Symbole des Fortschritts Emojis, die beste Sprache der Welt ;-)

Simple Herzen, nicht mehr als lachende und weinende Gesichter? Emojis werden gern unterschätzt, dabei sind sie ein Segen für die Menschheit. Dank ihnen sprechen wir mehr über Gefühle.

Emojis auf Smartphone
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Emojis auf Smartphone

Eine Kolumne von


Esperanto ist tot, lang leben Emojis. Sie sind die erste echte universale Sprache. Die positive Wirkung dieser kleinen, digitalen Alltagssymbole für Gefühle und Situationen kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Allein, dass Emojis sprachpflegerisch veranlagte Personen und knorfige Kulturpessimisten aufregen, wäre ihre Erfindung wert gewesen. Die Beherrschung von Emojis gehört heute zur digitalen Alphabetisierung dazu, wer Emojis ablehnt, schließt sich selbst von der digitalen Zukunft aus. Denn Emojis sind kein Rückfall in vorschriftliche Zeiten, auch wenn sie auf oberflächliche Betrachter so wirken mögen. Sondern ein bisher dramatisch unterschätzter sprachlicher, kultureller und technologischer Fortschritt. Emojis weisen den nächsten Schritt der digitalen Zivilisation.

Emojis füllen eine selten betrachtete, aber gigantische Lücke in der digitalen Welt. Mit dem Beginn digitaler Kommunikation wurde offensichtlich, dass klassischer Schriftsprache etwas fehlt, wenn man damit Dialoge führt: jede Information um den bloßen Inhalt herum. Keine Gestik, keine Mimik, keine Körpersprache, keine Gesamtsituation, keine Begleitinformationen zum Absender.

Die Kommunikation hat sich durch das Netz geändert

Deshalb wurde praktisch Minuten nach Erfindung des digitalen Dialogs der Smiley erfunden, nämlich um "Ironie" anzuzeigen. Nach und nach wurde klar, dass Schrift zur Informationsvermittlung unübertroffen ist, für den digitalen Austausch aber ohne weiteres Instrumentarium problematisch.

Wenn Schrift nur in eine Richtung gesendet wird - von der Autorin zum Publikum - fällt das nicht weiter ungünstig auf. Auch, weil kein Rückkanal besteht, durch den ein Absender ein Missverstehen überhaupt erkennen könnte. Wenn man praktisch ohne Feedback in die Welt raussendet, kann man sich angenehm einreden, die relevanten Leute dort draußen hätten schon richtig verstanden und der Rest sei eben doof.

Aber jetzt gibt es das Netz, den flächendeckend und selbstverständlich verwendeten Rückkanal, und es ändert alles, vor allem die Kommunikation. Emojis sind der Beginn einer Revolution der Verständigung, Emojis sind ein Segen. Ein Segen, der zugegebenermaßen erst durch die Vernetzung so richtig notwendig geworden ist. Und doch markieren Emojis einen unerhörten gesellschaftlichen Fortschritt.

Die präziseste emotionale Kommunikation, die heute verfügbar ist

Mit einem Mal können Milliarden Menschen mit dem Smartphone über etwas sprechen, das ihnen zuvor wenig greifbar erschien und oft schwer in Worte zu kleiden: über die eigenen Gefühle. Die durch das 20. Jahrhundert verseuchten Generationen wurden mit schädlichen Absurditäten erzogen wie: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Die heutige Emoji-Jugend kennt dagegen mindestens ein Dutzend verschiedene Zeichen für schmerzende, schmerzliche oder schmerzhafte Gefühlszustände. Samt der dazugehörigen, empathischen Reaktionen.

Die Magie der Emojis liegt auch darin, dass ein Satz wie "Ich bin traurig" oder "Ich mag dich" oft schwer über die Lippen geht. Ein weinendes Emoji oder eine der vielen Herzvarianten dagegen ist für viele Menschen die niedrigschwelligste und zugleich präziseste emotionale Kommunikation, die heute verfügbar ist.

Man kann das natürlich leicht als "Digitalunfug" abtun, einen Altphilologen verschlucken und sich weiter weismachen, dass Handschrift mit dem Füllfederhalter aus einer Schweizer Manufaktur die einzig wahre Schriftkommunikation sei. Aber schon beweisen die ersten Studien die Macht der Emojis in der Disziplin "Erkennen der eigenen Situation".

Anfang Dezember 2017 veröffentlichte die amerikanische Mayo Clinic ein Paper über die Behandlung von Krebskranken. Dabei ist medizinisch oft entscheidend, wie gut genau sich Patienten mit einer medizinischen Maßnahme fühlen. Die Mayo-Klinik fragte diese Einschätzung nicht wie üblich mit länglichen Fragebogen und spröden Zahlenskalen ab - sondern mithilfe von Emojis. Die ersten Daten deuten darauf hin, dass Emojis den herkömmlichen Methoden zur Ermittlung der Frage "Wie geht es Ihnen eigentlich?" überlegen sind.

Der schnellste Weg, die eigene Haltung zu vermitteln

Beim Ausdrücken von Gefühlen hört die Überlegenheit der Emojis aber nicht auf, dort fängt sie erst an, und sie erstreckt sich bis tief in die Philosophie. Der Autor und Netzverständige Dirk von Gehlen hat nach einem besonderen Emoji (beziehungsweise nach einer Vorform des Emojis namens Kaomoji) eine neue Sichtweise auf die moderne Welt benannt: das Shruggie-Prinzip. Angelehnt an das Shruggie steht es für einen neuen Umgang mit der eigenen Ratlosigkeit und der Überkomplexität der digitalisierten Welt - den Kulturpragmatismus.

