Entschleunigung Der Trend zu weniger Tempo

Auf die wachsende Komplexität des mit Computern und Handys aufgepeppten Lebens reagieren immer mehr Menschen mit einer Rückkehr zur Langsamkeit: "Entschleunigung" ist angesagt.


Wieder nur vier Stunden geschlafen.Wieder am Morgen der Erste im Büro gewesen und auch dasWochenende durchgearbeitet. Und immer noch nicht befördertworden. Zu Recht ­ Stress ist unprofessionell, uncool.Vorbei sind die Zeiten, da man mit Stress prahlen konnte,sich gegenseitig unter den Tisch stresste, 19 Stunden, 20,21.

Streß aus dem Alltag nehmen: auch ein Mittagsschlaf kann helfen
DPA

Streß aus dem Alltag nehmen: auch ein Mittagsschlaf kann helfen

Heute fährt der Manager um 19 Uhr in seinem Van ­ denPorsche hat er längst abgeschafft ­ nach Hause, um seinenKindern aus dem neuesten "Harry Potter" vorzulesen. Vorherhat er noch schnell das leckere frische Gemüse besorgt, daser später am Abend seinen um den umbrischen Pinientischversammelten Freunden im Wok servieren wird, dazu einschönes Glas Wein aus ökologisch korrektem Anbau und eingutes Gespräch; nur die Zigarre bleibt da kalt, der Kleinenwegen.Der Stress, Modedroge und Statussymbol jener noch nichtlange vergangenen Zeiten, da die New Economy ganz jung warund überall das Mittelalter sich beeilte, den grauen Anzugabzustreifen und die Nummer des Pizza-Service im Kopf zubehalten, befindet sich in rapidem Kursverfall. Wer heuteetwas auf sich hält, der läuft zu sich selbst, notfalls imBüro auf der Stelle: Schauen Sie dabei je fünf Sekundennach oben, unten, rechts und links, das empfehlen dieÄrzte. Der versurft seinen Urlaub nicht mehr auf derSnowboard-Piste, sondern meditiert beim Trekking imHimalaja; allein die Auswahl der richtigen Gore-Tex-Jackedauert mehr als eine Woche.Wer bislang für seinen Börsengang betete und arbeitete,schweigt heute gern 14 Tage im Kloster. Denunverbesserlichen Schreibtischtätern, den postpubertärenBettflüchtern und an Arbeitsabusus Erkrankten verschreibenihre Firmen Zeitmanagement-Seminare oder In-Balance-Kurse:Füllen Sie Ihre Agenda neu! 10 bis 12 Uhr Meeting. 11 bis11.05 Uhr mit den Armen pendeln. Stärkt den Rücken, wenndie Aktienkurse purzeln. Entschleunigung ist das Gebot der Stunde. Längst hat die Werbung des Menschen Recht auf Entspannung zum Programm gemacht ­ selbst Autos bleiben in den Spots immer öfterstehen. Schon vor zwei Jahren eröffnete dieFüllfederhalter-Firma Montblanc ihre New Yorker FlagshipBoutique mit einem "Entschleunigungsstudio", einerVideoinstallation, die potenzielle Käufer lehren sollte,wie wichtig es ist, auszuspannen vom Großstadtstress. Undzur Weltkonferenz Urban 21 in Berlin luden die bemoostenStühle und andere Grün-Kunst der Gruppe "Entschleunigung"zur neuen Besinnlichkeit inmitten des Metropolen-Gezappelsein.Seit den achtziger Jahren versammelt dieSlow-Food-Bewegung, unter dem Symbol der Schnecke inItalien gegründet, Gourmets und Globalisierungskritiker umdie sechs Stunden lang geschmorte Lammhaxe. Es steigt dieZahl der bekennenden Slobbies, der "slower but betterworking people" ­ zumeist sind es gerade diejenigen, fürdie bislang die Formel galt: "ein Internet-Jahr gleichsieben alte Jahre", die Schrittmacher der New Economy, dieWeb- und IT-Unternehmer, die eine neue Zeitrechnungfordern. Eine "allgemeine Onanie", nennt Oliver Sinner vondem Hamburger E-Commerce-Dienstleister SinnerSchrader denWahn, für nichts mehr Zeit zu haben; dabei sei es doch vielwichtiger, in 50 Stunden zu schaffen, wozu man sonst 60oder 70 brauchte.Die Vorzeigegründerin, Loretta Würtenberger, die mit 25Deutschlands jüngste Richterin war und im letzten Jahr dieMehrheit an ihrem virtuellen Rabattmarken-UnternehmenWebmiles an Bertelsmann verkaufte, will nun, mit Endezwanzig, erst einmal eine lange Pause einlegen, wenigstensbis zum Herbst.
Zeit für Privates ist ein wichtiges Luxusgut geworden
AP

