Emotionen Bocklosigkeit als Zeichen von Intelligenz


Vom Robocup-Team, Stockholm

SPIEGEL ONLINE:

Herr Guttmann, Sie studieren Informatik und Psychologie auf den Diplomabschluß hin. Wie weit sind Sie?

Guttmann: Ich hab zunächst an der Universität Paderborn zwei Jahre studiert. Ich rechne jetzt demnächst mit einem schwedischen Examen in Informatik und Ende des Jahres mit einem in Psychologie. Nächstes Jahr möchte ich versuchen, in Melbourne, wo der nächste Robocup stattfindet, meinen Doktor zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie dazu gekommen, Leiter des schwedischen Teams zu werden?

Guttmann: Durch Interesse, Initiative und Information. Ich wußte, daß der Robocup zusammen mit der weltweit größten Konferenz über Künstliche Intelligenz hier stattfindet, habe mich umgehört und konnte dann direkt mit diesem Projekt einsteigen. Die Leute haben mir gleich vertraut und es läuft immer noch gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Ihr Team?

Guttmann: Das sind etwa 25 bis 30 Leute, die auf verschiedene Universitäten verteilt sind. Einige sorgen dafür, daß die Roboter in der Lage sind, verschiedene Objekte zu erkennen. Ich kümmere mich um die Strategie. Andere wiederum haben am Gangstil, am Dribbling und der Schußfertigkeit gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell laufen die Roboter?

Guttmann: Der Durchschnitt liegt im Moment bei fünf Metern pro Minute.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist so ein Roboter-Programm? An einer Stelle war mal die Rede von 6000 Befehlszeilen. Das kommt uns ziemlich klein vor.

Guttmann: Das ist klein. Wir haben in den letzten sechs Wochen mindestens 25.000 bis 30.000 Zeilen geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß sind im Vergleich dazu kommerzielle Computerspiele?

Guttmann: Nun, die bestehen ja aus verschiedenen Modulen. Allein das Modul für Strategie mag dabei vielleicht 4000 Befehlszeilen umfassen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ziemlich schwierig, die Arbeit von 30 Programmierern, die an verschiedenen Orten und unterschiedlichen Aufgaben arbeiten, zu einem organischen Ganzen zusammenzuführen?

Guttmann: Das ist das größte Problem. Wir sind das einzige Team in der ganzen Liga, das damit konfrontiert ist. Wir müssen nicht nur Ideen entwickeln und in Programmiersprache übersetzen, sondern auch die Kommunikation zwischen den Universitäten organisieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Team gehört zum exklusiven Kreis von insgesamt neun Teams, die aus 25 Bewerbern für die diesjährige Sony Legged Robot League ausgewählt wurden. Wenn wir es richtig verstehen, geht es hier, ähnlich wie in der Simulationsliga, nur um Softwareentwicklung. Um die Roboter-Hardware müssen Sie sich also nicht kümmern?

Guttmann: Nein. Wir können sogar auch schon auf ein hohes Level bei der Software zugreifen, etwa bei der Bewegung der Beine oder des Kopfes. Auf jeden Fall werden wir nie etwas in die Hand nehmen und löten. Wir dürfen auch gar nichts verändern, also zum Beispiel ein Kommunikationsmodul oder zusätzliche Sensoren draufsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Teilnehmer in den anderen Ligen sollen sich ihre Bauteile ja zum Teil in Spielzeugläden besorgen.

Guttmann: Ja, die sind völlig flexibel. Vorhin erst wurde ich gefragt, ob ich kurz einspringen könnte, um mit ein paar Japanern zu Ikea zu fahren. Die wollten da noch einige Kleinigkeiten für ihre Roboter einkaufen. Aber ich habe im Moment selber genug zu tun und mußte leider absagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainiert man einen Roboterhund?

Guttmann: Da gibt es unglaublich viele Möglichkeiten. Das Feld der Künstlichen Intelligenz ist riesig, jeder hat seine Ideen und versucht, sie umzusetzen. Das Effektivste scheinen im Moment neuronale Netzwerke zu sein, also eine Kopie des menschlichen Denkens, entlang der Frage: Wie würde man selber Fußball spielen? Wir sind dabei schon sehr weit gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie die Methoden der erfolgreichen Teams vom letzten Jahr einfach kopieren?

Guttmann: Ja, alles was im letzten Jahr gemacht wurde, wurde komplett publiziert. Aber das Feld entwickelt sich dermaßen schnell, daß es überhaupt keinen Sinn hätte. Man kann ja auch mit einem Daimler von 1920 kein Rennen gegen einen Ferrari mit Schumacher gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie programmiert man Torinstinkt? Ist es sinnvoll, bei Künstlicher Intelligenz eine emotionale Ebene einzubauen?

Guttmann: Ja, Emotionen sind eine sehr effektive Form der Informationsverarbeitung. In diese Roboterhunde wurde auch schon ein bestimmtes Spektrum von Gefühlsäußerungen eingebaut. Ich denke, daß Gefühle sehr wichtig sind, um intelligente Systeme zu entwickeln. Gerade beim Treffen von Entscheidungen spielen sie eine wichtige Rolle. Man sagt auch, daß Agenten oder Roboter dann wirklich intelligent sind, wenn sie sagen können: "Nein, da hab ich jetzt keinen Bock drauf." Das ist eigentlich das Ziel, auf das die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz hinauslaufen.

SPIEGEL ONLINE: Das halten Sie für realisierbar?

Guttmann: Absolut. In den nächsten zehn Jahren werden wir ganz klare Fortschritte sehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich für den diesjährigen Wettbewerb ein Ziel gesetzt oder gilt für Sie das Motto: Dabeisein ist alles?

Guttmann: Wir möchten gern unter die ersten fünf kommen. Das können wir auch schaffen, wenn es uns gelingt, die Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung zu beheben.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist für Sie der Favorit?

Guttmann: Die Carnegie Mellon University und Paris. Die haben im letzten Jahr schon Kunststücke gezeigt, von denen wir jetzt noch keine Ahnung haben.



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