Von Timo Brücken
EDL - drei Buchstaben, die für English Defence League stehen, eine Gruppe britischer Rechtsextremer. Das will eine Handvoll junger Londoner nun ändern: Sie nennen sich English Disco Lovers und nehmen die Abkürzung EDL kurzerhand für sich in Anspruch. So wollen sie den Rechtsextremen in Sachen Online-Aufmerksamkeit den Rang ablaufen. Wer EDL bei Google eingibt, soll an der Spitze der Ergebnisliste bald nur noch die English Disco Lovers finden. Politischer Aktivismus mittels Suchmaschinenoptimierung (SEO), im Namen von "Gleichheit, Respekt und Disco".
Anfangs sei alles nur ein Witz gewesen, erzählt einer der vier Gründer, die lieber anonym bleiben möchten, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Darüber, wie man die Abkürzung EDL "einem besseren Zweck zuführen" könne. Im Herbst schrieb die Gruppe dann jedoch ein Manifest, entwarf ihr Logo (einen Schutzschild in Discokugel-Optik) und meldete eine Fanseite bei Facebook an. 13.500 Menschen haben mittlerweile auf "Gefällt mir" geklickt, nur 1500 weniger als bei der rechtsextremen English Defence League. Am 1. Februar ging die eigene Website der neuen EDL online, damit begann der Angriff auch auf Google.
SEO im Netz, tanzen auf der Straße
Die Taktik, mit der die neue EDL versucht, die alte zu verdrängen, heißt "Google Bombing": Ein bestimmter Suchbegriff soll mit einer bestimmten Website in Verbindung gebracht werden. Das geschieht, indem möglichst viele andere Seiten unter ebendiesem Begriff auf die Zielseite verlinken. Da Google die Relevanz von Webseiten auch nach solchen Links bewertet, klettert die Website in der Liste der Suchergebnisse nach oben. So rangierte beispielsweise bei der Suche nach "miserable failure", erbärmlicher Versager, jahrelange eine Biografie von George W. Bush ganz oben -das Ergebnis der wohl bekanntesten Google-Bombe der Netzgeschichte.
Auf der britischen Google-Seite sind die English Disco Lovers aktuell das 27. Ergebnis, wenn man nach der Abkürzung EDL sucht. Innerhalb weniger Wochen wollen die Emporkömmlinge es unter die Top 3 schaffen.
"Wie das genau funktioniert, wissen wir selbst nicht", gibt der Gründer zu: "Dafür haben wir Freiwillige, die etwas von SEO verstehen." Sechs solcher Unterstützer arbeiten aktuell für die EDL. Die anderen Mitglieder bereiteten derweil den Schritt auf die Straße und in die Clubs vor: Die English Disco Lovers wollen an Demonstrationen teilnehmen, Flashmobs organisieren und Disco-Events veranstalten. Angeblich haben Musiker und Promoter dafür schon Soundsysteme und Veranstaltungsorte angeboten. Auch sie wollten "im Moment lieber anonym bleiben".
Denn der Gegner ist nicht zu unterschätzen: Die EDL stammt aus der Hooligan-Szene und gilt als gewaltbereit. Außer ein paar Hassmails und unschöner Kommentare bei Twitter oder Facebook habe es aber bisher keine Reaktion gegeben.
Demokratie als Beliebtheitswettbewerb
Dass das D in EDL für Disco steht, ist ein glücklicher Zufall: "Keiner von uns hatte irgendeinen Bezug dazu. Wir hätten auch irgendwas anderes nehmen können", sagt der EDL-Gründer. "Aber dann hätten wir die reiche Geschichte dieser Musik im Kampf gegen Rassismus und Homophobie verpasst." Immer wieder sei Disco angefeindet worden, von Menschen die eigentlich auf Schwarze und Schwule zielten. "Disco ist sehr politisch".
Den Namen einer anderen Organisation zu kapern, um ihr so die Aufmerksamkeit abzugraben, das finden die Aktivisten legitim: "Wir sind eine politische Organisation und machen bei dem Beliebtheitswettbewerb mit, den man Demokratie nennt. Wir wollen den Menschen eine Alternative zur English Defence League bieten." Die alte EDL macht bei ihren Aufmärschen Stimmung gegen Migranten, die neue kontert mit Zeilen aus Disco-Songs: "Start a love train, love train."
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