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"Deutschland 2030": Das zeigt Erika Steinbachs Twitter-Foto wirklich

Ein Tweet Erika Steinbachs sorgte für Empörung - nun hat der NDR den Ursprung des verwendeten Fotos aufgespürt. Die Fotografen ärgert es sehr, welche Karriere das Bild in Deutschland macht.

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twitter.com/SteinbachErika

Steinbach-Tweet

Erika Steinbach ist seit Langem bekannt dafür, mit provokanten Äußerungen auf Twitter Widerspruch zu erzeugen. Und doch erregte ein Tweet der CDU-Politikerin selbst für Steinbach-Verhältnisse kürzlich besonders heftige Kritik. Er schaffte es sogar in die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau.

Am 27. Februar hatte Steinbach das Foto getwittert. Das Bild, auf dem ein blondes Kleinkind von dunkelhäutigen Kindern staunend begutachtet wird, spielt mit der Überschrift "Deutschland 2030" auf eine fiktive Zukunft an, in der dunkelhäutige Menschen die Mehrheit in der Bundesrepublik stellen. Im Zuge der Flüchtlingskrise sollte das Bild wohl die Vorstellung einer unkontrollierten Masseneinwanderung suggerieren.

Der Tweet trug ihr Kritik auch von Parteifreunden ein. Als die Empörung über Steinbach noch tobte, begab sich ein Journalist des Norddeutschen Rundfunks (NDR) auf die Spurensuche im Netz: Woher stammt das Bild?

Schließlich war das Foto zuletzt wiederholt im Zusammenhang mit ausländerfeindlicher Stimmungsmache aufgetaucht. Insbesondere im Verlauf der Flüchtlingskrise wurde es immer wieder gepostet, mal mit dem Titel "Italien 2030" oder "Russland 2050".

Jetzt, einen Monat nach dem Tweet Steinbachs, ist NDR-Journalist Fiete Stegers fündig geworden. Begleitet von allerlei Hinweisen aus dem Netz spürte er das erste Auftauchen des Bildes auf: im Januar 2012 in der Foto-Community eines amerikanischen Magazins. Danach wurde das Foto auf verschiedenen Internetseiten geteilt, bearbeitet, weiterverbreitet.

Foto entstand in indischem Kinderheim

Laut seinem Bericht für das Medienmagazin "Zapp", der am Mittwochabend um 23.20 Uhr ausgestrahlt wird, hat eine australische Familie die Aufnahme auf einer Indien-Reise gemacht. Die Familie, die laut "Zapp" anonym bleiben will, habe ihren damals 18 Monate alten Sohn 2011 bei einem Besuch eines Kinderheims in der südindischen Stadt Chennai fotografiert. Die Leiterin des Kinderheims bestätigte, dass das Foto hier entstanden ist.

Vom NDR auf die aktuelle Instrumentalisierung dieses Bildes in Deutschland und Europa angesprochen, zeigten sich sowohl die Leiterin als auch die australische Familie empört. "Wir sind sehr traurig, dass das Bild für solche Propaganda verwendet wird. Wir hatten genau das Gegenteil im Sinn", sagte die Familie laut "Zapp". Hochgeladen hätten sie das Foto in der Hoffnung, dass das Heim von der Aufmerksamkeit profitieren werde.

"Das Foto entstand in einem sehr schönen Moment voller Liebe und Freude. Er zeigt das Miteinander verschiedener Kulturen und von Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen", so der Vater. "Das auf eine negative Weise zu verwenden, unterstützen wir auf gar keinen Fall."

fab

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