Zeit für Privates ist ein wichtiges Luxusgut geworden

"Man muss in einer Welt, in der man 200 E-Mails am Tagbekommt, Tempo rausnehmen, nicht auf jeden Hyperaufspringen, nicht immer gleich in Hysterie verfallen",sagt Ulrich Dietz, Gründer und Vorstandschef von GFTTechnologies, einem der umsatzstärksten deutschenWeb-Dienstleister; seinen Mitarbeitern schenkte er, "alsdie 'burnout rate' zu hoch zu werden drohte", Sten Nadolnys"Die Entdeckung der Langsamkeit". Die Firmenzentralebelässt er in Sankt Georgen im tiefen Schwarzwald, weil erdort "entschleunigen und auftanken" kann.Das rät er auch allen Start-ups: langfristiger zu planen.Das Tempolimit auf der Datenautobahn tritt spätestens dannin Kraft, wenn Firmen dabei sind, sich selbst zu überholen:wenn ihre neuesten Modelle neben den allerneuesten altaussehen.Zeit ist zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden ­ ineinem gewandeltenSinn: Immer häufiger lassen Kunden eine Produktgenerationeinfach links liegen, um sich die Stunden zu sparen, indenen sie die Gebrauchsanweisungen lesen müssten.Vielleicht ist der Geschwindigkeitsrausch ja auch manchmalnichts als ein Mythos: weil es immer noch viel längerdauert, eine E-Mail zu schreiben, als zum Telefon zugreifen; weil man nun auch noch zu Hause am Computer seineigener Bankangestellter zu sein hat und demnächst, wenndie von GFT für die Deutsche Post entwickelteInternet-Briefmarke auf den Markt kommt, auch noch seineigener Postbeamter.Zeit sei "das wichtigste aller Luxusgüter", hatte HansMagnus Enzensberger 1996 in einem SPIEGEL-Essay geschrieben, und die Trendforscher bestätigen ihn: DieLeisure Options sind inzwischen für leitende Angestelltefast so wichtig wie die Stock Options.Auf die allgemeine Beschleunigung, die wachsendeKomplexität des Lebens reagieren immer mehr Menschen mitdem Rückzug ins Private, mit der Besinnung auf FamilyValues: der Manager, dem sein "Job als Papi" so wichtig istwie ein Geschäftsabschluss und der vielleicht sogar schonzum zweiten Mal eine Babypause einlegt; die jungen Frauen,die auf eine Karriere bewusst verzichten; aber auch dieanderen, die am Abend im Bad eine Duftkerze entzünden undeinmal im Jahr sich Öl aufs Haupt gießen, imAyurveda-Zentrum auf Sri Lanka. Zeit wird zum Konsumangebot: zur Quality Time Die gezwungen sind, den lieben langen Tag in Echtzeit zu leben, haben die Zeit für das Echte entdeckt, für Kinder, Küche,Kirche; ihre Kathedralen sind die Fitness-Studios, ihreReligion ist der Fundamentalismus der alterslosen, ewigjungen Körper, manchmal verbrämt mit einerantirationalistischen Kulturkritik.Einen "Kulturkampf zwischen Beschleunigung undEntschleunigung" prophezeite Peter Glotz zwischen jenenzwei Dritteln der Gesellschaft, deren Spitze dieInformationsverarbeiter und Symbolanalytiker bilden, unddem Rest der nicht mehr Wettbewerbsfähigen, derArbeitslosen und freiwilligen Aussteiger. Dieser Konflikt,so Glotz, werde eine neue, "nicht gerade geschlossene, abereffektvolle" Ideologie hervorbringen; Millionen