Angebliche Nacktbilder Emma Watson und der enttarnte Troll

Für kurze Zeit sah es aus, als stünde der nächste Nacktbilder-Skandal bevor: Eine Website drohte mit der Veröffentlichung intimer Aufnahmen der Schauspielerin Emma Watson. Doch die Aktion war ein Hoax - und nun ist auch klar, wer dahintersteckt.

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Ein Troll ist ein zweibeiniges Monster mit schlechter Laune. Das gilt für Fantasyfilme ebenso wie im Internet - nur dass der Begriff hier noch mehr bedeutet. Er bezeichnet jemanden, der um der Provokation willen provoziert.

Legt man diese Motivation zugrunde, hat ein amerikanischer Möchtegernrapper, selbsternannter Musikproduzent und Marketingexperte sein Ziel vermutlich erreicht: Mit der aufwendig ausgearbeiteten Behauptung, jemand aus dem Finster-Forum 4Chan wolle demnächst Nacktfotos der Schauspielerin Emma Watson ("Harry Potter") öffentlich machen, hat er ein internationales Medienecho und eine Menge Wut ausgelöst. Doch nun scheint es, als sei der Troll enttarnt.

Angekündigt wurde die Veröffentlichung der vermeintlichen Watson-Bilder auf einer eigens eingerichteten Seite mit der sprechenden URL EmmaYouAreNext.com. Watson hatte kürzlich vor den Vereinten Nationen eine vielbeachtete Rede zum Thema Feminismus gehalten, es schien durchaus plausibel, dass aggressive Frauenfeinde eine gezielte Racheaktion gegen die Schauspielerin organisiert hätten.

Auf der Website zählte ein Countdown die Minuten und Sekunden bis zur angeblichen öffentlichen Bloßstellung Watsons herunter. Viele internationale Medien berichteten empört, etwa die "Washington Post", der "Guardian" und die BBC. Immerhin erinnerte die Aktion ganz offenkundig an die kürzlich veröffentlichten Nacktbilder von Prominenten wie Jennifer Lawrence und Kate Upton.

Am Mittwochmorgen aber war unter der Adresse EmmaYouAreNext.com plötzlich etwas ganz anderes zu finden: Ein Aufruf, mit E-Mails an US-Präsident Barack Obama die Schließung des Bilderforums 4Chan zu fordern. Dort waren unter anderem Links zu den besagten Prominenten-Nacktfotos veröffentlicht worden. Einige Nachrichtenmedien hatten damals fälschlicherweise berichtet, ein "Hacker namens 4Chan" sei für die Veröffentlichung der Bilder verantwortlich.

"Beleg, dass das Internet zensiert werden muss"

Die ganze Countdown-Aktion habe einzig dem Zweck gedient, auf die Umtriebe von 4Chan hinzuweisen, heißt es nun unter der EmmaYouAreNext-Adresse, die seien ein "klarer Beleg, dass das Internet zensiert werden MUSS". Nun ist Internetzensur unter 4Chan-Nutzern ein Thema, das verlässlich für wütende Erregung sorgt. Binnen wenigen Tagen hatten die Schöpfer der vermeintlichen Anti-Watson-Seite es also geschafft, sowohl die Verteidiger von Frauenrechten als auch die erregbaren Trolle von 4Chan gegen sich aufzubringen. Viele Medien berichteten erneut. "War die Nacktfoto-Drohung nur ein Stunt?", fragt nun beispielsweise der britische "Telegraph". Aus Troll-Sicht ist die Aktion bislang ein voller Erfolg.

