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Erweiterte Realität: Die Wikipedia kommt ins Museum

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Interaktive Infotafeln: Mit dem Code-System QRpedia lassen sich Ausstellungsgegenstände mit Wikipedia-Artikeln verlinken - aufgerufen werden diese automatisch in der Sprache des Benutzers.

Infos per Handyscan: Die National Archives setzen seit September auf QRpedia-Codes Zur Großansicht
The National Archives

Infos per Handyscan: Die National Archives setzen seit September auf QRpedia-Codes

"Peter Weis" nennt sich der Wikipedia-Autor, der das Museum für Hamburgische Geschichte mit dem Mitmach-Lexikon verlinken will. Das neueste Projekt des 21-jährigen Politikstudenten soll helfen, die Wikipedia-Texte im Museum lesbar machen - in so vielen Sprachen wie möglich, per Scanfunktion.

QRpedia nennt sich das System dafür. Es ist eine Wikimedia-Abwandlung der mittlerweile weit verbreiteten QR-Codes. Das Besondere daran: Scannt der Nutzer mit der Kamera seines Handys oder seines Tablets einen der Codes, wird er automatisch zum zugehörigen Wikipedia-Artikel in der auf seinem Lesegerät als Standard eingestellten Sprache weitergeleitet. Ein japanischer Museumsbesucher könnte sich also auf Japanisch über den Störtebecker-Schädel informieren, ein italienischer auf Italienisch. Hintergrundinformationen könnten so in weit mehr Sprachen verfügbar gemacht werden als auf einer Infotafel unterzubringen sind - ergänzt um digitale Inhalten wie Fotos und Videos.

Bisher nutzen nur wenige Museen weltweit die QRpedia-Codes, etwa die britischen National Archives (seit dem 12. September) und das Derby Museum and Art Gallery (seit April). Die ersten Erfahrungen mit den Codes sind überwiegend positiv. Beide Museen berichten, dass die Codes bei technikaffinen Besuchern gut ankommen.

"Ein echter Mehrwert"

Wikimedia-Aktivist Weis, der sich seit knapp zwei Jahren für das Mitmach-Lexikon engagiert, ist von den Vorteilen des QRpedia-Systems überzeugt: "Natürlich können die Codes Infotafeln noch nicht komplett ersetzen", sagt er. "Aber sie bieten den Museen einen echten Mehrwert, besonders für fremdsprachige Besucher. Und die Einführung der QRpedia-Codes kostet so gut wie nichts." Im Internet ließen sich die Codes ja per Mausklick erstellen.

Zudem könne das QRpedia-System Museumsbesucher motivieren, Wikipedia-Artikel zu verfassen oder zu übersetzen. "Zu vielen Objekten aus der Lokalhistorie existieren noch keine Texte", erläutert Weis. "Es müssen ja keine 30-Seiten-Abhandlungen sein - sowas will auf dem Smartphone ohnehin niemand lesen."

Probleme mit dem Licht

Ein paar Stolpersteine hat aber auch das QRpedia-System. So müssen Museen die Codes zum Beispiel geschickt in ihr Ausstellungsräume integrieren, damit diese einerseits nicht ältere Stammbesucher verschrecken, anderseits überhaupt von den Smartphone-Besitzern bemerkt werden - und ohne Verrenkungen ausgelesen werden können.

Im Derby Museum sucht man auch sechs Monate nach der QRpedia-Einführung nach der perfekten Position für die Codes. "Wir testen noch, welche Anbringung und welche Größe ideal ist", erzählt Museumsmitarbeiter Jonathan Wallis. Schwierigkeiten bereite unter anderem die Beleuchtung. "Manchmal ist es in der Galerie nicht hell genug", erzählt Wallis. "Und wenn man den Blitz benutzt, bekommt man nur ein weiß ausgebleichtes Bild." Nach Museumsangaben sind in Derby derzeit rund 100 Ausstellungsgegenstände mit Codes versehen.

Artikel von Experten geprüft

In den National Archives sind bisher zwölf Objekte mit Wikipedia-Artikeln verlinkt, berichtet Pressesprecher Tommy Norton. Darunter sei unter anderem eine Kopie der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten - zu ihr bekäme man per QRpedia-Code die mobile Version dieser Seite zu sehen. Bevor ein Wikipedia-Artikel verlinkt wird, werde er von Experten des Museums auf Fehler hin geprüft, sagt Norton. Ganz auf die Weisheit der Masse will man sich in Richmond also noch nicht verlassen.

Wann die QRpedia-Codes in Hamburg zum Einsatz kommen könnten, ist noch unklar. Laut Wikimedia-Aktivist Weis soll darüber in den nächsten Wochen entschieden werden, das Museum für Hamburgische Geschichte war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Seit dem Frühjahr kooperiert das Museum mit Wikimedia Commons, 312 Bilddateien wurden in die frei zugängliche Mediendatenbank hochgeladen.