Wahrscheinlich handelt es sich um die erste Emoji-Philosophie überhaupt, weitere werden folgen, denn der Vorteil ist offensichtlich. Eine Haltung, die mit tausend Worten noch nicht ausreichend präzise zu beschreiben ist, kann in ein kleines, einfach digital reproduzierbares Bild hineinkondensiert werden. Es gibt keinen Weg, schneller die eigene Reaktion auf die Welt, die eigene Haltung zu vermitteln, als durch ein Emoji.

Der Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein erforschte und beschrieb die Grenzen der Sprache und hat viele Erkenntnisse vorweggenommen, die heute durch die digitale Sphäre naheliegend erscheinen. Schließlich war Sprache die erste virtuelle Anwendung überhaupt. "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache", schrieb er in seinen "Philosophischen Untersuchungen", und erklärte damit elegant Manipulationsmöglichkeit und Dysfunktionalität der (Alltags-)Sprache.

Emojis sind eine Sprache der Empathie

Vielleicht können Emojis irgendwann ein Teil des Kampfes gegen diese Verhexung sein, weil sie die Wirklichkeit, die Vorstellung der Welt auf andere Weise abbilden können als Worte. Um es mit Wittgenstein zu sagen: "Das Bild ist so mit der Wirklichkeit verknüpft; es reicht bis zu ihr."

Die Überlegenheit des Emoji-Bildes bei der digitalen Kommunikation liegt nicht nur in der Allgemeinverständlichkeit, die wie jede Kommunikation missverstanden werden kann. Ihre Stärke liegt vor allem in der Unmittelbarkeit: Emojis versteht man durch Erspüren, Emojis sind eine Sprache der Empathie.

Zwanzig Minuten bei einer rein schriftlichen Facebook-Diskussion unter Erwachsenen reichen aus, um tiefste Zweifel zu wecken, ob man überhaupt jemals zuvor richtig verstanden worden ist. Wenn ihre richtige Verwendung erst zum Allgemeinwissen gehört, könnten Emojis hierfür ein Gegenmittel sein. Wieder Wittgenstein mit seinem berühmtesten Zitat: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."

Ja, kann sein - aber Emojis ermöglichen uns, über Dinge zu sprechen, die zuvor verschwiegen werden mussten.

Hinweis: Ich bin mit Dirk von Gehlen persönlich bekannt. Mit Wittgenstein nicht.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine


insgesamt 32 Beiträge
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Sensør 27.12.2017
1.
Wenn man das Niveau von "Zwanzig Minuten rein schriftliche Facebook-Diskussion" aushält, kann man diesen Grafik-Firlefanz auch mit einer "Sprache der Gefühle" verwechseln. Diese Kolumne bestätigt mein Fluchtverhalten den Sozial-Media-Junkies gegenüber - Menschen, die alles mögliche sind, nur nicht sozial eingestellt.
TLB 27.12.2017
2.
Ich lese nun jede Woche Lobos Kolumne und ebenso jede Woche schüttle ich verwudnert den Kopf. Zum einen erstaunt es mich, dass gerade die Themen, die Lobo anspricht, in (gefühlt) jedem zweiten Beitrag als "dramatisch unterschätzt" tituliert werden. Von Lobo im übrigen. Und in der heutigen Kolumne findet sich der Satz "Eine Haltung, die mit tausend Worten noch nicht ausreichend präzise zu beschreiben ist, kann in ein kleines, einfach digital reproduzierbares Bild hineinkondensiert werden." Das ist eine kühne Behauptung. Und selbst wenn der Absender seine in tausend Worten nicht zu beschreibende Haltung in ein Bildchen gießt, bleibt ja die Frage, übersetzt der Empfänger dieses Bildchen wieder in die richtige Haltung? Aber egal, ich denke, jedes Argument gegen diese Theorie kommt in die Ablage "dramatisch unterschätzender Forist". Vielleicht sollte man für´s kommende Jahr den Kolumnenzyklus auf zwei Wochen erweitern, damit hier wieder mehr Thema und weniger Geplapper erscheint. Ansonsten kann man irgendwann die Lobosche Kolumne nicht mehr unterschätzen. Guten Rutsch
marthaimschnee 27.12.2017
3. das ist kein Schritt vorwärts
sondern einer zurück, hin zu Hieroglyphen. Dabei war man sich doch weitgehend einig, daß das aus Buchstaben gebildete Wort doch weitaus einfacher ist.
mischamark 27.12.2017
4. Delphine müssen ran
In 30 Jahren können wir ja dann per bionischem Interface Delphine, oder andere intelligente Lebewesen zur Korrektur der letzten notwendigen schriftlichen Dokumente einstellen, nachdem das Schreibenlernen für den sog. Homo s. s. an den Schulen im Jahr 2040 eingestellt wurde und sich die AI nicht als so erfolgreich gezeigt hat, wie zuerst angenommen.
stuff 27.12.2017
5. Interessante Thesen...
...eines modernen Denkers. Immer schön, sich mit Herrn Lobos Gedankenwelt auseinanderzusetzen. Und die Reaktionen auf Herrn Lobo zeigen immer wieder, wie viel Angst manche Menschen haben, einmal eine andere Sichtweise zuzulassen. Ich mag sowohl Sprache wie auch das geschriebene Wort, wie auch die gepflegte Benutzung von beidem. Eines ist jedoch wie immer absolut sicher: Alles ändert sich. Wer dies nicht begreift, ist schon... alt.
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