Enigma-Historie Schießende Mathematiker und unschwule Helden

Die Geschichte der PCs beginnt mit den Verschlüsselungsmaschinen des Zweiten Weltkriegs. Seit dieser Woche verhackstückt "Enigma" die Geschichte des Computer-Vaters Alan Turing auch in den Kinos - und wird ihm nicht im Geringsten gerecht.

Von Michael Lenz


Mythos Enigma: Sie war das beste Chiffriergerät ihrer Zeit. Das Knacken ihrer Codes war mit kriegsentscheidend
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Mythos Enigma: Sie war das beste Chiffriergerät ihrer Zeit. Das Knacken ihrer Codes war mit kriegsentscheidend

Die hoch geheime Entschlüsselungszentrale des britischen Geheimdienstes in Bletchley Park ist Schauplatz des in dieser Woche angelaufenen Films "Enigma": Verblüffend, in welchem Maße das angeblich so trockene Thema Verschlüsselung in den letzten Jahren zum In-Thema wurde. Neal Stephenson und Robert Harris legten Bestseller vor, zu deren "Helden" in beiden Fällen Alan Turing gehört - der Codeknacker des britischen Geheimdienstes, aber auch einer der Väter des Computers.

In "Enigma" steht er einmal mehr auf, wenn auch unter Pseudonym: "Der berühmte Code-Knacker Tom Jericho muss schnellstmöglich den neuen Nazicode entschlüsseln", fasst die Presseankündigung das Filmepos von Regisseur Michael Apted ("James Bond - Die Welt ist nicht genug") zusammen. Klingt spannend.

Doch Andrew Hodges, Biograf des wirklichen Codebrechers Alan Turing, lästert über den Filmhelden: "Wenn Sie einen Mathematiker erleben wollen, der auf der Flucht vor seinen Verfolgern im Auto über Landstraßen rast, dann voll bekleidet bei hohem Wellengang im Meer schwimmt und dabei seinen spionierenden Kollegen erschießt, der ein auftauchendes U-Boot erreichen will, dann sollten Sie diesen Film sehen."

Anders als in der Romanvorlage von Robert Harris werde in dem Film-Thriller die Geschichte des "brillanten Denkers Turing" vollständig unterschlagen.

Nicht nur werde unterstellt, Filmheld Tom Jericho (Dougray Scott) sei der wirkliche Turing, klagt der Oxfordprofessor. Auch das Setting als "erschütterndes heterosexuelles Drama" mit Eifersucht, Gewalt und einer "Femme Fatale" stehe im krassen Widerspruch zu Turings Lebenswirklichkeit: "Turing war ein schüchterner, schwuler Mann, der 1943 seine sexuelle Orientierung so gut wie akzeptiert hatte und in einer sehr modernen Weise offen war". So Hodges, der mit einer Website seinem Idol ein virtuelles Denkmal gesetzt hat.

"Ohne Alan Turing hätte ich heute entweder keinen Job, oder würde für die Nazis arbeiten", ist sich der australische Softwareentwickler Dean Clerk sicher. Dem "Vater der Computerwissenschaft" war 1940 in Bletchley Park die Entschlüsselung der durch die Enigma-Maschine chiffrierten Botschaften der Nazi-Luftwaffe gelungen. Ein Jahr später decodierte Turing mit Hilfe des von ihm entwickelten Röhrencomputers "Colossus" die kompliziertere Verschlüsselung der Kriegsmarine und machten die von den Alliierten gefürchteten U-Boote von Admiral Dönitz so gut wie wirkungslos.

Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich Turing in Manchester, einem Silicon Valley seiner Zeit, wieder seinem Leibthema "Künstliche Intelligenz" und war wesentlich am Bau und der Programmierung des ersten vollständig elektronisch arbeitenden Computers beteiligt. Die "Turing Maschine" als Prototyp des universalen Computers und der "Turing Test als Lackmustest" für die Intelligenz von Maschinen ist jedem Computerexperten und Informatiker vertraut.

...und sein Pendant im Film: Aus dem stillen, schwulen Mathematiker wird ein Actionheld
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...und sein Pendant im Film: Aus dem stillen, schwulen Mathematiker wird ein Actionheld

Pioniertaten, ohne die Personal Computer und Internet, E-Mail und E-Commerce kaum vorstellbar sind. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Britischen Geheimdienst, wurde der Kriegsheld Turing jedoch wegen seiner Homosexualität im aufziehenden Kalten Krieg als Sicherheitsrisiko eingestuft und beobachtet. Niemand rührte für ihn einen Finger, als dem "Retter Englands" 1952 in Manchester der Prozess wegen seiner sexuellen Orientierung gemacht wurde. Turing und sein Liebhaber Arnold Murray hatten einen Einbruch in die Wohnung des IT-Experten angezeigt. Im Laufe der polizeilichen Vernehmung gaben der Wissenschaftler und der Arbeiter ihr schwules Verhältnis zu und wurden vom Opfer zum Täter.

Turing blieb während der Verhandlung seinem offenen Umgang mit seiner Homosexualität treu. Um dem Gefängnis zu entgehen, akzeptierte er als Urteil und Bestrafung eine einjährige Hormonbehandlung mit Östrogenen zur Unterdrückung des Sexualtriebes. In Großbritannien war Homosexualität zu jener Zeit noch illegal und die "Zwangstherapie" Homosexueller mit Elektroschocks oder Halluzinogenen wurde aus Mitteln der Nationalen Gesundheitsbehörde finanziert. Turing, so Hodges, habe unter der Hormonbehandlung so sehr gelitten, dass er sich im Juni 1954 mit Zyankali das Leben nahm. Gerade mal 42 Jahre alt.

Cryptonomicon von Neal Stephenson: Viel "echter" Alan Turing in einer eher phantastischen Handlung

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Seit Sommer vergangenen Jahres erinnert in Manchester ein von dem Künstler Glyn Hughes entworfenes bronzenes Denkmal an Turing. Aufgestellt vom "Alan Turing Memorial Fund" an einem Ort, der "typisch für Turings Leben zwischen Wissenschaft und Leidenschaft ist". Die Statue zeigt Turing auf einer Bank sitzend in einem kleinen Park zwischen der Universität und dem schwulen Viertel rund um die Canal Street. Erfreulicherweise habe die British Society for the History of Mathematics mit einer großzügigen Spende zur Verwirklichung des Denkmals beigetragen, so Hughes. "Aber es passt (zur Geschichte Turings), dass keine einzige Computerfirma und ebenso wenig lokale oder nationale Regierungsstellen eine finanzielle Unterstützung leisten wollte."

Und es passt zur Filmindustrie, ein dramatisches Leben völlig zu ignorieren und eine so vielschichtige Figur wie Alan Turing zu einer Art James Bond zu verplatten. Wie gut, dass er im Film "Tom Jericho" heißt.



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