Es ist vorbei: Bush ist kein jämmerlicher Versager mehr

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Hunderttausende von Web-Neulingen haben sich darüber gewundert, geärgert oder amüsiert: Mehr als drei Jahre lang führte die Suchanfrage "miserable failure" unfehlbar zu George W. Bushs Biografie-Seite im Angebot des Weißen Hauses. Jetzt beendete Google den Spuk - und mehr als das.

Seit November/Dezember 2003 gab es so etwas wie einen Standard-Leserbrief an SPIEGEL ONLINE, der uns anfangs Hunderte Male pro Tag und bis vor kurzem immerhin noch etliche Male pro Woche ins Postfach schneite. Das Destillat aus Tausenden Zuschriften ließe sich etwa so zusammenfassen:

"Schon gesehen? (grins!) Wenn man bei Google 'miserable failure' eingibt (lol) und dann auf den 'I'm Feeling Lucky'-Button klickt (kicher), landet man auf der Webseite des Weißen Hauses (wuhahahaha!)."

Bush böse: Der wohl meistverspottete Präsident der Vereinigten Staaten
REUTERS

Bush böse: Der wohl meistverspottete Präsident der Vereinigten Staaten

Ende 2003 war das wirklich lustig. Auch die Tatsache, dass Google selbst im Verlauf der Präsidentschaftswahl 2004 nichts daran änderte, war noch ein Schmunzler. Mehr noch, es schien zu zeigen, was für verschmitzte, hemdsärmelig-lockere Pfiffikusse in diesem so coolen Unternehmen arbeiteten. Welches große Unternehmen leistete sich schon ein dermaßen freches politisches Statement? Denn nicht nur "jämmerlicher Versager" führte zu Bushs Bio-Seite, auch "failure" allein verwies als Nummer-eins-Hit auf den US-Präsidenten.

Doch der Eindruck täuschte. Hinter den Kulissen dürfte die Tatsache, dass Google die Suchanfrage nach Versagern stets mit George W. Bush beantwortete, die Google-Macher ordentlich geärgert haben. Zumal das Phänomen weder neu war noch auf Bush beschränkt. Bereits wenige Monate, nachdem Google im Jahre 1999 vom Betatest zum ordentlichen Geschäftsbetrieb überging, war beispielsweise aufgefallen, dass die Anfrage "more evil than satan himself" ("teuflischer als der Satan") auf die Webseite von Microsoft verwies.

So passend das eine wie das andere so manchem Scherzkeks erschien (entsprechend schnell verbreitete sich die Kunde über solche Such-Gags im Web), lag dem Running Joke keine satirische oder sarkastische Absicht zugrunde. Zustande kamen die seltsamen Suchergebnisse durch die konsequente Ausnutzung eines Schwachpunkts im Suchalgorithmus von Google. Der bewertet unter anderem, in welchem Maße ein Suchwort zu einem Suchergebnis passt, indem er die Wichtigkeit dieses Suchbegriffes in Relation zum Ergebnis einschätzt. Und das geschieht unter anderem, indem er auszählt, wie oft ein und dieselbe Formulierung gebraucht wird, um zu einer bestimmten Webseite zu linken.

Alles, was man nun noch brauchte, war eine Webseite oder ein Blog, über die ein Vorschlag für solch eine Suchmaschinen-Manipulation bekannt gemacht wurde, und eine hinreichende Menge von Scherzkeksen, die den Spaß mitmachten und entsprechende Links setzten - schon hatte man eine sogenannte Google Bomb geschaffen. Die nutzte fürderhin den Schwachpunkt des Algorithmus aus und sorgte dafür, dass die ach so clevere Suchmaschine zuverlässig mit schwachsinnigen Ergebnissen aufwartete.

Google auf Glatteis

So wurde Bill Gates teuflischer als der Teufel, John Kerry zum obersten Schwafler und George W. Bush nicht nur zum jämmerlichen Versager, sondern bereits im September 2000 auch zum "dumb motherfucker". Diese mehr als despektierliche Suchanfrage führte zeitweilig zu einer Webseite, die allerlei Schnickschnack für Bush-Fans anbot.

Diese wahrscheinlich erste politisch motivierte Google-Bombe war von einer Scherzseite im Internet aus initiiert worden. Der Fall zeigte auch die für lange Zeit einzige Möglichkeit auf, den Effekt einer solchen Google-Bombe zu unterdrücken: Der Bush-Fanshop klagte gegen den Verursacher und zwang diesen, die "dumb motherfucker"-Links zu löschen. Nach einiger Zeit verschwand die per Link erzwungene Bindung zwischen Beschimpfung und US-Präsident wieder aus den Suchergebnissen.

Bei der "miserable failure" klappte das hingegen nicht: Dafür hätte man wohl Hunderttausende von Forenbetreibern, Bloggern, Homepage-Besitzern und nicht zuletzt Medien-Webseiten verklagen müssen - denn irgendwann berichtete jeder über diesen vermeintlichen Polit-Gag.

Vorbei: Google hat ein Gegenmittel

Verschwinden sollen nun alle Google-Bombs zumindest aus den Ergebnislisten des Suchmaschinen-Marktführers. Der will ein Rezept gefunden haben, den Effekt von Bombing-Aktionen auf ein Minimum zu reduzieren, wie man in einem aktuellen Beitrag des Google-Webmaster-Blogs nachlesen kann.

Nach über sieben Jahren endet damit ein Dauerärgernis, das Google nicht nur in den Verdacht politischer Subversivität brachte, sondern regelmäßig auch für diffamierende, werbliche und für Propagandazwecke missbraucht wurde. Versuche mit bekannten Google-Bombs am Montagvormittag bestätigen die Behauptung: Zumindest bei Google ist George W. Bush nun kein jämmerlicher Versager mehr.

Für zahlreiche andere Suchmaschinen gilt das allerdings nicht, denn eigentlich war Google Bomb immer schon ein viel zu enger Begriff: Passender wäre es, die Sache Suchmaschinen-Bombing zu nennen, denn die meisten entsprechenden Angebote weisen dieselbe Schwäche auf. Was sich zumindest kurzfristig als Vorteil erweisen könnte: Nun, da die skandalösen, respektlosen Suchmaschinen-Bombs nicht mehr bei Google zu finden sind, wird vielleicht einmal wieder bemerkt, dass es auch noch andere Suchmaschinen gibt. Denn nach nichts sucht der gemeine Netz-Nutzer lieber als nach Blödsinn.

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