Soziale Medien Meinung, Männer, Mobmaschinen

Elon Musk erreicht über soziale Medien zig Millionen Menschen. Wird er aggressiv, mobilisiert er Mobs - vor allem männliche. Es gibt genug Beispiele dafür, wie gefährlich das werden kann.

Elon Musk und Donald Trump (Archivbild)
AP

Elon Musk und Donald Trump (Archivbild)

Eine Kolumne von


Elon Musk ist ohne Zweifel ein visionärer Unternehmer, Tesla erscheint als Geniestreich. Auf Twitter ist Elon Musk ein Idiot. Meine Begründung dafür bezieht sich nicht auf die Börsenturbulenzen, die er soeben per Tweet ausgelöst hat. Das lässt sich als PR betrachten, den Rest klärt die Börsenaufsicht. Elon Musk weigert sich aber, aus der Realität des Internets die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen: Soziale Medien sind immer auch Mobmaschinen. Immer. Und Musk mobilisiert Mobs.

Im Grundgesetz steht bekanntermaßen "Eigentum verpflichtet." Gäbe es ein digitales Grundgesetz, es müsste drinstehen: "Reichweite verpflichtet".

Elon Musk hat das nicht nur nicht verstanden - er missbraucht seine Reichweite sogar aktiv. Seine unaufgefordert eingesendete Lösung zur Höhlenrettung in Thailand wurde von den tatsächlichen Rettern nicht als so umwerfend brillant betrachtet wie von ihm selbst. Daraufhin beschimpfte er einen der Taucher als Pädophilen.

Elon Musks Twitter-Mob

Doch das ist nur einer von vielen Fehltritten. Was das bedeutet, hat die Wissenschaftsjournalistin Erin Biba Ende Mai 2018 beschrieben. Ihr Artikel heißt: "Wie es ist, wenn Elon Musks Twitter-Mob dich verfolgt".

Biba hatte auf Twitter eine donaldtrumphafte Medienschelte von Musk kritisiert und ihn dabei direkt angesprochen. Er antwortete mit einer direkten Gegenattacke: "...irreführender Journalismus wie deiner", der bekannte Fake-News-Vorwurf also.

Musk hat über 20 Millionen Follower auf Twitter. Darunter findet sich eine enorme Menge von Männern, die solche Attacken als Hass-Event betrachten. Auf Twitter, per E-Mail und über andere Kanäle formierte sich ein digitaler Mob.

Männer sind meistens die lautesten und aggressivsten Stimmen

Biba fragte bei anderen Journalistinnen nach und bekam verstörende, leider wenig erstaunliche Antworten. Wenn Frauen es wagen, Musk zu kritisieren, kriecht regelmäßig ein Hassmob aus den Löchern: "ugly", "unfuckable", "bitch", "cunt".

Ein offenbar ernst gemeinter Vorwurf eines Twitter-Users an eine Journalistin lautete, sie würde "buchstäblich Menschen töten". Musks Projekt selbstfahrender Autos würde die Zahl der Unfälle reduzieren, deshalb sei jede Minute, die man ihn durch Kritik von Tesla ablenke, quasi Mord. Das ist das Niveau der Irrationalität, die solche Männermobmaschinen entfalten können.

Denn auffällig oft handelt es sich bei den Pöbelnden um Männer, und ebenso auffällig sind die sexualisierten Herabwürdigungen gegenüber Frauen. Überhaupt muss meiner Einschätzung nach die hysterische Massentirade als eher männliches Problem betrachtet werden. Nicht, dass Frauen oder nicht eindeutig zuzuordnende Geschlechter ausschließlich Liebe, Freude und veganen Eierkuchen verbreiten - aber bei den meisten Stürmen sind Männer nicht nur klar in der Mehrzahl, sondern auch die lautesten und aggressivsten Stimmen. Empörungsstürme, deren Ziel ich selbst war, hatten stets eine Männerquote von rund 90 Prozent (ich hatte allerdings bisher auch nicht mit Tierschützern oder Impfgegnern zu tun). Vielleicht muss der Penis als Social-Media-Organ noch sehr viel intensiver untersucht werden, streng wissenschaftlich natürlich.

