Neue Enthüllungsplattform Ebay-Gründer Omidyar tritt gegen traditionelle Medien an

Pierre Omidyar will den Journalismus neu erfinden. Mit Top-Rechercheuren wie dem NSA-Enthüller Glenn Greenwald baut der Ebay-Gründer eine neue Nachrichtenseite für investigative Berichterstattung auf - und will damit langfristig Gewinn machen.

Von , London

Ebay-Gründer Pierre Omidyar: "Leser in engagierte Bürger verwandeln"
AFP

Ebay-Gründer Pierre Omidyar: "Leser in engagierte Bürger verwandeln"


Eigentlich wollte Pierre Omidyar im Frühjahr die "Washington Post" kaufen. Doch im Bieterwettstreit unterlag er seinem Erzrivalen Jeff Bezos von Amazon. Nun geht der Gründer der Auktionsplattform Ebay seinen eigenen Weg: Er gründet ein neues Online-Magazin.

Ein Massenmedium soll es sein, mit einem kompletten Nachrichtenangebot von Politik über Unterhaltung bis Sport. Der Fokus soll auf investigativer Berichterstattung liegen. Er wolle eine Plattform für "unabhängige Journalisten mit Fachwissen, einer Stimme und einer Anhängerschaft" schaffen, erzählte Omidyar in seinem einzigen Interview Jay Rosen, einem Medienprofessor an der New York University.

Durch einen geschickten Schachzug hat Omidyar sichergestellt, dass die Newcomer von Anfang an die erhöhte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit haben werden. Mit Glenn Greenwald und Laura Poitras hat er die beiden Journalisten eingekauft, die seit Juni als Kontaktleute zum NSA-Whistleblower Edward Snowden fungieren. Der in Rio de Janeiro lebende Greenwald publizierte bislang im britischen "Guardian" seine Enthüllungen, die in Berlin ansässige Dokumentarfilmerin Laura Poitras unter anderem auch im SPIEGEL.

Greenwald kehrt zu seinen Blogger-Wurzeln zurück

Das Duo soll zusammen mit einem weiteren Sicherheitsexperten, Jeremy Scahill von der linken US-Zeitung "The Nation", den Kern der neuen Redaktion bilden. Greenwald wird offenbar eine leitende Rolle spielen. Wie er dem Online-Dienst "Buzzfeed" verriet, soll er nicht nur schreiben, sondern auch die anderen Journalisten rekrutieren. Er selbst bleibt in Rio, die anderen Mitarbeiter hingegen sollen auf New York, Washington und San Francisco verteilt werden.

Greenwald kehrt damit zu seinen Blogger-Wurzeln zurück: Bevor er 2012 zum "Guardian" kam, hatte er das Blog "Unclaimed Territory" gegründet und ab 2007 für das Online-Magazin "Salon.com" geschrieben. Kritiker werfen dem früheren Anwalt vor, mehr Aktivist als Journalist zu sein.

An Geld wird es der neuen Unternehmung nicht mangeln. Omidyar ist bereit, so viel zu investieren, wie Bezos für die "Washington Post" bezahlt hat: 250 Millionen Dollar. Damit lässt sich eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen. Kein Wunder, dass Greenwald von einem "Traumangebot" spricht, für das es sich lohnt, den "Guardian" zu verlassen.

Omidyar ist kein Neuling im Newsroom

"Ich war immer der Meinung, dass die richtige Art von Journalismus ein entscheidender Teil unserer Demokratie ist", sagte Omidyar zu Rosen. Er beobachte mit Sorge, wie Enthüllungsjournalisten vom Staat bedroht würden. Seine neue Organisation sei dazu da, diesen Angriffen standzuhalten.

Der Multimilliardär engagiert sich seit Jahren für das Gemeinwohl. Wie Bill Gates und Warren Buffett hat er versprochen, die Hälfte seines Vermögens zu spenden. Er hilft krebskranken Kindern, kämpft für den Frieden im Sudan und fungiert als Risikokapitalgeber für diverse gemeinnützige Projekte.