"Mit dem QRpedia-System könnte das Museum zu einem Vorreiter in Deutschland werden", sagt Peter Weis, der für eine Umsetzung bis zum Jahresende plädiert. Man müsse sich nur gut überlegen, wie das System ästhetisch umgesetzt werden könne. "In Derby sieht das mit den laminierten Codes nicht so schick aus", findet Weis.

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1. Wenn schon erweiterte Realität, dann bitte richtig
atomkraft nur inder sonne 07.10.2011
Betreff VERSCANNUNG DER WELT: Wäre es (statt Etikettierung mit Codes, die das Gefühl von Barcodes im Supermarkt geben - auch wenn sie anders aufgebaut sind) denn nicht sinnvoller, gleich die Kunstwerke als eindeutige Objekte zu verwenden, um diese zu erkennen (wie es beispielweise Google bei Goggles tut) und dann die Kontextinfos abzurufen? So spart erspart sich das Museum nicht nicht nur Arbeit, sondern vor allem die Erniedrigung des Kunstobjekts auf ein digitales Musteretikett. Einfach Kamara des Smartphone auf das Objekt halten und die ermittelten Kontextinfos ablesen. Das wäre nicht nur technisch eleganter, sondern ist - besondes bei so eindeutigen Objekten wie in Museen - auch heute bereits möglich.
2.
Lightbringer 07.10.2011
Zitat von atomkraft nur inder sonneBetreff VERSCANNUNG DER WELT: Wäre es (statt Etikettierung mit Codes, die das Gefühl von Barcodes im Supermarkt geben - auch wenn sie anders aufgebaut sind) denn nicht sinnvoller, gleich die Kunstwerke als eindeutige Objekte zu verwenden, um diese zu erkennen (wie es beispielweise Google bei Goggles tut) und dann die Kontextinfos abzurufen? So spart erspart sich das Museum nicht nicht nur Arbeit, sondern vor allem die Erniedrigung des Kunstobjekts auf ein digitales Musteretikett. Einfach Kamara des Smartphone auf das Objekt halten und die ermittelten Kontextinfos ablesen. Das wäre nicht nur technisch eleganter, sondern ist - besondes bei so eindeutigen Objekten wie in Museen - auch heute bereits möglich.
Netter bestimmt, einfacher (für die die Maschine) bei weitem nicht. Der Scanner hätte grosse Probleme das Foto zu erkennen und dann der korrekten URL zu zuordnen. Die Fehlerrate aufgrund des Rauschens ist einfach zu hoch, als das es zuverlässig funktionieren würde. Bei den Google Goggles ist das vielleicht hinnehmbar, da es eher ein Spielzeug ist, Museumsbesucher würde das aber eher frustrieren.
3. Ach ja..
hdudeck 07.10.2011
Zitat von atomkraft nur inder sonneBetreff VERSCANNUNG DER WELT: Wäre es (statt Etikettierung mit Codes, die das Gefühl von Barcodes im Supermarkt geben - auch wenn sie anders aufgebaut sind) denn nicht sinnvoller, gleich die Kunstwerke als eindeutige Objekte zu verwenden, um diese zu erkennen (wie es beispielweise Google bei Goggles tut) und dann die Kontextinfos abzurufen? So spart erspart sich das Museum nicht nicht nur Arbeit, sondern vor allem die Erniedrigung des Kunstobjekts auf ein digitales Musteretikett. Einfach Kamara des Smartphone auf das Objekt halten und die ermittelten Kontextinfos ablesen. Das wäre nicht nur technisch eleganter, sondern ist - besondes bei so eindeutigen Objekten wie in Museen - auch heute bereits möglich.
..und wie wollen Sie das bei gleichartigen Objecten wie zum Beispiel dem Stoertebecker Schaedel bewerkstelligen. Der gleicht anderen Schaedel. Anderes Beispiel: Las Vegas mit seinen Nachbauten beruehmter Bauwerke. Vielleich will ich etwas ueber den Nachbau wissen und nicht ueber das Original. Und was, wenn das Object noch gar nicht als Bild das Internet erreicht hat, aber text vorliegt. Und ich glaube nicht, dass das Kunstobject sich erniedrigt fuehlen kann, das koennen nur lebende Wesen
4. Deutsche Museen und web 2.0
hoerbert 08.10.2011
Zitat von sysopInteraktive Infotafeln:*Mit dem*Code-System QRpedia lassen sich Ausstellungsgegenstände mit Wikipedia-Artikeln verlinken - aufgerufen werden*diese automatisch in der Sprache des Benutzers. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,790436,00.html
Ich war vor kurzem in Dresden in der Gemäldegalerie Alte Meister (http://de.wikipedia.org/wiki/Gem%C3%A4ldegalerie_Alte_Meister) und wollte mich über die Sixtinische Madonna (http://de.wikipedia.org/wiki/Sixtinische_Madonna) schlauer machen. Das Wachpersonal kam sofort auf mich zu und nötigte mich, dass ich mein Iphone sofort ausschalte. Erklärungen was ich da machte waren zwecklos. Deutsche Museen müssen sich an das web2.0 Zeitalter noch sehr gewöhnen!
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