Start-ups in Tallinn Estland, das Silicon Valley Europas?

Wussten Sie eigentlich, dass Skype aus Estland kommt? Das kleine Land ist die Heimat zahlreicher Start-ups. Die Bedingungen sind so gut, dass auch Gründer aus Russland nach Tallinn gehen.

Großbaustelle Tallinn: Das Stadtbild passt sich der wirtschaftlichen Entwicklung an
Karsten Kaminski

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In Estland ist ständig Ideenwettbewerb: Fast jedes zweites Wochenende treffen sich IT-Experten, Designer und Entwickler bei sogenannten Hackathons, um ihre Konzepte zusammenzubringen oder weiterzuentwickeln. Die meisten Teilnehmer kommen aus Estland, andere sind aus Riga, Kiew oder aus Vilnius angereist.

Innerhalb von 48 Stunden werden neue Ideen gepitcht und internationalen Investoren vorgestellt. Wer in der Start-up-Szene Estlands mitspielen will, darf solche Events nicht verpassen.

Erik Anderson ist 26 Jahre alt und weiß, wie das Geschäft läuft. "Estland ist klein. Hier kennt jeder jeden", sagt er. "Und wenn man erst mal niemanden kennt, muss man sich auch keine Sorgen machen. Wer einmal den Fuß in die Start-up-Szene gesetzt hat, gehört gleich zur Familie."

Anderson kommt aus Kalifornien, hat ein Start-up in London gegründet und hilft jetzt mit seinem Team von WiseGuys der nächsten Gründergeneration. Die WiseGuys-Leute organisieren die regelmäßigen Hackathons, sie geben Workshops, sie stellen den Kontakt zu den Investoren her. Schon 50 Start-ups wurden so bei der Gründung unterstützt.

Fünf Start-ups aus Estland
Transferwise

Die Idee des erfolgreichen Start-ups Transferwise kommt von Taavet Hinrikus (links) und Kristo Käärmann. Nach seinem Umzug nach London ärgerten Hinrikus die hohen Kosten für Banküberweisungen von England nach Estland. Auf Basis dieses Problems entstand die Überlegung, einen Peer-to-Peer-Online-Geldtransfer anzubieten. Mittlerweile ist der Firmenhauptsitz in London, dort landete Transferwise 2014 in einer Top Ten für Start-ups.

Taxify

Die App Taxify wird oft als das Anti-Uber bezeichnet. Das junge Start-up arbeitet nur mit Taxiunternehmen zusammen und will einen Konkurrenzkampf zwischen Privatfahrern und Taxifahrern verhindern. Anfang des Jahres hat die Firma begonnen, ihre App auf dem niederländischen Markt zu etablieren. Die Idee für das Programm enstand auf einem Hackathon in Kiew. Dort wurde das estnische Team von Investoren entdeckt.

Like a Local

Im letzten Jahr haben die Jungunternehmer von Like a Local den Preis für die beste Mobile-App in Estland gewonnen. Die Software sammelt Reisetipps von Einheimischen für Touristen. "Eigentlich wollten wir eine Reisezeitschrift entwickeln. Von der IT-Branche hatten wir keine Ahnung, aber auf einem Event wurde unsere Idee gepusht und dann ging alles sehr schnell", sagt Ülane Vilumets, die Like a Local zusammen mit ihrem Partner Kalev Külaase gegründet hat. Mittlerweile gibt Vilumets selbst Workshops für Start-up-Newcomer.

Lingvist

Lingvist-Gründer Mait Münte hat vor seiner Start-up-Idee in der Schweiz beim CERN-Forschungszentrum gearbeitet. Dort musste er sehr schnell Französisch lernen und hat dafür angeblich genau 200 Stunden gebraucht. Der Physiker entwickelte danach einen Algorithmus und programmierte eine 200-Stunden-Sprachlern-App. Zurzeit kann man damit nur Französisch lernen. In diesem Jahr soll die Beta-Version für Deutsch fertig werden.

Realeyes

Realeyes analysiert die Reaktion von Menschen, wenn sie sich Filme angucken, und hilft damit Großunternehmen, ihre Werbung zu optimieren. "Am Anfang haben wir uns noch das 'Google der Emotionen' genannt, jetzt haben wir den anderen Firmennamen weggelassen und nennen uns nur noch die 'Emotionen-Sammler'." Mihkel Jäätma hat den Sprung geschafft. Er sitzt mit seinem Start-up mittlerweile in London. Seine Analyse-Funktion wurde schon von Disney und Coca-Cola genutzt.

Was Estland für Gründer attraktiv macht

Estland bietet gute Voraussetzungen für Start-ups, denn das Land lockt mit einer überzeugenden digitalen Infrastruktur. Der Internetanschluss gehört zum Grundrecht, es gibt flächendeckend offene WLAN-Zugänge. Wer hier ein Start-up gründen will, braucht nur wenige Mausklicks. Durch die "E-Residency" ist fast alles online regelbar.