werdendarauf verfallen, dass "Menschen meditieren sollten, dassein gesunder Körper viel Pflege braucht, dass es keinenSinn ergebe, neue Teilchenbeschleuniger zu bauen oderneuartige Zahnzwischenraumbürsten zu vermarkten".Längst herrsche das Sowohl-als-auch, widersprechen ihm dieWerber und Wellness-Vermarkter: So wie es in jeder besserenTechno-Disco einen Chill-out-Room gibt, wo die Musik einwenig langsamer spielt, existierten Beschleunigung undEntschleunigung aufs Schönste neben- und miteinander, wirddas eilig Volk der Net-User und Börsenspekulanten auch inZukunft der verlorenen Zeit hinterherhecheln. Die"Professionalisierung von Trivialitäten", wie PeterWippermann vom Hamburger Trendbüro sagt, wirdvoranschreiten.Der Kampf ist längst im Gange, meint dagegen derKlagenfurter Philosoph und Sozialpsychologe Peter Heintel;derzeit werde die eine Seite vielleicht in den Medien einwenig mehr betont, weil die andere so dominant sei: "Weretwas langsamer ist und die neuen Technologien nichtbeherrscht, gilt doch schon als behindert." Nach wie vorgebe es in den Chefetagen die "Effizienz-Idioten", dieschon auf dem Flughafen die Ergebnisse des letzten Meetingsin den Laptop tippen und es als persönliche Beleidigungempfinden, auf jemanden oder etwas warten zu müssen.Gegen den oft blinden Aktivismus hat Heintel 1990 seinen"Verein zur Verzögerung der Zeit" gegründet, der demInnehalten und Nachdenken verpflichtet ist. Mit Symposienund Happenings haben die Verzögerer seither auf sichaufmerksam gemacht: am spektakulärsten mit dem Auftritt vonLäuferinnen im Model-Outfit, die eine 100-Meter-Streckenicht unter einer Stunde zu absolvieren hatten.Es gelte überall, sagt Peter Heintel, die vergewaltigte"Eigenzeit" wiederzuentdecken; "die wenigsten haben es jagelernt, mit Zeit souverän umzugehen, die sind fastglücklich, wenn sie im Stau zum Ferienortzwangsentschleunigt werden, das brauchen sie als 'rite depassage', weil sie den Schockübergang nicht ertragenkönnten". Deshalb nennt er die Erlebnisgesellschaft auchlieber eine "Versäumnisgesellschaft", beherrscht von derAngst, etwas zu verpassen, von dem sie nicht einmal weiß,was es ist. "War es gestern, oder war's im vierten Stock?",heißt das bei Karl Valentin.Also öfter mal ganz abschalten. Aber wenn man den Schalternicht findet? Wird es in Zukunft nur mehr "heimlicheStresser" geben, die zu ihrer Agenda greifen "wie einTrinker zum Flachmann"? So hat der Schweizer Schriftstellerund ehemalige Werber Martin Suter in seinerGeschichtensammlung "Business Class" jenen Typus karikiert,der einfach nicht in die schöne neue F-Klasse ­ F wieFamilie, Freunde, Freizeit und Fun ­ passen will.Dabei müsste er nur ein wenig umschalten, denn keinersollte Entschleunigung mit Trägheit verwechseln, die istnoch immer eine Todsünde: Seid nicht so faul, sonst gibt eskeinen Genuss. Wann dürfen die Entschleunigten eigentlichschlafen? Im Büro, empfehlen die Trendforscher.ANNETTE MEYHÖFER

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