Einmann-Label Audiolith: "T-Shirts kannst du nicht einfach runterladen"

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Sieben Jahre Arbeit, 1200 Euro im Monat: Lars Lewerenz, 33, erzählt, wie er das Elektropunk-Label Audiolith aufgebaut hat. Ohne den Kontakt zu Fans übers Netz hätte das nie geklappt. Audioliths sicherste Einnahmequelle ist der Verkauf von T-Shirts - denn die kann man nicht runterladen.

Musikgeschäft: Das Einmann-Label Audiolith Fotos
Konrad Lischka

Das Label hat nebenbei angefangen: Ich veröffentlichte 2003 eine Single von Freunden. Ich hatte damals einen festen Job als Betreuer, gelernt habe ich Anlagenmechatroniker und Erzieher. Ich betreute damals einen Schwerbehinderten und verdiente 960 Euro im Monat, machte Musik und dann immer mehr Produktionen nebenbei und steckte da mein Geld rein.

Ich hatte nie einen Haufen Geld als Startkapital. Ich hab etwas von meinem Geld genommen, Platten gepresst, CDs gepresst, rumgeschickt, und dann wurde das immer größer. Klar, meine Freundin hat mir auch mal ein paar tausend Euro geliehen, die sie zurückgekriegt hat. Ich habe nie Schulden gemacht. Über die Jahre sind die Stückzahlen gewachsen: Wir legen zwischen 500 und 1000 LPs von jeder Veröffentlichung auf und zwischen 1000 und 6000 CDs. Plus MP3-Verkäufe.

Vor zweieinhalb Jahren habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr vor allem Musik mache, sondern Musik verkaufe. Ich habe da eine Existenzgründung gemacht, mir war da klar, dass das ein Job ist, dass ich mehrere Positionen gleichzeitig habe - A&R, Promoter, Produktmanager, all das, was bei großen Labels aufgeteilt ist. Seit zwei Jahren gehe ich von montags bis freitags fürs Label arbeiten, ich mache keinen zweiten Job mehr. Am Wochenende betreue ich Bands oder lege als DJ auf, die Gagen dafür fließen dann auch ins Label.

Fixkosten: Jeden Monat 2500 Euro reinbekommen

Mein Arbeitstag, das sind Sachen wie Buchhaltung, Steuer, Krankenversicherung, Lizenzabrechnung, Jahresplanung, wann kommt was wie raus, welche Singleauskopplung wird es geben, welches T-Shirt-Design machen wir mit welchem Gestalter, plus den ganzen Wahnsinn, den man sich nebenher ausdenkt, um im Gespräch zu bleiben. Ich zahle mir 1200 Euro im Monat aus. Ich habe einen freien Mitarbeiter, der kriegt 800, der Praktikant kriegt 100, das Büro kostet 300. Internet, Telefon und so was kommt noch dazu. Damit sich das trägt, muss man jeden Monat zwischen 2500 und 3000 Euro einnehmen.

Ich hab Kalkulationen immer Pi mal Daumen gemacht und auch viel Geld in den Sand gesetzt. Bei meinem Vertrieb stehen immer noch 5000 Tonträger von Veröffentlichungen rum. Ich habe 85 Veröffentlichungen gemacht, da bleibt schon was liegen. Das ist das Risiko: Man produziert vorab und hat dann schlimmstenfalls totes Kapital. Wir haben letztens Inventur gemacht, LPs, CDs und T-Shirts. Da hatten wir einen Warenwert von 30.000 Euro, der einfach rumliegt.

Aber CDs und Vinyl muss man machen. Es gibt noch genug Leute, die das gerne kaufen. Bei Vinyl hast du die kleinste Marge, bei CDs ist die besser, bei MP3 sehr gut. Wenn ein Song bei iTunes 99 Cents kostet, schicken die 71 an den Vertrieb raus, und ich krieg dann 50. Das ist bei den Portalen natürlich unterschiedlich, wenn das Flatrate-Dinger sind wie Napster, da kriegst du nur ein paar Cents. Aber das ist ja besser als gar nichts.

Einnahmen: 1700 Euro Gewinn mit T-Shirts

Das Label finanziert sich über die Mischung aus Musikverkauf, Urheberrechtsverwaltung über den Verlag, da versuchen wir das Repertoire der Künstler unterzubringen in Film, Fernsehen, in Werbung als Hintergrundmusik und so etwas. Und das Merchandise-Geschäft, das ist sehr groß. Die Leute kaufen wie wild T-Shirts. Die kannst du auch nicht runterladen, das ist unersetzbar. Da bedrucken wir jetzt so 100 Prozent ökologische Earth-Positive-Dinger, die kosten 5 bis 6 Euro im Einkauf, die verkaufen wir für 15. Nettogewinn von sieben Euro bei den Label-T-Shirts. Von den neuen Audiolith-T-Shirts haben wir in zwei Wochen 250 Stück verkauft. Das funktioniert, weil die Leute sich mit dem Label identifizieren.

