Ego-Shooter Die Christen ballern zurück

Mit christlicher Nächstenliebe haben Computerspiele bibelfester Spieledesigner nicht viel zu tun. Der Spieler muss das Böse mit allen Mitteln bekämpfen und Gott mit dem Schwert zu seinem Recht verhelfen. Neben dem Spielspaß steht dabei auch die christliche Botschaft auf der Tagesordnung.

Von Michael Voregger


Geschichte korrigiert: Bei "Catechumen" machen wehrhafte Christen Jagd auf Christen-Verfolger

Geschichte korrigiert: Bei "Catechumen" machen wehrhafte Christen Jagd auf Christen-Verfolger

Christliche Spiele gibt es schon länger, allerdings kamen sie mit ihrer biblischen Geschichtsaufbereitung über ein Nischendasein nicht hinaus. "Eternal War: Shadows of Light" ist da von einer ganz anderen Machart. Der Ego-Shooter basiert auf der Quake-Engine und unterscheidet sich kaum von anderen virtuellen Ballerspielen. Allerdings gehört der Spieler hier zu den Guten und er soll das Böse in seine Schranken verweisen. Er übernimmt die Rolle eines Engels mit dem Namen Mike, der die Seele des suizidgefährdeten Teenager John Coronado vor finsteren Dämonen retten muss.

"Bei unseren Projekten setzen wir auf große, unterhaltsame Spiele, die Intelligenz und Geschicklichkeit des Spielers herausfordern", sagt Mackenzie Ponech, Firmengründer und Chef von "Two Guys Software".

Bei "Eternal War" kann der Spieler nicht die Seite wechseln und das Böse unterstützen, er ist und bleibt ein Kämpfer mit noblem Charakter. Die drastische Gewaltanwendung wird mit dem notwendigen Kampf gegen die dunklen Mächte gerechtfertigt. Für christliche Nächstenliebe bleibt bei der Jagd durch dunkle Gänge und zwischen zerschossenen Überresten der Dämonen keine Zeit. Gebete sind lediglich so etwas wie biblische Zaubersprüche, die in aussichtslosen Situationen für etwas Entspannung und Schutz vor der feindlichen Außenwelt sorgen.

Schwerthiebe mit Botschaft

Die christlich motivierten Entwickler fühlen sich bei ihrer Arbeit in bester Gesellschaft, da die amerikanische Regierung ihre Politik ebenfalls mit dem Kampf gegen das Böse begründet und sich als Vollstrecker göttlicher Botschaften sieht. In diesem Jahr wurde "Eternal War:

Bei "Eternal War" kassiert der Spieler Mana-Punkte für erfolgreich zermissionierte Dämonen

Bei "Eternal War" kassiert der Spieler Mana-Punkte für erfolgreich zermissionierte Dämonen

Shadows of Light" auf der zum ersten Mal stattfindenden "Christian Game Developers Conference" als bestes Spiel des Jahres ausgezeichnet.

"Es ist eine Möglichkeit, wichtige Themen zu diskutieren und für das Wohl der Industrie zu beten", heißt es auf der Homepage der CGDC. "Wir sind eine Gruppe von Christen mit dem Interesse an Spielentwicklung und wir sind aufgerufen, Gott zu preisen."

Natürlich geht es auch um gute Geschäfte. In den USA liegt der Anteil christlicher Computerspiele noch unter einem Prozent, doch Analysten glauben an eine Steigerungsmöglichkeit auf etwa zehn Prozent. "Wenn sie sich die christliche Musik anschauen, kann man sehen, dass die Unternehmen, die sich durchsetzen können, qualitativ hochwertige Inhalte schaffen und einen verlässlichen Geschäftsplan haben", sagt Ralph Bagley, Präsident der christlichen Spieleschmiede "N'lightning" aus Medford in Oregon. "Wir sind zuversichtlich, dass christliche Computerspiele einem ähnlichen Pfad folgen".

Christenverfolgung? Ja, aber in beide Richtungen

Die Entwickler von "N'lightning" haben für ihre letzen beiden Produktionen "Catechumen" und "Omnious Horizons" insgesamt 2,4 Millionen Dollar ausgegeben. In "Catechumen" holen die im alten Rom von Kaiser Nero verfolgten Christen zum Gegenschlag aus und bilden eine militante Gruppe, die so genannten "Catechumen".

Gewalt ist auch hier kein Problem, solange die richtigen Gegner ins Visier genommen werden. Mit anderen Dingen des täglichen Lebens tun sich die christlichen Programmierer schon bedeutend schwerer: "Kein Sex", sagt Ralph Bagley. Der positiven Darstellung okkulter Themen will man dagegen bei "N'Lightning" mit aller Macht entgegentreten. "Wir haben zu viele Spiele, wo der Teufel immer gewinnt oder er einer der stärksten Charaktere ist", sagt der Firmenchef.

Mit herkömmlichen Spielen tun sich amerikanische Christen mehr als schwer, es sein denn, hier kommt der Typus des "god games" zum Einsatz, wo der Spieler eine Welt nach seinen Vorstellungen schaffen kann. Auf den Internetseiten der evangelikalen Gruppierung "Al Menconi Ministries" findet sich ein Bewertungssystem für Computerspiele, das biblische

Gesegnetes Schwert: Wer damit hackt, tut Gutes - alles eine Frage der Perspektive

Gesegnetes Schwert: Wer damit hackt, tut Gutes - alles eine Frage der Perspektive

Maßstäbe anlegt und der christlichen Gemeinschaft eine Orientierungshilfe geben will.

Der Klassiker "Civilization" wird als Musterbeispiel für ein "god game" überaus positiv einschätzt, wohingegen das bei Spielern sehr beliebte "Diablo II" keine Gnade vor der christlichen Jury findet und auf dem letzten Platz landet. Begründet wird das mit dem okkulten Inhalten und der massiven Gewaltanwendung.

Computerspiele spiegeln die Wirklichkeit und werden auch als Mittel verwendet, um politische und ideologische Botschaften zu verbreiten. Im vorigen Jahr sollten amerikanische Jugendliche mit dem hunderttausendfach aus dem Internet heruntergeladenen "America's Army" zum Dienst für das Vaterland bewegt werden. Auch "America's Army" ist dabei keine Billigproduktion, vielmehr hat die Entwicklung mehrere Millionen Dollar gekostet.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.