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Einfluss von Social Media: Die digitale Parallelgesellschaft

Von Andreas Grieß

Der Einfluss von Social Media ist mittlerweile enorm? Fehlanzeige! Eigentlich beschäftigt sich das Web 2.0 in erster Linie mit sich selbst. Das allein muss noch nichts heißen - außer, dass es trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist.

Wenig Außenwirkung: Das Web 2.0 dreht sich vor allem um Tratsch und sich selbst Zur Großansicht
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Wenig Außenwirkung: Das Web 2.0 dreht sich vor allem um Tratsch und sich selbst

Es sind Momente wie die Proteste in Iran oder die Notlandung einer Passagiermaschine im Hudson River, in denen soziale Netzwerke wie Twitter ihre Sternstunden feiern. Von veränderter Kommunikationsstruktur, einer neuen Medienlandschaft und weitreichenden Einflüssen auf die moderne Gesellschaft wird dann gesprochen. Der Regelfall sieht aber bislang eher anders aus. Das Mitmach-Internet dreht sich um sich selbst, diskutiert in Netzwerk A über den Ausfall von Netzwerk B.

Das US-Blog SmartDataCollectiv veröffentlichte jetzt eine Studie, in der die Titel von 3000 Social-Media-Beiträgen analysiert wurden. Das Ergebnis: Die am häufigsten vorkommenden Schlüsselbegriffe waren "social" und "media", gefolgt von "Twitter" und "Facebook".

Positiv auf die Weiterverbreitung von Beiträgen über Twitter wirkten sich zum Beispiel Wörter wie "increase" oder "socialize" aus. Leser seien vor allen an Beiträgen interessiert, die Wege aufzeigen, wie man den persönlichen Wert in sozialen Medien steigern könne. So heißt es im Fazit der Studie.

Der Selbstbezug lässt sich auch an anderen Stellen beobachten: Facebook selbst hat in seinem eigenen Netzwerk fast 20 Millionen Fans - nur der verstorbene Michael Jackson und das Spiel Texas Hold'em Poker haben mehr. Nicht ganz so stark ist der Effekt auf Twitter: Laut twitaholic.com haben immerhin zehn Accounts mehr Follower als Twitter selbst.

Das in der deutschen Blogosphäre derzeit meist verlinkte Blog ist netzpolitik.org. Über welche Themen dieses hauptsächlich berichtet, sagt bereits der Name. Mit dem Basic Thinking Blog, Netzwertig sowie dem Blog zur re:publica, einer Veranstaltung zu Blogs und Social Media, sind weitere Blogs sehr weit oben in den inoffiziellen deutschen Blogcharts, die sich überwiegend mit Themen des Internets beschäftigen.

Das Mitmach-Web ist kein Mainstream

Der Nachrichten-Aggregator Rivva, bei dem Artikel von Nachrichtenseiten und Blogs vor allem danach sortiert werden, wie häufig Beiträge in Blogs und auf Twitter auf sie verlinken, listet seine "Leitmedien" auf. Aktuell liefert demnach SPIEGEL ONLINE die meisten Topmeldungen. Direkt danach folgen bereits das offizielle Google-Blog und netzpolitik.org. Die Hausblogs von Twitter, Apple, Facebook und YouTube rangieren ebenfalls vor den meisten gängigen Nachrichtenseiten.

Sogar wenn es um Geld geht ist ein gewisser Selbstbezug erkennbar: Das Medienblog CARTA veröffentlicht in den letzten Monaten regelmäßig die beim Social-Payment-Dienst Flattr meisthonorierten Beiträge. Flattr ermöglicht es seinen Nutzern monatlich einen gewissen Geldbetrag freiwillig auf Autoren zu verteilen, die den Dienst auf ihrer Seite eingebunden haben. Zumindest in der Anfangszeit hatten überproportional viele der am häufigsten belohnten Beiträge den Dienst zum Thema.

Sind die Heilsversprechen zu Social Media also zu vernachlässigen? Ist das Internet mit einem digitalen Selbstgespräch beschäftigt?

Nicht ganz!

In einer Kfz-Werkstatt wird in der Mittagspause vermutlich auch häufiger und detaillierter über Autos gesprochen, als beim Pausensnack einer Ausgrabung von Dinosaurier-Skeletten. An beiden Orten wird sicherlich über das Wetter geredet, aber anders als in der Kantine des deutschen Wetterdienstes. Mit anderen Worten: Jede Gruppe spricht verstärkt über ihre unmittelbaren Wissensgebiete. Nur ist dies im Fall der Onliner leichter zu dokumentieren, da die Gespräche digital stattfinden und dadurch gleichsam protokolliert werden.

Was das bedeutet? Es bedeutet nicht, dass das Web 2.0 andere Lebensbereiche nicht verändert. Die Daten sprechen eher für etwas anderes: Dass das Mitmach-Netz trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist.

Das Tagesgeschäft füllen Klatsch, Tratsch und Social Media

Ein Indiz dafür ist zum Beispiel auch, dass Sport nur sporadisch vorkommt, geht es um die meistverlinkten Blogs, die meisten Follower bei Twitter oder die meisten Fans bei Facebook. Bei Letzteren ist Fussballer Christiano Ronaldo gemessen an der Anzahl der Fans der beliebteste Sportler. Seine Seite rangiert auf Platz 21. Doch böse formuliert, ist auch Ronaldo eher Popstar als Sportler. Viele Kommentare von weiblichen Fans ("Your're so sweet.") verstärken diesen Eindruck. So oder so: Nach dem Real-Spieler kommt erst einmal lange Zeit nichts mehr aus der Welt des Sports.

Ein Thema hat es neben technischen Themen jedoch geschafft, fest Fuß zu fassen: US-Celebrities. Lady Gaga, Justin Bieber, Katy Perry oder Taylor Swift schaffen es, tausende an Followern und Facebook-Fans zu sammeln. Gossip geht halt immer. Und einige haben ja auch den umgekehrten Weg geschafft, von der Internet-Bekanntheit zum allgemeinen Medienstar. Oder vom Programmierer zum "Cäsar".

Die Proteste in Iran beschäftigten Twitter und YouTube, die Welt verbreitete ihre Informationen weiter, viele Nutzer färbten ihr Profilbild aus Solidarität in Grün, der Farbe der Opposition. Dann starb Michael Jackson und löste Iran als Topthema ab. Eine Öffentlichkeit wie vor dem Tod des US-Musikers erreichte der Protest seitdem nicht mehr.

Die vermeintlich heilenden Kräfte des Mitmach-Web sind weiterhin die Ausnahme. Das Tagesgeschäft füllen Klatsch, Tratsch und Social Media. Belangloses und viel Beschäftigung mit sich selbst. Laut dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research nimmt die Anzahl von wirklich aktiven, Inhalte produzierenden Nutzern in den USA sogar wieder ab. Das dürfte diesen Effekt zunächst wieder verstärken.

Das alles muss nicht so bleiben, aber es wird wohl noch Zeit brauchen, bis die digitale Welt ein Abbild der realen wird. Vielleicht kommt bald die Zeit, der Sportler, Kfz-Mechaniker und sogar Dino-Archäologen im Internet. Bis dahin aber bleiben Facebook und Co digitale Parallelgesellschaften. Da bekommt der Aufruf, Social Media zu integrieren, eine ganz neue Bedeutung.

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Soziale Netzwerke
Facebook
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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