Ehrliche Worte: US-Regierung besteht auf Kontrolle über das Internet

Vor Jahren legte die US-Regierung zahlreiche Kontrollfunktionen über das Internet in die Hände der ICANN, verbunden mit der Absichtserklärung, hier für mehr internationale Beteiligung sorgen zu wollen. Bewegt hat sich seitdem wenig - und das, machen US-Vertreter nun klar, soll auch so bleiben.

ICANN-Funktionen: Wer das "Verkehrssystem" unter Kontrolle hat, kontrolliert das Internet selbst
SPIEGEL ONLINE

ICANN-Funktionen: Wer das "Verkehrssystem" unter Kontrolle hat, kontrolliert das Internet selbst

Als die US-Regierung im Herbst 2000 erstmals die Direktoren der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers - kurz ICANN - in einer internationalen Wahl küren ließ, da erschien das vielen wie der Testlauf einer grenzenlosen, internationalisierten Demokratie. Tatsächlich hatte es in der Clinton-Ära ja Absichtserklärungen gegeben, die seit den Anfangstagen des Internet ausgeübte Kontrolle über die Netzinfrastruktur stärker der Wirtschaft und auch anderen Nationen zu öffnen.

Auf dem Höhepunkt dieser Diskussion war zeitweilig gar die Uno-Unterorganisation ITU im Gespräch, die Kontrolle über die Netze auszuüben. Die US-Regierung zog damals die Reißleine und rief die ICANN ins Leben - als privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen nach kalifornischem Recht, unter direkter Kontrolle des US-Wirtschaftsministeriums. Seitdem zeigten US-Regierung, Kongress und Senat mehrere Male, wie direkt ihr Einfluss auf die ICANN und alle ihre Entscheidungen in Wahrheit sind.

Und das soll auch so bleiben. Denn die US-Regierung will auf unbestimmte Zeit die Kontrolle über den Internetverkehr behalten. Das erklärte der Abteilungsleiter für Kommunikation und Information im US-Wirtschaftsministerium, Michael Gallagher. Dies ist eine Abkehr von bisherigen Erklärungen der USA, die ihr Vetorecht über die Zentralregister zur Steuerung der Internetkommunikation unter bestimmten Voraussetzungen aufgeben wollten.

Gallagher wollte indes nicht von einer Abkehr sprechen, sondern nannte seine Erklärung ein "Fundament für die aktuelle US-Politik".

Entscheidend für die Haltung seien Sicherheitsaspekte in einem Zeitalter, in dem das Internet als Kommunikations- und Wirtschaftsmittel immer wichtiger werde. Die USA würden eine "andauernde Verantwortung" wahrnehmen, betonte er.

Wer die Root-Server kontrolliert, sitzt am Web-Schalter

Technisch geht es um 13 Computer, die als "Root Server" mit ihren Zentralregistern den Web-Browsern und E-Mail-Programmen sagen, wo sie Anfragen hinleiten sollen. Alle Internetnutzer haben täglich mit diesen "Master directories" zu tun. Eine Entscheidung der für diese Register verantwortlichen Organisation kann zum Beispiel dazu führen, dass Web-Seiten mit bestimmten Endungen nicht mehr aufgerufen werden können. Eine größere Machtfülle ist im Internet nicht denkbar: So ließen sich quasi auf Knopfdruck ganze Länder "abschalten" und vom Internet-Verkehr ausschließen.

Die US-Regierung hat die Organisation des Internetverkehrs der privaten ICANN überlassen. Sie entscheidet darüber, welche Domainnamen mit welchen Endungen - beispielsweise ".de" oder ".com" - in die Master-Verzeichnisse aufgenommen werden. Die US-Regierung hat ein Vetorecht bei diesen Entscheidungen, und sie hat nun erklärt, entgegen früheren Ankündigungen daran festhalten zu wollen.

Ein japanischer Regierungssprecher sagte, die neue US-Linie werde voraussichtlich weltweiten Protest auslösen. Zudem sei sie nicht notwendig, sagte Masahiko Fujimoto vom Internet Policy Office des japanischen Ministeriums für innere Angelegenheiten und Telekommunikation. Da das Internet immer mehr privat und geschäftlich genutzt werde, sei zu fragen, ob es einem Land auf Dauer möglich sein soll, es zu kontrollieren.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.