Elektronischer Ausweis: Der Perso fürs Netz

Von Gordon Bolduan und Gregor Honsel

Die Einführung des elektronischen Personalausweises im November ist eines der ambitioniertesten IT-Projekte weltweit. Dabei geht es um weit mehr als nur um ein simples Behördendokument - auch die Wirtschaft kann von dem vielfältig verwendbaren Pass profitieren.

Elektronischer Ausweis: Ein Perso fürs Netz Fotos
dapd

Seit es in Europa kaum noch Grenzkontrollen gibt, brauchen Bundesbürger ihren Personalausweis nur mehr selten zu zücken. Doch das könnte sich ändern: Wenn im November der alte "Perso" durch eine Art Scheckkarte mit elektronischem Chip ersetzt wird, ist das weit mehr als nur ein zeitgemäßes Update eines Identitätsnachweises: Der neue Personalausweis ("nPa") soll ein Vielzweckwerkzeug für die digitale Welt werden. Weitreichende Akzeptanz vorausgesetzt, kann damit der Internet-Geschäftsverkehr auf breiter Front rechtssicher gemacht werden - gut für die Vertrauensbildung bei Verbrauchern, schlecht für Datenspione und Anbieter, die im Trüben fischen.

Ähnlich wie der 2007 eingeführte elektronische Reisepass speichert der nPa-Chip biometrische Merkmale seines Besitzers, nämlich Passbild und auf Wunsch auch zwei Fingerabdrücke. Doch das ist nicht alles: Erstmals können sich Bürger nun mit dem Dokument auch im Internet ausweisen. Amtsgänge wie etwa Wohnungsummeldungen sollen so vom heimischen Rechner aus möglich werden.

Auch für die Internet-Wirtschaft eröffnen sich neue Möglichkeiten: Rund 200 Unternehmen arbeiten an Online-Dienstleistungen, die auf dem nPa aufsetzen. Bis 2011 sollen 50 neue nPa-Anwendungen im Netz stehen.

Im Zentrum der neuen Identitäts-Infrastruktur stehen zwei Kürzel: eID und QES.

  • Mit der eID-Funktion (elektronischer Identitätsnachweis) können sich Bürger digital gegenüber einer Behörde oder einem Geschäftspartner ausweisen - oder selbst die Identität eines Geschäftspartners prüfen, so wie man sich bisher etwa den Ausweis eines potenziellen Autokäufers zeigen lässt.
  • Die QES (Qualifizierte Elektronische Signatur) ist das digitale Gegenstück zur eigenhändigen Unterschrift, mit der ein Vertrag besiegelt wird.

Solche digitalen Signaturen gibt es bereits seit 2003. Verbreitung fanden sie bisher aber nur in Nischen wie etwa Anwaltskanzleien, die online rechtssichere Verträge abschließen wollten. Für die breite Masse war das Verfahren zu umständlich, und es gab zu wenig Stellen, die eine digitale Signatur akzeptierten - ein klassisches Henne-Ei-Problem.

Dabei gibt es reichlich Bedarf an einer sicheren Online-Authentifizierung: Allein im vergangenen Jahr verzeichnete das Bundeskriminalamt 6800 Fälle des digitalen Identitätsdiebstahls, darunter knapp 3000 "Phishing"-Fälle, bei denen Betrüger ihren Opfern durch gefälschte Webseiten oder E-Mails persönliche Daten wie Passwörter oder Transaktionsnummern entlockten. Jede erfolgreiche Phishing-Attacke verursachte im Schnitt einen Schaden von 4000 Euro.

60 Millionen Bürger sollen den neuen elektronischen Ausweis bekommen

Der nPa könnte das Henne-Ei-Dilemma nun überwinden und Phishern das Wasser abgraben: Rund 60 Millionen Bürger sollen in den nächsten sechs Jahren den neuen elektronischen Ausweis bekommen und können damit - zumindest theoretisch - die neuen Identifzierungsfunktionen nutzen. In der Praxis stehen dem zwei Hürden entgegen. Erstens: Die QES wird nicht von der Passbehörde ausgegeben, sie muss separat bei einem sogenannten Trustcenter erworben werden. Zweitens: Um eID und QES nutzen zu können, braucht jeder Bürger ein bis zu 125 Euro teures Lesegerät für seinen nPa.

