Entwicklungshilfe im Netz Weltrettung per Mausklick

Netzwerke für Helfer, Fundraising per Facebook: Sozialen Medien werden in der Entwicklungspolitik immer bedeutender. Die Uno hofft, über das Internet neue Helfer mobilisieren zu können. Mancher Experte hält Twitter & Co. sogar für unverzichtbar, um die Ziele des Millenniumsgipfels zu erreichen.

Von , New York

Only The Brave Foundation: Eine Art "Farmville" für Gutmenschen

Only The Brave Foundation: Eine Art "Farmville" für Gutmenschen


Die Ortschaft Dioro liegt in der Ségou Region im südlichen Teil Malis. Rund 20.000 Menschen leben in der Siedlung im Niemandsland, in einem der ärmsten Länder der Welt. Seit einigen Tagen hat Dioro eine virtuelle Repräsentanz: ein an die Community Facebook angedocktes Computerspiel, eine Art "Farmville" für Gutmenschen mit dem Namen Only The Brave Foundation.

Als Pixelmensch kann man jetzt durch Dioro streifen; kann auf die Schule klicken und Videoszenen des Unterrichts sehen; kann auf den Chefarzt im Krankenhaus klicken und sehen, wie er eine Patientin auf einer Liege pflegt. Und man kann Entwicklungshilfe leisten. Echte Entwicklungshilfe. Braucht das Krankenhaus etwa Medikamente, erscheint über einem Regal eine Leiste mit einem roten Balken. Wer daraufklickt, kann sofort spenden. Per Kreditkarte, Paypal oder Telefon. Die Leiste füllt sich dann wieder ein Stück. Ist sie voll, werden im echten Dioro zum Beispiel Malariamittel gekauft. Und im Pixelregal stehen bald neue Medikamente.

Etwas seltsam ist es schon, über ein Computerspiel, das nach dem Prinzip von "Monkey Island" oder "World of Warcraft" funktioniert, ein Dorf in Afrika zu retten. Mit Blick auf den Armutsgipfel der Vereinten Nationen aber ist das Projekt bemerkenswert. Zeigt es doch, wie soziale Netze die konventionelle Entwicklungshilfe bereichern und weiterentwickeln. Die "Only The Brave Foundation erleichtert es Menschen zu helfen", sagt Schirmherr Renzo Rosso, der hauptberuflich Chef der Modemarke Diesel ist. "Und sie sehen, dass ihre Hilfe unmittelbar wirkt."

Spitzenpolitiker aus aller Welt beraten in dieser Woche im Uno-Hauptquartier über acht konkrete Probleme, die bis 2015 massiv eingedämmt werden sollen. Es geht um die Halbierung der globalen Armut, um die drastische Senkung von Mütter- und Kindersterblichkeit, um die konsequente Bekämpfung von Bildungsnot. Im Jahr 2000, als die Uno ihre "Millenniumsziele" definierte, gab es kein YouTube, Facebook oder Twitter. Heute glauben manche, dass der Weltrettungsplan der Vereinten Nationen überhaupt nur mit Hilfe der sozialen Medien eine Chance hat.

"Es ist erstaunlich, wie viele Uno-Mitarbeiter hier herumlaufen"

"Um die Millenniumsziele zu erreichen, muss jeder einzelne von uns Entwicklungshilfe leisten", sagt Adam Hirsch, Geschäftsführer des reichweitenstarken New Yorker Blogs "Mashable". "Die Mobilisierung neuer Helfer aber erfolgt immer öfter über soziale Medien."

Um zu zeigen, wie bedeutsam das Internet für Entwicklungshilfe ist, veranstaltet "Mashable" zusammen mit der United Foundation eine Nebenkonferenz zum Uno-Gipfel. In den getäfelten Sälen des Y92-Kulturzentrums stellen Blogger, Social-Media-Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen die ganze Woche lang innovative Projekte der Krisen- und Hungerbekämpfung vor. Die Veranstaltung findet nicht nur in der Internet-Szene Anklang. "Es ist erstaunlich, wie viele Uno-Mitarbeiter hier herumlaufen", sagt Robert Skinner, stellvertretender Direktor der United Nations Foundation.

Die Ansätze einer Entwicklungspolitik 2.0 sind vielfältig - und werden mitunter von Pionieren des Web 2.0 gestartet. Zum Beispiel von Chris Hughes, dem Facebook-Mitgründer und Mitentwickler des Internet-Wahlkampfs von US-Präsident Barack Obama. Hughes stellte am Montag sein Startup Jumo vor: ein soziales Netzwerk, das Nutzer mit Hilfsorganisationen vernetzen soll, die zu ihnen passen - ähnlich wie Amazon Nutzer mit Produkten verkuppelt oder die Seite Yelp Nutzer mit Restaurants und Bars.

"Jeder Mensch hat das latente Bedürfnis zu helfen", sagte Hughes. Nur sei das Helfen selbst zu kompliziert. Niemand setze sich hin, um nach Schlagworten wie "Erziehung" und einem bestimmten Staat in Afrika zu googlen. Jumo soll das ändern. Das Startup, das bis Ende des Jahres online gehen soll, werde es Menschen leicht machen, die richtige Organisation für ihr Hilfsbedürfnis zu finden, per E-Mail, Twitter- oder Facebook-Updates über ihre Arbeit auf dem Laufenden gehalten zu werden - und Geld zu spenden.

Soziale Medien ermöglichen private Rettungsmissionen

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das von der United Nations Foundation betriebene Projekt Girlup.

Es soll Teenager-Mädchen aus reichen westlichen Ländern animieren, Teenager-Mädchen aus Entwicklungsländern zu helfen, die gegenüber Jungs oft benachteiligt werden. Girlup sammelt Spenden, um die Arbeit von Organisationen zu unterstützen, die dafür kämpfen, dass junge Mädchen eine anständige Schulbildung erhalten und nicht im Alter von 15 Jahren gegen ihren Willen verheiratet werden.

Dass das Internet mitunter noch mehr bewirken kann als zusätzliche Spenden zu sammeln, zeigt die Geschichte von Jonathan Glynn. Als Haiti im Januar 2010 von einem Erdbeben heimgesucht wurde, beschloss der Pilot aus Long Island spontan zu helfen. Er stieg in seine Maschine und eilte ins Katastrophengebiet. Wochenlang flog er dort umher, versorgte Stützpunkte von Hilfsorganisationen mit Nahrung, belieferte Krankenhäuser mit Medikamenten, transportierte Retter und Helfer in verwüstete Gegenden.

Glynn finanzierte seine private Rettermission vor allem über Facebook. Er startete die Gruppe " Wings over Haiti". Solange die Netzgemeinde spendete, half er. Inzwischen ist die Initiative weltbekannt. Und Glynn hilft Haiti heute noch.

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