Estland: Tigersprung ins Drahtlos-Netz

In Estland gibt es mehr Handys als Einwohner. 1100 Hot Spots versorgen die Bevölkerung mit Drahtlos-Internet. Vorangetrieben hat die Entwicklung der ehemalige Ministerpräsident Mart Laar. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Wahlen im Netz und das Grundrecht auf kostenlosen Internetzugang.

SPIEGEL ONLINE: Herr Laar, in vielen Ländern scheitern städtische Drahtlos-Netzwerke. Warum funktioniert es gerade in Estland so gut?

Laar: Uns Politikern haben zum Glück ein paar Enthusiasten erklärt, was in Zukunft mit dem Internet möglich ist. Und wie die Bevölkerung davon profitieren kann. Außerdem ist es natürlich einfacher, innovative Ideen in kleineren Ländern umzusetzen, da weniger Entscheidungsträger überzeugt werden müssen. Freilich war auch eine ganze Menge Enthusiasmus mit im Spiel.

Mittlerweile ist das Internet in Estland enorm wichtig, weil es zu einer ganz alltäglichen Sache geworden ist. Hier ist es ganz normal, das Internet für E-Banking, die elektronische Steuererklärung oder zur Kommunikation zu benutzen. In Estland decken etwa 1100 Hot Spots rund 45.000 Quadratkilometer ab. Wir haben kostenlosen Zugang zum Netz zu einem Grundrecht der estnischen Bürger erklärt. In Büchereien, Schulen und anderen städtischen Einrichtungen gibt es freie Internetzugänge.

Auch auf Fähren, in Zügen und Bussen kann man online gehen. In abgelegenen Siedlungen, auf Bauernhöfen und in Parks gibt es drahtloses Internet. So ein landesweites Funknetz rechnet sich und kann deshalb, wenn nicht überall kostenlos, zumindest für jeden erschwinglich sein. In über die Hälfte aller estnischen Hot Spots kann sich jeder umsonst einwählen. Für den Rest bezahlt man ein bis zwei Euro pro Tag, zahlbar per SMS.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich von diesem Projekt versprochen?

Laar: Wir haben uns erhofft, der Bevölkerung das Internet näher zu bringen, damit sie Internetdienste benutzen und ein angenehmeres Leben führen können. Wenn man nicht viel Zeit mit Herumgerenne vergeudet, bleibt mehr Zeit für Heim und Familie. Außerdem verbraucht man weniger Benzin.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Laar: Wir sind schon ziemlich erfolgreich, müssen aber noch viel tun, damit Internetdienste benutzerfreundlicher werden. Estland ist heute eine hochgradig vernetzte Gesellschaft. Hier gibt es mehr Mobiltelefone als Einwohner. Parkscheine und Bustickets kaufen wir per SMS, wir stimmen online ab, Bürger können via E-Mail direkt mit Politikern in Kontakt treten, Steuern, Gesundheitswesen, Geldverkehr wickeln wir über das Internet ab.

Die massiven Cyberangriffe auf estnische Server haben aber auch deutlich gemacht, wie sehr unsere Bevölkerung bereits vom Netz abhängig ist. Deswegen sind Sicherheitsvorkehrungen wichtig, auch wenn wir sonst noch keine größeren Rückschläge zu vermelden hatten.

SPIEGEL ONLINE: In Estland arbeitet die Regierung praktisch papierlos, 2005 gab es die erste Onlineabstimmung. Öffnet so ein System nicht Hackern und elektronischer Manipulation Tür und Tor?

Laar: 2005 gab es die ersten Regionalwahlen, 2007 Parlamentswahlen im Netz. Unser Wahlsystem ist getestet und sorgfältig und sehr professionell aufgebaut. Die Frage ist viel mehr: Kann etwas, das nicht jeder gänzlich versteht, überhaupt vertrauenswürdig sein? Das ist eine psychologische, keine technische Frage. Kann man Menschen mehr vertrauen als einer Maschine? Bis jetzt hat es sehr gut und reibungslos funktioniert. Ich glaube, dass wir bei den nächsten Wahlen ein Vielfaches der heutigen Online-Wähler sehen werden.

SPIEGEL ONLINE: Hat Estland nicht dringendere Probleme?

Laar: Für die drahtlosen Netzwerke zahlt der Staat nichts, das sind vorwiegend kommerzielle Angebote. Manche werden jedoch von den lokalen Verwaltungen unterstützt. Mit den zwei Programmen – Küla Tee und Tiggrihüppe (Tigersprung) – brachten wir die estnischen Lokalverwaltungen und Schulen ins Netz, erklärten einen kostenlosen Internetzugang als Grundrecht und investierten zusammen mit estnischen Unternehmen über die "Look@World"-Stiftung rund 16 Millionen Euro in die Entwicklung und Verbreitung des Internets in Estland.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre nötig, um zum Beispiel in Deutschland ein vergleichbares Drahtlos-Netzwerk zu errichten?

Laar: Dazu müsste zunächst das Internet alltäglich für die Bevölkerung sein. Wenn es genug Nachfrage gibt, werden die Firmen entsprechende Dienste anbieten. Durch genug Wettkampf werden diese Angebote erschwinglich. Was solch einem Projekt normalerweise im Weg steht, sind mangelnder Wille oder zu wenig Mut. Ich bin mir sicher, dass die Deutschen das hinbekommen können. Schließlich bauen sie die weltbesten Autos, warum sollten sie also an einem Netzwerk scheitern? Just do it!

Interview: Felix Knoke

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.