Werden sich die Bürger trotzdem für die neuen Funktionen ihres Persos erwärmen? Das wird davon abhängen, ob Wirtschaft und Behörden Anwendungen präsentieren können, die Nutzern überzeugende Vorteile bieten. Einige solcher Dienste sind bereits in Arbeit:

  • Der Versicherungskonzern Allianz will mithilfe des nPa Online-Formulare wie das zur Schadensmeldung automatisch mit Name und Adresse des Passinhabers ausfüllen lassen. Kunden brauchen zur erstmaligen Anmeldung dann nicht mehr persönlich in einer Postfiliale zu erscheinen, um sich über das sogenannte PostIdent-Verfahren identifizieren zu lassen.
  • Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) möchte den nPa nutzen, um seinen Kunden bei Ausstellung, Änderung oder Verlust des sogenannten eTickets den Gang in das Kundencenter zu ersparen. Künftig sollen sie sich stattdessen mit dem nPa an Selbstbedienungsterminals ausweisen.
  • Fujitsu Technology Solutions will Neukunden mit dem nPa die Registrierung für den Onlineshop erleichtern - diese müssen nun nicht mehr zahlreiche Eingabefelder per Hand ausfüllen, sondern können ihren Namen und ihre Adresse direkt vom nPa hochladen.

Die Motivation für Unternehmen, solche nPa-basierten Dienste anzubieten, liegt auf der Hand: "Für den Allianz-Kunden bedeutet das mehr Komfort. Zusätzlich erhöht der nPa die Sicherheit für unsere Kunden und für die Allianz als Unternehmen", sagt Davor Benda, Referent für E-Business bei der Allianz. Auch Behörden wollen durch den nPa ihre Prozesse optimieren, indem sie beispielsweise Informationen dem Bürger nun auf digitalem Wege zusenden.

Um den nPa in die eigenen Systeme zu integrieren, ist mitunter allerdings ein größerer Umbau der IT-Landschaft nötig, wie beispielsweise der VRR erfahren musste. Man habe die Komplexität des Themas unterschätzt, gibt Nils Zeino-Mahmalat zu, Leiter des Kompetenzcenters für elektronisches Fahrgeldmanagement beim VRR. Da die dezentralen Selbstbedienungsterminals von außen auf die Vertriebssoftware des Verkehrsverbundes zugreifen, muss nun auch das Vertriebssystem selbst sowie das Firewall-Konzept überdacht werden.

Bei einem internationalen Konzern wie Fujitsu sind die Herausforderungen bei der Einführung des nPa noch wesentlich komplexer - hier stößt nämlich eine nationalstaatliche Lösung auf die Anforderungen der weltweiten Warenwirtschaft. Wenn beispielsweise die Software für einen Online-Shop von den US-Kreditinstituten zertifiziert wurde, kann ein Systementwickler dort nicht einfach ein zusätzliches Authentifizierungsverfahren wie den nPa anflanschen, denn das würde die Zertifizierung ungültig machen. Fujitsu hat sich bereits seine nPa-Lösung zertifizieren lassen. Diese lässt sich so nicht nur für den eigenen Shop nutzen, sondern kann als Software-Baustein international vermarktet werden.

Wie der nPa-fähige Online-Shop von Fujitsu in der Praxis funktioniert, kann Matthias Matuschka, der als sogenannter Testbegleiter als Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Behörden fungiert, bereits zeigen: Auf der Anmeldeseite des Shops informiert das nPa-Logo darüber, dass Registrierungen auch per Personalausweis möglich sind. Matuschka legt den Ausweis auf das Lesegerät und klickt die entsprechende Schaltfläche auf der Anmeldeseite an. Daraufhin öffnet sich ein Fenster, das wie die Installationsroutine einer Software aussieht. Es zeigt, welche Daten nun an Fujitsu übertragen werden sollen - in diesem Fall Name und Adresse von Matuschka. Wer bestimmte Einträge nicht senden will, der kann das Häkchen in der jeweiligen Zeile wegklicken. Um die Transaktion abzuschließen, gibt Matuschka nun noch seine sechsstellige PIN ein.

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Das M.I.T.-Magazin für Innovation
Ausgabe Oktober 2010

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Die drei Arten von Chipkarten-Lesern
Basis
Der Kartenleser ist ein preisgünstiges Einsteigergerät. Es ist für den Hausgebrauch gedacht und speziell auf die Verwendung des nPa zugeschnitten. Es verfügt lediglich über eine kontaktlose Schnittstelle und besitzt kein eigenes Pad, um PIN-Nummern einzugeben. Die Ziffern müssen über die PC-Tastatur eingetippt werden.
Standard
Das Gerät genügt höheren Qualitätsansprüchen als die Basisversion. Zu seiner Grundausstattung gehört ein Pad zur Eingabe der PIN-Nummern. Zusätzlich kann es mit einem Display ausgerüstet sein. Für seine Software soll es regelmäßig Updates vom Hersteller geben. Das erhöht die Sicherheit, zwingt Nutzer aber zur häufigen Nachinstallation.
Komfort
Das Terminal kann vielfältige Funktionen erfüllen. Neben dem Pinpad, einem zweizeiligen Display und einer kontaktlosen Schnittstelle verfügt es auch über eine Auslesemöglichkeit für herkömmliche Signaturkarten, etwa eine Geldkarte oder Karten zum Online-Banking.
Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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