Auch ist er kein Neuling im Journalismus. In seiner Heimat Hawaii betreibt er seit 2010 die Nachrichtenseite "Honolulu Civil Beat", um lokale Missstände aufzudecken. Omidyar sei fast jeden Tag im Newsroom gewesen, sagte der erste Chefredakteur John Temple im Interview mit dem "Poynter"-Blog. Er habe ein "journalistisches Gespür" für Geschichten und experimentiere gern mit verschiedenen Erzählformen.

"Ich will Wege finden, Mainstream-Leser in engagierte Bürger zu verwandeln", schreibt Omidyar in einem Blog. Die Frage ist, ob er den hohen Anspruch durchhalten kann. Das Paid-Content-Modell von "Civil Beat" hat er jedenfalls bereits anpassen müssen. Der ursprüngliche Abo-Preis von 20 Dollar im Monat wurde halbiert, und seit September kooperiert "Civil Beat" mit der "Huffington Post Hawaii". Die lässt nicht nur unbezahlte Blogger für sich arbeiten, sondern wirbt auch schamlos mit Bildstrecken um User. Von investigativem Journalismus ist das weit entfernt, doch hofft Omidyar, dass sich so ein größeres Publikum für die exklusiven Geschichten von "Civil Beat" findet.

Die Erfahrung mit "Civil Beat" lasse darauf schließen, so Rosen, dass Omidyar nicht naiv an das neue Projekt mit Greenwald herangehe. Es steckt jedoch noch in einem sehr frühen Stadium, viele Details stehen noch nicht fest. "Ich weiß weder, wie oder wann die Seite startet, noch wie sie aussehen wird", schreibt Omidyar. Bislang haben er und Greenwald sich noch nicht einmal kennengelernt.

Nur eins ist schon klar: Der Unternehmer liefert die Anschubfinanzierung und wird sicher einige Verluste hinnehmen, doch früher oder später soll sich das Online-Magazin selbst finanzieren. Mögliche Gewinne will Omidyar nicht einstreichen, sondern in die Seite investieren. Bis es soweit ist, wird er jedoch deutlich mehr als nur die NSA-Dokumente bieten müssen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nochsoeiner2nochsoeiner2 17.10.2013
1. Na das...
hört sich doch gut an!!
TheShippingGuru 17.10.2013
2. Wurde auch Zeit!
Die Presse ist so schlecht geworden, das es schon fast wehtut... Hoffentlich wird hier wirklich ernsthaft Journalismus betrieben und nicht wie alle anderen es machen: populistische und reisserische Berichte veroeffentlichen, die ja nicht mit den Anzeigenkunden im Gegensatz stehen und vor allem, die politische Richtung des Herausgebers beruecksichtigen. Selbst der Spiegel ist ja schon zum Werbeblatt von CDU und Frau Merkel verkommen!
kaynchill 17.10.2013
3. Sehr gute Nachricht!
Da Greenwald dabei ist vertraue ich darauf dass es mit der Plattform ernst gemeint ist. Ich habe große Erwartungen und freue mich!
Abraxas77 17.10.2013
4. deutsche Ausgabe
wird es hoffentlich dann auch mal geben. Vielleicht gibt es dann neben Telepolis noch eine zweite Informationsquelle die nicht morgens bis abends "Gebenedeit seien die gottgleiche Angela Merkel und Raubtierkapitalismus" singen. Es wäre nett mal endlich nicht nur diese grottige INSM/CDU/Springer/1984oderTod Hetze im deutschen "Qualitätsjournalismus" zu lesen.
Asturaetus 17.10.2013
5. Finanzierung?
Gerade der wichtigste Punkt - die Frage wie sich denn nun dieses neue Angebot finanzieren soll - wird leider nicht erklärt. Es ist doch gerade die etablierte Abhängigkeit der Zeitungen und Nachrichtenplattformen vom Werbe- und Anzeigengeschäft die auf Basis der Zielgruppenorientierung und des Sensationsgier zur Verwässerung des sogenannten "Qualitätsjournalismus" führte. Die Finanzierung ist es, die letztlich die Angriffsbasis für die mögliche Beeinflussung der Medien bietet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.