint ein Einbruch kaum noch nötig, um an Interna heranzukommen.

Bei connexx.av sieht man die Strategiepapiere nicht als beschlossene Sache, das Ganze habe vielmehr "Brainstorming-Charakter". "Vieles sind Ideenkonzepte, die noch nicht verabschiedet waren", sagte Goldschmidt. Die Idee zu Denial-of-Service-Atacken sei beispielsweise auf Widerstand gestoßen.

"Medien werden das bereitwillig thematisieren"

Wie kamen die Gewerkschafter gerade auf das Auktionshaus? Bislang zählt man dort nur 20 Verdi-Mitglieder. "eBay haben wir uns nicht wirklich ausgesucht", erklärte Projektmanagerin Goldschmidt. "Leute aus dem Unternehmen sind auf uns zugekommen." Wie viele Mitarbeiter hinter den Protesten stehen, will sie nicht sagen, um diese nicht zu gefährden.

Wie dem auch sei, ein prominenter Gegner erhöht die Chancen ungemein, wahrgenommen zu werden. In dem Strategiepapier heißt es: "Das Mediensystem wird die Arbeitsbedingungen eines so prominenten Unternehmens wie eBay bereitwillig thematisieren."

Gleichwohl galt ein Vorgehen gegen eBay als riskant: "Den Beschäftigten bei eBay geht es relativ gut - auch im Branchenvergleich", schreiben die Kampagnenstrategen. Doch dies scheint nicht ganz zu stimmen, denn Goldschmidt betont vielmehr, eBay habe "die krassesten Arbeitsbedingungen".

eBay-Sprecher Chopurian: "Professionell gesteuerte Gewerkschaftskampagne"

eBay-Sprecher Chopurian: "Professionell gesteuerte Gewerkschaftskampagne"

Am Freitag trommelten die eBay-Manager die über 400 Beschäftigten zusammen und informierte sie über die "professionell gesteuerte Gewerkschaftskampagne". Connexx.av wolle dem Ruf von eBay als integerem Arbeitgeber schaden, um eBay anschließend einen Tarifvertrag aufzuzwingen. Es seien grundlegende Regeln der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmen gebrochen worden.

Connexx.av berichtete daraufhin, die Geschäftsführung habe bei der Versammlung versucht, die Mitarbeiter massiv einzuschüchtern. Gewerkschafterin Goldschmidt: "Die Botschaft, die bei den Leuten ankam, lautete: Wer mit epay.tv Kontakt aufnimmt, fliegt." EBay-Sprecher Nerses Chopurian widersprach dem vehement. Man habe keinesfalls die Kontaktaufnahme zu epay.tv verboten. "Am Montag wurden sogar von eBay-Mitarbeitern Flugblätter von connexx.av in unserem Gebäude verteilt", sagte Chopurian. Die Gewerkschaft bestätigte dies gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Kampf ums Überleben

Connexx.av steht unter einem gewissen Erfolgsdruck. Bis Ende 2004 bekommen die Mediengewerkschafter Geld aus dem Innovationsfond von Verdi. Ob es das Projekt danach noch weiter gibt, hängt davon ab, "ob die Anzahl der bis dahin gewonnen Mitglieder diesen Aufwand rechtfertigt" - so steht es auf der connexx.av-Homepage.

Projektleiterin Goldschmidt betonte jedoch, es ginge bei der eBay-Kampagne nicht ums eigene Überleben von connexx.av sondern primär darum, den Beschäftigten zu helfen. "Viele in der Medienbranche sind froh, dass es uns gibt."

Wie es nun mit der Anti-eBay-Aktion weitergeht, ist unklar. "Wir fahren schweres Geschütz auf - ohne Rückhalt im gesamten Team fliegt uns die Sache um die Ohren", heißt es in der Stärken-Schwächen-Matrix der Kampagne. Genau das könnte jetzt passiert sein.

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