Wir machen für Bands auch ungewöhnliche Sachen - Jutebeutel, Aufnäher, Schlüsselbänder, sogar Spiegel. Bei Merchandise wie den Bandshirts und Tonträgern haben wir mit den Bands einen 60/40-Deal nach Break-Even. Wenn alle Ausgaben drin sind, bekommt das Label 60 Prozent, aber nur bei Sachen, die wir über unseren Shop direkt verkaufen. Merchandise für Konzerte kriegt die Band zum Einkaufspreis von uns, und sie behalten den Gewinn komplett.

Live-Auftritte sind heute sehr, sehr wichtig für den Namen, die Verkäufe, Einnahmen. Jeder kann heute ein Album pressen. Es geht nicht nur um die Musik, live ist ein Teil von dem Ding. Die Bands müssen das Commitment geben, dass sie sich den Arsch abspielen. Man muss jedes Jugendzentrum und jede verpisste Matratze gesehen haben. Das muss man stetig aufbauen, das dauert Jahre. Das ist wichtig, auch damit eine Band weiß, woher sie kommt. So war das bei der Band Frittenbude am Anfang, die sind mit der Regionalbahn zu Konzerten gefahren, habe ihre Verstärker in die Bahn mitgeschleppt. Das nimmt denen keiner mehr.

Der Job des Labels ist: gute Leute an den Start bringen und denen den Rücken freihalten. Wenn es heute heißt, jetzt braucht keiner mehr Labels, weil man es ja selbst direkt bei iTunes einstellen kann - ja, dann macht das doch! Mach deinen eigenen Webshop, mach deine eigene Promo, bemustere die ganzen Blogs und Magazine doch, aber schimpf nicht auf die Labels. Und Alter, wenn deinen Scheiß keiner hören will, dann will den auch keiner hören.

Das Netz: "Wir müssen Geld verdienen, um ein gutes Produkt zu liefern"

Das Netz hat uns sehr geholfen, das Label aufzubauen. Die Leute auf dem Land kennen uns aus dem Netz. Ein Album rausbringen, das reicht nicht. Man muss neue, ungewöhnliche Sachen machen, auf die die Leute abfahren, da läuft viel über Mundpropaganda. Wichtig ist das Audiolith-Street-Team-Blog. Das macht eine Kollegin von mir ehrenamtlich, weil sie Bock hat, uns zu unterstützen. Da bieten wir Leuten an: Wollt ihr über ein Konzert schreiben, Fotos machen? Wir setzen euch auf die Gästeliste. Wollt ihr Sticker? Schicken wir. Da gibt's viel Angriffsfläche zum Mitmachen. Mach ein T-Shirt-Design für uns, komm im Büro vorbei, trink ein Bier mit uns.

Audiolith by Audiolith

Ich kann dieses ganze Krisengerede nicht hören. Jetzt mal ehrlich, die großen Labels haben durch den Formatwechsel von Vinyl auf CD so viel Asche gemacht… Klar, jetzt bricht das alles weg. Aber wenn es einfacher ist, einen Rapidshare-Link anzuklicken, als einen Song zu kaufen, dann ist das so. Da mache ich den Leuten keinen Vorwurf. Andererseits, wenn mir einer erzählt, dass er unser Zeug gut findet und alles gesaugt hat, dann muss man das den Leuten sagen: Wenn ihr denkt, alles ist für alle da und zwar umsonst, dann habt ihr euch geschnitten. Das ist ein Unternehmen, wir müssen Geld verdienen, um euch ein gutes Produkt zu liefern.

"Du musst weniger Geld raushauen als früher"

Aber das geht. Du kann mit No-Budget oder Low-Budget Sachen nach vorne bringen, die die Leute berühren. Man braucht nicht die Plakatkampagne für 20.000 oder so viel Euro. Du musst weniger Geld raushauen als früher und mehr verdienen als du ausgibst.

Klar macht das Netz auch Sachen kaputt. Der stationäre Handel bricht weg. Ich glaube, ein paar kleine gute Plattenläden werden vielleicht überleben, wenn sie Online-Mailorder machen. Das ist schade, aber hey - wenn du 24 Stunden sieben Tage die Woche online Musik hören kannst oder bei Amazon etwas bestellst und das wird dir ab 20 Euro portofrei geschickt - ist doch klar. Das ist halt so.

Den Unterschied zwischen einer MP3 mit 320 Kilobit und einer CD, den hört doch eh niemand. Es gibt natürlich Freaks, die haben den dicken Plattenspieler mit der goldenen Nadel, aber das sind die wenigsten. Die Leute wollen es auf ihrem iPod beim Joggen hören oder mit dem Laptop an der Anlage. Und warum sollte sich jemand ein Album kaufen, der nur ein, zwei Songs gut findet? Das ist natürlich eine Peitsche für den Künstler, der vielleicht ein Konzeptalbum geschrieben hat. Aber das ist Revolution, ne?

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Aufgezeichnet von Konrad Lischka

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