Die elektronische Identität kann jeder bei einem längeren Aufenthalt in Estland erwerben, egal ob EU-oder Nicht-EU-Bürger. Formulare werden digital unterschrieben, rund 95 Prozent der Esten nutzen elektronische Services.

"Estland hat in den vergangenen fünf Jahren alles dafür getan, um es Unternehmen so einfach wie möglich zu machen", sagt Marlon Dumas, ein Professor für Computer Engineering von der Universität in Tartu, Estlands Hochschulstandort. "Die digitale Struktur, die Größe des Landes und die einfache Steuerregelung nehmen den Gründern die Angst. Mit diesen Voraussetzungen wird es Tallinn unter die Top 5 der Start-up-Zentren in Europa schaffen."

Skypes Erfolg als Ansporn

Viele der neuen Gründer träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der des Messengers Skype, dem wohl bekanntesten Digitalprodukt aus Estland.

Momentan am besten läuft es beim Unternehmen Transferwise. Die Gründer haben einen Peer-to-Peer-Geldtransfer erfunden, dank dem weltweite Überweisungen günstiger als bei Banken sind. Die Idee hat sich bewährt. Seit dem Start 2011 wurden schon rund drei Millionen britische Pfund über die Plattform überwiesen.

Kristo Käarman und Taavet Hinrikus haben ihre Idee auf dem estnischen Markt getestet und sind dann weiter nach Großbritannien gezogen. 2013 wurden sie als erfolgreichstes Start-up in Europa ausgezeichnet.

Taavet Hinrikus hat vorher bei Skype als Strategiedirektor gearbeitet. Auch andere erfolgreiche Start-ups in Estland haben eine Verbindung zum Kommunikationsdienst, etwa das Startup Taxify, das eine Alternative zur Taxi-App Uber bietet.

Hashtag #estonianmafia

Estlands Start-up-Szene ist auch in den sozialen Netzwerken präsent, Gründer wie Unterstützer twittern unter dem Hashtag #estonianmafia. Nach Erfolgsmeldungen über estnische Unternehmen entsteht online oft die Diskussion, ob Estland als Land mit 1,3 Millionen Einwohnern als Silicon Valley von Europa bezeichnet werden kann.

Manche Gründer wie Ülane Vilumets von Like a Local, finden das übertrieben: "Der Vergleich ist für mich zu überspitzt. Estland oder besser gesagt der europäische Start-up-Markt ist viel zu konservativ. Hier läuft alles langsamer ab und hier gelten andere Regeln als in Amerika." Estland habe trotzdem eine besondere Rolle, findet Vilumets. Besonders das starke Netzwerk der Start-up-Szene sei ein Vorteil.

Die schnellen Erfolge estnischer Unternehmen locken mittlerweile auch Gründungswillige aus dem Ausland nach Tallinn. Immer mehr junge Menschen aus der Ukraine und aus Russland wollen die Hauptstadt und ihre Bedingungen als Sprungbrett für Berlin oder London nutzen.

"Estlands Markt hat sich für Ausländer generell immer weiter geöffnet", sagt Marlon Dumas, der die Start-up-Szene schon seit Längerem beobachtet. Zur gleichen Zeit habe sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine immer mehr verschärft, mit der Folge, dass junge Talente ihre Ideen lieber im Ausland umsetzen wollen. Und um seine Ideen zu präsentieren, gibt es ja genug Hackathons.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Emmi 14.03.2015
1. Estland - Alptraum für Frauen
Bei der ganzen Lobhudelei sollte man nicht vergessen, dass Estland das Land in Europa mit der größten Benachteiligung von Frauen bei der Bezahlung ist. Frauen verdienen 30% weniger als Männer! Einsame Spitze!
Paul Panda 14.03.2015
2. und noch mehr
Und was noch schön ist: Freundliche, gepflegte Menschen, kein Müll am Wegsrand und keine Graffitis in den Städten. Auf den Autobahnen kein Stau wegen der geringen Bevölkerungszahl - und riesige Grundstücke zu niedrigen Preisen und viel Wald. Nachteile: Stechmückenplage überall auf dem Lande. Man kann kaum vor die Tür wegen dieser Plagegeister. Auch die Preise für Nahrungsmittel und Konsumgüter sind recht hoch. Ein Muss für jeden Besucher: Tallins Altstadt sowie das dortige, relativ neue Museum im alten Uboothafen.
Andreasjilg 15.03.2015
3. Tolles Land, tolle Menschen.
Oft frage ich mich warum die das so gut hinkriegen und junge Leute in Frankreich, Iralien oder Griechenland eine Beamtenstelle beim Stast anstreben.
nikffm 15.03.2015
4.
Letztens auf einem deutschen Amt, wo ich sinnlos unnötige Anträge ausfüllen bzw. einreichen musste, habe ich in ca. 2h Wartezeit einen Artikel über E-Government-Lösungen in Estland gelesen, wo man Behördengänge online erledigt. Das sagt doch alles....
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