Erstes Interview Lonelygirl15 wagt sich vor

Wenige Tage, nachdem sich die Produzenten der lonelygirl-Videos bei YouTube öffentlich zu erkennen gaben, wagte auch Hauptdarstellerin "Bree" den Schritt in die Öffentlichkeit. Das gesamte Team stellte sich bei MTV zum Interview.


"Wahnsinnig" sei das alles, sagt lonelygirl15, und dass sie all das nicht erwartet habe: Die öffentliche Aufmerksamkeit, den Zuspruch, die Fans - Jessica Rose, 19 Jahre alt und Darstellerin des lonelygirl15 alias Bree in den gleichnamigen Videos, darf sich seit wenigen Tagen als Star fühlen. Rose: "Ich bin an so etwas nicht gewöhnt."

Unerkannt vor die Tür zu gehen, das war ihr allerdings schon seit längerem nicht mehr möglich. Und weil das Geheimnis um ihr seit Mai bei YouTube gezeigtes Video-Tagebuch gewahrt werden sollte, lebte sie in den letzten Monaten praktisch "unter Hausarrest, genau wie Bree".

Das und mehr erzählte sie den Interviewern von MTV, denen es gelungen war, das gesamte Team vor die Kamera zu bekommen. Damit bekommen die Macher des umstrittenen lonelygirl-Videoblogs (Kurz "Vlog") erstmals ein Gesicht: Alle vier Interviews sind bei MTV Overdrive in voller Länge im Web zu sehen.

Zum Hintergrund

Vom Mai bis zur letzten Woche war es einem kleinen Team, ausgerüstet mit "einer 130-Dollar-Kamera" gelungen, Millionen von YouTube-Nutzern für eine Geschichte zu begeistern, die zunächst gar nicht als Fiktion wahrgenommen worden war: Bree, das "lonelygirl15", lebte demnach von der Außenwelt weitgehend abgeschirmt als Kind streng religiöser Eltern und fand Kontakt nur via YouTube. Dort erzählte sie aus ihrem Leben und ließ hier und dort kleine Anmerkungen fallen, die sich zu einem großen Rätselraten summierten: Worum ging es hier? Was war das für eine Sekte, in der Bree da gefangen schien? Hatte es etwas mit Satanismus zu tun? War das Mädchen gefährdet?

Selbst das bald aufkommende Rätselraten um die Frage, ob das alles echt sein könne oder nicht, wurde zum Teil des Spieles. Das gaben die Macher erst auf, als sie durch findige Web-Rechercheure als "Fälscher" geoutet wurden.

Für Jessica Rose hätte all das nicht besser laufen können. Als sie das seltsame Angebot für lonelygirl15 bekommen habe, hätte sie zunächst gezögert. Verständlich, denn wer wäre je über kryptische Kurzfilmchen im Web zum Star geworden? Doch vor wenigen Monaten noch war sie nur eine von unzähligen Möchtegern-Schauspielerinnen, die in Hollywood einen Weg zur Karriere suchten: Ihre Rollen konnte sie sich wohl kaum aussuchen.

Im Nachhinein, so Rose, habe sich das lonelygirl-Projekt also als Glücksfall für sie erwiesen. Die Kurzvideoserie wird fortgeführt, ob dies jedoch mit ähnlichem Erfolg geschehen kann, bleibt abzuwarten.

pat



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