Der Begriff "Trolle" trifft es nicht

Die digitale Gesellschaft hat mit den Mobmaschinen bisher keinen sinnvollen Umgang gefunden. Man sagt oft leichtfertig "Trolle", aber darin liegt eine Beschönigung, denn während die halbmythische Figur im Netz in erster Linie nervt, sind digitale Mobs lebensgefährlich. In Indien lässt sich beobachten, wie digitale soziale Vernetzung in weniger gebildeten, weniger humanistisch geprägten Sphären wirken kann. Dort hat WhatsApp im Juli 2018 die Funktion der Informationsweiterleitung an Gruppen drastisch eingeschränkt - weil immer wieder aus digitalen Mobs echte Mordmobs wurden, bei denen vor Publikum vermeintliche Kindesentführer gelyncht wurden: wegen Gerüchten auf WhatsApp.

Aus Deutschland ist mir bisher kein Fall eines unmittelbaren Social-Media-Lynchmobs bekannt, trotzdem sind Überlegenheitsgefühle fehl am Platz. Mobbing ist hierzulande einer der häufigsten Suizidgründe unter Kindern und Jugendlichen und hat fast immer eine digitale Komponente. 1,4 Millionen Jugendliche wurden in Deutschland bereits Opfer von Cybermobbing, ein Viertel davon hat Suizidgedanken. Es sterben auch in Deutschland im Jahr 2018 Menschen, weil sie den Druck von Mobs in sozialen Medien nicht mehr ertragen. Das geschieht subtiler als in Indien, aber am Ende sind die Opfer ebenso tot.

Hass ist keine Meinung

"Reichweite verpflichtet", das hört sich einleuchtend und simpel an, aber die Dimension ist nicht leicht zu begreifen. Empörungsstürme können eine Dynamik entfalten, die für Außenstehende schwer zu erkennen ist: von außen legitime Kritik, von innen Shitstorm. Es kann dadurch sein, dass man unbeabsichtigt Teil eines bedrohlichen Meinungsgewitters wird.

Ein etwas vereinfachtes Beispiel: Man ist unzufrieden mit der Wortmeldung einer Politikerin. Also twittert man:

"@PolitikerinXY - das ist doch Unsinn!"

Eine harsche, aber legitime Meinung. Soziale Medien aber stellen alles in einen Kontext, der oft schwer zu durchschauen ist. Und dann steht der Tweet "Unsinn!" zwischen vielen anderen, eben auch extremistischen, menschenfeindlichen Angriffen:

"Für diesen Vorschlag muss Politikerin XY von Flüchtlingen vergewaltigt werden"

"@PolitikerinXY - das ist doch Unsinn!"

"Ich hasse @PolitikerinXY, sie soll sterben!!!!"

Was eben noch legitim schien und für sich genommen auch ist, wirkt im Verbund mit anderen Attacken wie ein Teil des digitalen Mobs. So wie ein Tropfen Öl ausreicht, um 600 Liter Wasser zu vergiften, reicht eine Handvoll bösartiger Kommentare, um in sozialen Medien sogar berechtigte Empörung umschlagen zu lassen in eine mobhafte Gruppierung. Das ist der Hauptgrund, warum Reichweite Verantwortung bedeutet. Denn selbst wenn sie es nicht im Sinn haben, können bekanntere Figuren mit einem Tweet Netzhetzjagden provozieren.

Und natürlich gibt es die, die genau das im Sinn haben. In Medien ist oft die Rede davon, dass Donald Trump diese oder jene Person beleidigt oder attackiert habe. Was selten mitberichtet wird: der Hassmob, der danach auf sämtlichen digitalen Kanälen auf die Attackierten eindrischt, Todesdrohungen inklusive. Auch das exisitiert in Deutschland. Wer sich einmal öffentlich mit Leuten angelegt hat, die von Rechten und Rechtsextremen gelesen werden, kennt das. Selbst beiläufige Erwähnungen, manchmal bloß spöttisch oder sarkastisch, werden von einem Teil des Publikums als Aufforderung zum Mobbing betrachtet. Diesen Mechanismus zu ignorieren oder zu verharmlosen, bedeutet irgendwann, selbst zum Mittäter zu werden. So wie Musk weiter auf Twitter attackiert, obwohl er längst begriffen haben müsste, zu welchen Menschenfeindlichkeiten seine Fanboys in der Lage sind.