Die vermeintliche Marketingagentur Rantic, die sich nun zu der angeblichen Anti-4Chan-Aktion bekennt, fällt nicht zum ersten Mal durch Provokation auf: Im August behauptete ein angeblicher Rantic-Angestellter im Namen des Videospielherstellers Rockstar North, vom Spiel "Grand Theft Auto V" werde es entgegen früherer Ankündigungen keine PC-Version geben. In Gamer-Kreisen sorgte das für einige Erregung. Rockstar dementierte die Behauptung rasch und teilt zu dem Sachverhalt auf Anfrage mit, man kommentiere "grundsätzlich keine Gerüchte und Spekulationen im Internet". Offizielle Informationen zu den eigenen Produkten finde man nur auf der Unternehmenswebsite und auf "unseren offiziellen Profilseiten auf Facebook und Twitter".

Rantic ist also keine Marketing-Firma mit namhaften Kunden, wie auf der Seite vorübergehend behauptet wurde, sondern offenbar nur die elaborierte Schöpfung eines sehr ehrgeizigen Trolls. Das Gleiche gilt für ein vermeintliches Netz-Nachrichtenangebot namens "Fox Weekly" - die Plattform, die sowohl über die vermeintliche "Grand Theft Auto V"-Absage als auch über EmmaYouAreNext.com und weitere Hoax-Aktionen aus demselben Umfeld als Erstes berichtet hat.

Bis vor Kurzem fand sich auf "Fox Weekly" auch noch ein Artikel über den "Aufstieg von Rantic Marketing", der mittlerweile jedoch gelöscht wurde. Darin waren viele augenscheinlich erfundene Behauptungen über das "Unternehmen" zu lesen: "2004 von John Hoffberger gegründet", "hat mit über 5000 Marken zusammengearbeitet", "eine der ältesten Social-Media-Marketing-Firmen".

Ein Rapper, Songwriter, Plattenproduzent, Schauspieler?

Der mutmaßliche Schöpfer all dieser vermeintlichen Firmen machte allerdings einen gravierenden Fehler: Er setzte innerhalb der englischen Ausgabe der Wikipedia einen vor Begeisterung überquellenden Eintrag über sich selbst auf. Jose Luis F. sei ein "amerikanischer Rapper, Songwriter, Plattenproduzent, Schauspieler, Journalist, Vermarkter, Unternehmer und Philantrop", heißt es darin. Er habe mehrere Unternehmen gegründet oder mitgegründet, darunter "Rantic Marketing Enterprise und Fox Weekly".

Nutzer von 4Chan und eines Konkurrenzforums namens 8Chan haben dem Autor des Wikipedia-Textes akribisch hinterherrecherchiert. Eine Kombination aus online benutzten Alias-Namen, E-Mail- und IP-Adressen deutet darauf hin, dass der Autor oder sein Umfeld jahrelang mit dem Verkauf künstlich generierter Klicks für YouTube-Videos, von Likes und Followern bei Facebook und Twitter Geld verdient haben. Jose Luis F. - oder wie auch immer sein wirklicher Name lautet - ist offenbar einer der professionellen Trickser, Täuscher und Aufmerksamkeitsverkäufer, die das Internet hervorgebracht hat.

Der Emma-Watson-Hoax dürfte sein bisheriges Meisterstück sein - er könnte für ihn aber auch noch ein übles, womöglich juristisches Nachspiel haben.

Die Motivation bleibt unklar

Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE beantwortete jemand, der Zugriff auf Rantic-E-Mails hat, nur mit einem einzigen Satz: "Ja, wir stecken hinter EmmaYouAreNext.com." Rückfragen über die Beziehung zu "Fox Weekly" und zur Legalität der Aktion wurden nicht beantwortet, ebensowenig wie entsprechende Anfragen an "Fox Weekly". So bleibt auch die Frage unbeantwortet, was - außer der Freude am Trollen - die Motivation hinter der so perfiden wie aufwendigen Aktion war.

Eine mögliche Antwort gab der vermutlich erfundene "Gründer" von Rantic Entertainment in dem mittlerweile gelöschten Artikel über sein Unternehmen: "Hohe Social-Media-Zahlen zu erreichen wird wichtiger als je zuvor."

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