Erfurt Großes Treffen zum Killerspiel

Counter-Strike soll das Lieblingsspiel von Robert Steinhäuser, dem Schulmörder von Erfurt, gewesen sein. Jetzt trafen sich 60 Jugendliche in der thüringischen Landeshauptstadt zu einer Party, auf der virtuell geschossen und getötet wurde.


Auf der Suche nach Opfern: Ausschnitt aus dem Computerspiel Counterstrike
Sierra

Auf der Suche nach Opfern: Ausschnitt aus dem Computerspiel Counterstrike

Berlin - Von Freitag bis Sonntag trugen die Jugendlichen eine so genannte LAN-Party, eine Netzwerkparty, aus. Counter-Strike, das dabei gespielt wurde, soll das Lieblingsspiel des Schützen Robert Steinhäuser gewesen sein, der Ende April am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst erschossen hatte.

"Bei dem Spiel geht es nicht darum, Leute zu töten. Es geht um Spaß und Taktik", sagte der Organisator Jens Pfotenhauer. Viele der Spieler hätten in ihren Spielmodi Blut und Waffen ausgeblendet. Diese Grafik irritiere beim Spiel, sagte er. Ebenso würden viele Computerspieler nicht auf Menschen zielen, sondern beispielsweise auf Fantasiefiguren. Nach Diskussionen in den eigenen Reihen habe man sich deswegen trotzdem für das Austragen der Party entschieden.

Sowohl das Spiel als auch LAN-Partys waren nach dem Schul-Massaker in die Kritik geraten. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hatte am Donnerstag entschieden, das Schießspiel nicht auf den Index zu setzen.

Nach Meinung der Computerfreaks wird der Amoklauf von Erfurt den Spielgeist nicht beeinflussen. Allein in Erfurt gebe es rund 20 Spielgemeinschaften, so genannte Clans. Im Internet sowie bei LAN-Partys spielen sie um Punkte. "Bei den Partys stehen die Kommunikation und der Spaß im Vordergrund", erklärte der Counter-Strike-Fan Christian Kraege. Die Spieler seien weder Waffennarren noch Einzelgänger.

Die Entscheidung der Bundesprüfstelle war am Sonntag auf heftige Kritik von Bayerns Innenminister Günther Beckstein und Familienministerin Christa Stewens (CSU) gestoßen. "Das Spiel nicht auf den Index zu setzen, setzt ein völlig falsches Signal", so die beiden Politiker. "Würde man der Argumentation der Prüfstelle folgen, könnte wohl kaum eines dieser widerlichen Machwerke aus dem Verkehr gezogen werden."

Harmlos oder gefährlich?

Das Computer-Spiel "Counter-Strike" ist ein so genannter Ego-Shooter. Das seit einem Jahr kommerziell erhältliche Produkt ist ein reines Online-Spiel, das nur von mehreren in einem Netzwerk zusammengeschlossenen Teilnehmern genutzt werden kann. Mittlerweile gibt es viele Fangemeinden, die regelmäßig privat, im Internet oder auf so genannten LAN-Partys (LAN steht für lokales Netzwerk) in Form von Turnieren und Ligen gegeneinander antreten. Nach einhelliger Meinung der "Counter-Strike"-Fans ist die Kritik an dem Spiel überzogen. Ihnen gehe es nicht um Gewaltdarstellungen, sondern "um den sportlichen Vergleich in Teams", schreibt zum Beispiel das Fachmagazin "GameStar".

Erstmals hatte die Bundesprüfstelle zur Entscheidungsfindung zwei Spieler eingeladen, die einen Verlauf von "Counter-Strike" demonstrieren sollten. Online-Spiele seien generell schwieriger zu beurteilen als andere PC-Spiele, sagte Elke Monssen-Engberding von der Prüfstelle. "Bei normalen Spielen ist der Spielverlauf vorgegeben, bei Spielen wie "Counter-Strike" ist er immer abhängig von den Spielern."



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