Von Karl Schaaf
Im sächsischen Vogtland, am Fuße des Erzgebirges, baut Landwirt Swen Gündel auf knapp 6000 Quadratmetern Ackerland Kartoffeln an. Er hat sich auf alte, fast vergessene Landsorten spezialisiert. 70 verschiedene baut Gündel an, blaufleischige und rotschalige, murmelgroße, wurz- und hörnchenförmige. 30 der Sorten verkauft Gündel über seinen Web-Shop.
Kartoffeln online kaufen? Bei seltenen Sorten, die man nicht im Supermarkt findet, ist das ein Geschäftsmodell. Viele Landwirte vertreiben außergewöhnliche Sorten über das Internet. Gündel schätzt privat die französische Edelsorte La Bonnotte. Den Geschmack umschreibt er als "schön cremig, mit feinkörniger Stärke, zart schmelzend auf der Zunge."
In ihrer Heimat, auf der Atlantikinsel Noirmoutier, erntet man die Bonnotte-Kartoffeln bereits kirschgroß nach zweimonatigem Wachstum. Weil dort die Sandböden auch Meerwasser abbekommen, haben die Bonnotte-Kartoffeln von der Insel einen besonderen Geschmack, für den Liebhaber bis zu 500 Euro pro Kilo zahlen. Gündel baut die Sorte bei sich im Vogtland an, ohne Salzwasser und Insellage - entsprechend billiger ist La Bonnotte bei ihm im Web-Shop.
Spezialitäten statt "geschmacksneutraler Sättigungsbeilage"
Die Online-Kartoffelhändler nehmen sich den Markt für besondere Olivenöle und Weine zum Vorbild: Sie vermarkten ihre Kartoffelnsorten als Spezialitäten, heben die Besonderheiten hervor. Einige der auf Kartoffeln spezialisierten Landwirte veranstalten Feinschmecker-Verkostungen mit Fachdebatten über den Einfluss des "Terroir", also der Bodenqualität auf den Geschmack.
Im Web-Shop "Tartufflis erlesene Kartoffeln" offeriert Peter Glandien einige Dutzend Sorten. Der gelernte Gemüsegärtner und studierte Diplom-Ökonom arbeitete, bevor er Internet-Händler wurde, als Marketingleiter beim Bio-Anbauverband Demeter. Damals ärgerte er sich über den vom Großhandel "kaputt gemachten Massenmarkt" mit vielen "geschmacksneutralen Sättigungsbeilagen".
Gemeinsam mit anderen Pionieren entdeckte Glandien vergessene und vom Aussterben bedrohte Sorten neu, um sie online an Feinschmecker zu verkaufen. Mit dem Kartoffel-Web-Shop-Betreiber Karsten Ellenberg, der einst die Bewegung "zurück zur bunten Vielfalt" mitgründete, wirbt Glandien für die 2006 fast vom Markt verschwundene Sorte Linda (hier ein passendes Bratkartoffelrezept von Hobbykoch Peter Wagner). In Glandiens Shop ist sie der Bestseller, vor der feinschaligen Sieglinde und den hervorragend für Kartoffelsalat geeigneten Bamberger Hörnchen.
Bei vier Grad unter Null besser nicht per Paketversand
Erst vor kurzem startete Bio-Bauer Eckehard Schulz aus dem Wendland seinen Shop. Rund zwanzig Sorten baut er an, im Internet bietet er eine kleine Auswahl an. Er erreicht mit den Web-Shop eine neue Zielgruppe, führt Schulz aus: "Gerade in Regionen, wo kein Bio-Bauer um die Ecke ist, und kein gut ausgestatteter Wochenmarkt in der Nähe, schafft Web-Shopping eine bessere Versorgungsqualität."
Der Bio-Landwirt Stefan von der Forst ist seit mehr als zwei Jahren dabei. Bestseller ist bei ihm jedoch die rotschalige, gelbfleischige Sorte Laura. "Für mich ein Multitalent mit glatter Schale", schwärmt von der Forst. "Gemüsig-erdig" beschreibt er den Geschmack, geeignet sei Laura für alle Gerichte. Zwölf Hektar Kartoffeln hatte er vergangenes Jahr angebaut. Sechs Sorten gibt es im Web-Shop. Zehn bis 15 Prozent seiner Ernte vermarktet von der Forst online.
Er düngt mit Pferdemist: "Der versorgt den Boden mit hochwertigen Nährstoffen." Im Winter bei Dauerfrost warnt er die Kunden: Bestellung auf eigene Gefahr. Bis vier Grad unter null lassen sich die stärkehaltigen Nachtschattengewächse versenden, sagt Tartuffli-Kollege Glandien. Darunter bestehe die Gefahr, dass sich die Stärke in Zucker wandle. Dann hat man "altdeutsche" Süßkartoffel.
Das schmeckt dann nicht besonders.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Best of Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH