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Erziehungstipps: Mama, Papa, iPad

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Corbis

Junge Frau mit Kind: Griff nach dem Tablet gehört zum Alltag

Haben die Alten zu viel Angst, machen sie den Kindern das Internet-Abenteuer kaputt: Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin diskutierten Eltern über den richtigen Umgang mit neuen Medien. Mit sturen Verboten ist dem Nachwuchs nicht geholfen - doch wie dann? Die besten Tipps.

Mit Tablet-Rechner auf dem Schoß und Kopfhörer in den Ohren sieht er aus wie ein typischer Besucher der re:publica. Zwischen all den Erwachsenen sitzt so ausgestattet ein kleiner Junge. Seine Eltern haben ihn mitgenommen zur Netzkonferenz. Während sie sich unterhalten und Interviews geben, sieht sich der Siebenjährige einen Film an und fällt so kaum auf zwischen den anderen Laptop-Menschen um ihn herum.

Gleichaltrige Spielkameraden dürfte er hier kaum finden, die re:publica ist eine Erwachsenenkonferenz. Aber zwischen Rechnern, Messeständen und Sitzgruppen stehen mehrere Kinderwagen, immer mal wieder verabschiedet sich jemand, um ein Kind aus der Kita zu holen, manche haben ein Baby auf dem Arm. Es sind viele junge Eltern da, und deren Kinder sind auch hier ein Thema.

Während der Junge seelenruhig seinen Film ansieht, lesen die Veranstalter Tanja und Johnny Haeusler aus ihrem kürzlich erschienenen Buch "Netzgemüse". Der Saal ist rappelvoll. Sie klingen wütend: "Die Zukunft gehört der Jugend, doch sie bekommt sie nicht", sagt Johnny Haeusler, überall würden die Alten bestimmen, wo es langgeht. Und die begegnen den neuen Geräten und Medien mit Angst. Sie fürchteten, dass sie die Kontrolle über die chattenden und twitternden Kinder verlieren. Deswegen würden sie eingeengt und bekämen keinen Raum zum Experimentieren und Entdecken. "Lasst sie", fordern die Autoren deshalb auf der Bühne, "lasst sie teilhaben, teilnehmen, aber lasst sie in Ruhe." Das gibt viel Applaus.

"Sandmännchen" auf dem Tablet

Dabei dürften viele Eltern heute unsicher sein, wie sie mit dem Medienkonsum ihrer Kinder umgehen sollen. Die eigene Erziehung taugt kaum zum Vorbild, schließlich waren Internet und Smartphone damals noch gar kein Thema. Regeln wie "eine halbe Stunde Fernsehen am Tag" sind kaum zeitgemäß, erst recht nicht hier bei den Konferenzbesuchern. Von denen haben nur wenige überhaupt einen Fernseher.

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6  Bilder
Tipps von Eltern: Regeln für den Netz-Nachwuchs
Mathias Schindler, Vater von drei Töchtern, erzählt, dass seine Kinder das Konzept Fernsehen schon gar nicht mehr verstehen: "Sie dürfen abends auf dem Tablet das 'Sandmännchen' ansehen, allerdings erst, wenn sie ihren Kakao getrunken, Schlafanzug angezogen und Zähne geputzt haben", das sei ein Ritual. Einmal aber haben sie bei den Großeltern übernachtet, und bei denen gibt es kein Tablet, sondern einen klassischer Fernseher. "Sie haben nicht verstanden, dass sie also zu einer bestimmten Zeit fertig sein müssen, um auf diesem Gerät das 'Sandmännchen' gucken zu können", sagt der Vater. Also haben sie getrödelt beim Zähneputzen und die Sendung verpasst. Das allerdings war den Kleinen nicht zu vermitteln. Sie hielten den Fernseher für kaputt und versuchten, auf den Bildschirm zu drücken, um das "Sandmännchen" zu holen.

Geschichten wie diese lehren die netz- und computeraffinen Eltern, die Technik selbst mit anderen Augen zu erleben. Sie staunen darüber, wie ihre Kinder schon mit eineinhalb Jahren die Bildschirmsperre eines Smartphones selbst aufheben und dass zu ihren ersten Worten neben Mama, Papa, Tisch und Stuhl ganz selbstverständlich auch "iPad" gehört. Sie wundern sich, wie schnell das eigene Kind sie bei "Angry Birds" schlägt. Und sie lernen die ihnen eigentlich so vertrauten Medien und Geräte noch einmal neu kennen, anders. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, hat hier aber niemand - denn Mama und Papa sind ja dabei, wenn ihre Kinder die neuen Welten erkunden.

Digitales Abenteuer für Kinder

"Wir sitzen immer nur zusammen vor dem Rechner", sagt zum Beispiel der Software-Architekt Mirko Swillus, Vater von zwei Kindern. Es werde grundsätzlich zusammen gespielt und gesurft, so könne man gleich auf das Kind reagieren und ihm Dinge erklären. Auch die Theaterwissenschaftlerin Tina Lorenz findet das wichtig: "Mein sechsjähriger Sohn und ich gucken im Internet gern zusammen Sachen nach. Dann sagt er zum Beispiel 'Google mal, warum der Himmel blau ist', und das machen wir dann." Niemals würde sie ihn allein vor YouTube sitzen lassen, "da reicht ja schon ein falscher Klick, und dann sieht er womöglich etwas Verstörendes".

Sich diese pädagogische Arbeit von Kinderschutzsoftware abnehmen zu lassen, die nur bestimmte Websites anzeigen, kommt für die meisten hier nicht in Frage. "Mit Listen erlaubter Seiten engt man die Kinder zu sehr ein", findet zum Beispiel der Autor und Berater Nico Lumma. Er lässt seinen Kindern viel Freiheit am Computer, die Großen sind neun und sieben Jahre alt und bewegen sich schon allein im Netz, "das sind ja keine Babys mehr". Das klappe problemlos, weil die Eltern mit ihren Kindern viel darüber reden, was sie da tun und sehen. Das sei besser als sture Verbote und Beschränkungen, meint Lumma, erst recht in einer Zeit, in der die Papas und Mamas selbst so viel am Rechner sitzen. "Bei uns stehen immer zwei offene Laptops herum, da können wir den Kindern schlecht sagen, sie dürfen nur eine halbe Stunde ran."

Ein Patentrezept gibt es eben auch in der digitalen Erziehung nicht, jeder macht es mit seinen Kindern ein bisschen anders (siehe Fotostrecke). Aber in einem scheinen sich die netzaffinen Eltern einig: Das Entdecken der digitalen Welt ist für die Kinder ein Abenteuer, das man am Anfang am besten gemeinsam erlebt und dann Stück für Stück loslässt. So können aus den gut begleiteten Kleinen irgendwann mündige Netznutzer werden, denen man vertrauen und die man getrost freilassen kann. Vielleicht reisen sie dann in ein paar Jahren selbst zur re:publica. Ohne Eltern.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Gefasel
derbochumerjunge 08.05.2013
Ich habe vor ein paar Minuten etwas über diese Konferenz im Fernsehen gesehen. Solch eine geballte Ladung dummes Gefasel bin ich sonst nur von den Grünen gewöhnt. Oder von Sigmar Gabriel.
2. In den ersten 36 Lebensmonaten...
Scheidungskind 08.05.2013
...wäre wohl eher mal Netzverbot für Mama und Papa angesagt. Mit Smart Phone, etc. wird das Kind schnell zur Nebensache und die Eltern reagieren zu nachlässig auf die Affektäußerungen ihres Kleinkindes.
3. Internet macht Schlaue schlauer und Dumme dümmer!
wwwwebman 08.05.2013
"Bei uns stehen immer zwei offene Laptops herum, da können wir den Kindern schlecht sagen, sie dürfen nur eine halbe Stunde ran." Doch, das geht! Dabei kommt es nicht auf das Medium an - "halbe Stunde XY, dann Ende!" Wer das nicht kann, siehe Titel...
4. man kann sich schon denken
globix 08.05.2013
welche im Artikel genannte frakrion hier als erstes kommentiert. der ansatz wie oben beschrieben ist auf jeden fall schonmal gut. wer sich nicht darum kümmert muss sich aucg nicht wundern wenn kinder vom netz überfordert sind, mit diversen schlimmen Folgen
5. und bekommen dann nicht
schamot 08.05.2013
den nagel in die wand, ohne verletzten fingern, da sie in Kinderjahren vor Notebook und tablet saßen, statt mit der Motorik zu experimentieren. mal abgesehen, was die Dickleibigkeit und andere Organe angeht, die durch bewegungsmangel in Mitleidenschaft gezogen werden..wäre das nicht, würde ich den nerds recht geben.
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Fotostrecke
re:publica 13: Raus aus der Nische


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