Ein Jahr ohne Einkäufe "Wir hatten so was wie einen Konsum-Kater"

Es begann als leicht abgedrehte Wette, verbreitete sich über Blogs und Foren und wuchs an zu einer kleinen, aber lebendigen Bewegung: "The Compact" sind idealistische Konsummuffel, die das Shopping eingestellt haben. Total, für ein volles Jahr - und zum Wohle des Planeten.


Eigentlich war es eine Art Silvester-Wette: Eine Handvoll Freunde in San Francisco beschlossen im Dezember 2005, ein Jahr lang nicht einzukaufen. Der Versuch, sich aus dem Kreislauf von Konsumdruck und Müllbergen zu befreien, hat sich mittlerweile zu einer weltweiten Minibewegung entwickelt. "Wir haben einen Nerv getroffen", sagt Gründer John Perry, der seit einem Jahr Schnürsenkel selbst herstellt und für sein Kind keine Wegwerfwindeln mehr benutzt. "The Compact" heißt seine Gruppe, die über das Internet mittlerweile 8000 Anhänger auf der ganzen Welt hat.

Korb voll, Kopf voll: Für The Compact ist Konsumverweigerung ein Weg hin zu einem einfacheren Leben
DPA

Korb voll, Kopf voll: Für The Compact ist Konsumverweigerung ein Weg hin zu einem einfacheren Leben

"Wir hatten so was wie einen Konsum-Kater", erläutert Perry die Entstehung der Bewegung. Ein Jahr durchzuhalten sei gar nicht so schwierig gewesen, meint der Vater von zwei Kindern. So gilt das Einkaufsverbot nicht für Produkte, die "Gesundheit und Sicherheit" betreffen. Und außerdem gibt es eine "Unterwäsche-Klausel", die besagt, dass die Compacter ihre Unterhosen nicht gebraucht besorgen müssen. Alles andere sei problemlos über Tauschhandel oder sogar Wühlen in Mülltonnen zu bekommen, versichern die Gruppenmitglieder.

"Die Leute kommen langsam dahinter, dass es gesellschaftlich völlig in Ordnung ist, den Müll zu durchforsten", sagt Rachel Kesel. Die 27-Jährige kümmerte sich um Perrys Hunde, als sie von dem Projekt erfuhr. Sie war sofort Feuer und Flamme: "Es ist einfach fantastisch, Teil dieses wachsenden Dialogs zu sein". Das fand Kesel auch noch, als sie Ersatzteile für ihr Fahrrad brauchte und die Versuchung, die einfach einzukaufen, sehr groß wurde. Aber mit Geduld und Kreativität habe sie schließlich alles gefunden, was sie brauchte, berichtet die junge Frau. Über Internet-Chats habe sie es sogar geschafft, ein funkelnagelneues Doppelbett inklusive Kissen und Decken umsonst zu bekommen.

Patriotisch-volkswirtschaftlich motivierte Kritiker

Nicht alle Außenstehenden sind von solchen Erfolgen beeindruckt. "Seit dem 11. September wird offenbar selbst das Einkaufen als ein patriotischer Akt empfunden", lacht Perry. "Einige Leute haben uns schon als 'unamerikanisch' beschimpft. Sie fanden, unser Verhalten sei schlecht für die Konjunktur." Kritiker von der anderen Seite des politischen Spektrums wiederum werfen den Konsum-Abstinenzlern vor, mit ihrer originellen Idee nur wenig zu bewegen. "Manche sagen, wir würden mit unserer Aktion nur angeben, wir seien so eine Art Champagner-Linke", erzählt Perry kopfschüttelnd.

Der "Compact"-Gründer weist die Vorwürfe zurück. Seine Kritiker vergäßen, dass es sich einfach "um die persönliche Entscheidung einiger Leute handelt, die sich über leeren, bedeutungslosen Wegwerfkonsum Gedanken machen". Eine persönliche Entscheidung, die jedoch immer größere Kreise zieht: In Internetzeiten, in denen Mitglieder der Bewegung ihren Blog veröffentlichen und Erfahrungen austauschen, lässt sich die Verbreitung der Idee nicht verhindern. Eigentlich sei gar keine "Bewegung" geplant gewesen, versichert Perry. Auch Kesel wundert sich über den Schneeball-Effekt: "Wenn das jetzt schon Schlagzeilen macht, dass ein paar Leute in San Francisco ein Jahr lang nicht shoppen, dann sagt das viel darüber, in welchem Zustand unsere Kultur ist."

Zachary Slobig, AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.