Mobmaschinen sind zu einer Frage der Meinungsfreiheit geworden. Nur anders, als von denjenigen diskutiert, die ihren eigenen Hass stets als "Meinung" betrachten. "Ich bin halt der Meinung, dass Politikerin XY sterben soll, das ist doch ein freies Land!" - liest sich absurd, geschieht so oder ähnlich aber jeden Tag.

Meinungsfreiheit erfordert aber auch einen Raum, in dem man seine Meinung äußern kann, ohne danach Angst um Leib und Leben haben zu müssen. Es greift tief in die Meinungsfreiheit ein, wenn man Kritik nicht äußern kann, ohne dass ein Männermob Gewaltflüche raushetzt, die der Mob selbst auch noch als angemessene Reaktion betrachtet. Natürlich ist die Grenze zwischen persönlicher Empfindlichkeit und objektiven Drohungen nicht immer absolut eindeutig. Und in Zeiten größter Reichweite einzelner Personen ist man nach wie vor nicht für alle Worte und Taten des eigenen Publikums verantwortlich, natürlich nicht. Aber die Verantwortung ist viel, viel größer, als die meisten Leute glauben: Öffentlichkeit kann eine Waffe sein, und je größer die Reichweite, desto Knall.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Das Pferd 08.08.2018
1.
mach mal was mit Männer und Mob, geht immer, brauchst Dich bei der Hitze nicht so anzustrengen.
vegefranz 08.08.2018
2. 1. Maikundgebung oder G 20 -Protest
bei dem Ausdruck "mobilisierter Mob" denkt man ja zunächst an unsere Berliner 1. Maikundgebung oder die jüngsten G20-Ausschreitungen in Hamburg Wahrscheinlich gibt es aber auch Parallelen zu den hier angesprochenen Demonstrationen: Einfältige Gemüter lassen sich vor jeden Karren spannen...
DougStamper 08.08.2018
3. Anzumerken wäre vielleicht,
dass Tweets auch als solche durch die Medien behandelt werden sollte. Beispiel Trump, der steht auf, schaut Fox, sucht sich ein Ziel und legt los. Jeder dieser Tweets landet in einem seriösen Artikel der Medien und wird zu 100 % ernst genommen. Dies verleiht im kraft. Wenn die Tweets des Potus häufiger ignoriert werden würden, dann müsste er mit den Medien reden um seine Meinung und seine Pläne unters Volk zu bringen. Und dort würde das ganze dann nicht unkommentiert stattfinden. Der Bürger wüsste das es noch Menschen gibt die gegenhalten. Er wäre nicht mehr allein. So wie jetzt findet sich auf der Twitter seit von Trump lediglich Zuspruch (zumindest 95 %). Das schreckt ab und zieht Nachahmer und Mitläufer an. Und die Anhängerschaft wächst. Ansonsten gute Kolumne.
zeichenkette 08.08.2018
4. Im Prinzip eine interessante Kolumne...
Aber das im Titel an Elon Musk aufzuhängen, ist irgendwie einfach nur verdammt billig. Außerdem erschiene mir der Anti-Musk-Mob als erheblich besseres Beispiel... Vielleicht habe ich diese Kolumne auch einfach nicht verstanden, wer weiß. Meiner Meinung nach erleben wir im Moment einfach eine gnadenlose Polarisierung zwischen technischem Fortschritt und "Nein, alles soll so bleiben wie es nie war!", bei der sich beide Seiten oft genug hemmungslos blamieren, aber immer nur mit dem Finger auf die andere Seite zeigen.
urbanism 08.08.2018
5. die meisten Wirtschaftsmagnaten kennen keine Verantwortung
Das Problem ist, dass die meisten Protagonisten mit riesen Followermengen sich am liebsten um sich selbst drehen. Verantwortung ist für diesen Typus Mensch meistens ein Fremdwort. Menschen die in relativ kurzer Zeit in der Wirtschaft ein Milliardenvermögen angehäuft haben, kennen keine sozialen Komponenten sondern sehen sich in erster Linie selbst als das "non plus ultra" und alle anderen sind eh Versager. M.E. gibt es nur eine Lösung. Eine Abkehr von den sozialen Medien und Socialplattformen. Das Problem ist nur das erfolgreiche Menschen immer einen Mob von Getreuen hinter sich versammeln können. Auch ein Problem was es allerdings schon seit Jahrzehnten gibt. Bist du wer, hast du viele Freunde und Gefolgsleute, bist du nichts hast du niemanden.
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