Euthanasie-Tourismus Kambodscha sehen und sterben

Sterben, sagt der amerikanische Unternehmer Roger Graham auf seiner Webseite, die für Freitod-Reisen wirbt, müssen wir alle sowieso: Warum also nicht in Kambodscha? Nachdem dort im September eine Britin Selbstmord beging, steht Graham vor Gericht - wegen "Ehrverletzung" des Landes.


Am 7. September 2005 setzte die Britin Kim Walton in einem Gasthaus in Kampot, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Süden Kambodschas, ihrem Leben ein Ende. Neben ihr wurde ein Abschiedsbrief gefunden.

Friedlich fließt der Mekong: Freitod da, wo es erlaubt und landschaftlich schön ist?
AP

Friedlich fließt der Mekong: Freitod da, wo es erlaubt und landschaftlich schön ist?

So etwas ist traurig, selten ist es nicht. Allein in Deutschland töten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jedes Jahr über 11.000 Menschen selbst. Interessant für die Behörden wird es, wenn sie dabei Hilfe in Anspruch nehmen. Und Staatsanwälte horchen auf, wenn dabei auch noch Honorare fließen.

In Kampot bekam Roger Graham, der vor zwei Jahren aus Kalifornien nach Asien auswanderte, am 4. November Post vom Staatsanwalt. Graham hatte Kim Waltons Selbstmord gemeldet, doch das war es nicht, was die Aufmerksamkeit der Behörden auf ihn zog.

Denn seit etwas mehr als einem Jahr betreibt Graham eine Webseite, auf der er offen für ein Sterben im schönen Kambodscha wirbt. Zwar wirbt er nirgends offen für sich, verspricht keine aktive Hilfe beim Selbstmord. Seine Dienste beschreibt er hingegen so, dass er potentiellen Kandidaten bei der Suche nach einem idealen Ort helfen werde: Das Gros der Seite las sich dann auch wie ein handgestrickter Reiseführer zu den Schönheiten des Landes.

Nach Zahlung von "mindestens 25.000 Dollar" zugunsten einer kambodschanischen karitativen Organisation, die sich der Selbstmord-Reisende selbst aussuchen kann, verspricht Graham seinen Kunden ein "alternatives Ende-des-Lebens-Erlebnis". Was nicht bedeute, dass er "irgendwelche Schalter umlegen" werde: "Wenn Sie sich umbringen wollen, tun sie das zu Haus." Er weise nur auf sterbefreundliche Umfelder hin, führe seine Kunden zu "buddhistischen Klöstern und Pagoden".

Was auch immer das alles heißen, bedeuten und einschließen mag, könnte "mit zusätzlichen Kosten" verbunden sein, so seine Webseite.

Deren Name spricht Bände und ist der einzige unverblümte Hinweis auf die Art von Grahams Services, glaubt auch die Staatsanwaltschaft in Kambodscha: "Euthanisia in Cambodschia".

Der Begriff bezeichnet eine aktive Form der Sterbehilfe und gilt in Deutschland seit der Nazizeit als extrem belastet. Kambodschas Staatsanwälte nehmen ihn wörtlich: Für sie ist Grahams Webseite nicht misszuverstehen. Provinz-Gouveneur Puth Chandarith jedenfalls wirft Graham vor, über die Webseite Falschinformationen zu verbreiten, mit denen die Provinz Kampot diffamiert werde und die Ausländer dazu ermutigte, ihr Leben in Kambodscha zu beenden.

Chadarith gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: "Es ist zu spät, die Webseite einfach zu schließen. Wir werden den Fall vor Gericht verhandeln. Wir glauben, dass die Webseite durch ihre bloße Existenz die Ehre Kampots zerstört hat. Ob Graham am Ende das Land verlassen oder ins Gefängnis muss, liegt im Ermessen des Gerichts."

Beihilfe? Mitnichten: Ehrverletzung

Dass seine Webseite für ein Sterben nach Wunsch warb, bestreitet auch Graham nicht, der auf die Unausweichlichkeit des Todes verweist: Sterben müsste schließlich jeder. Warum also nicht dort, wo es schön ist?

Graham stellt sich dabei als wohlmeinender Helfer dar, dem auch das Wohl des Landes am Herzen liege: In Sachen Kambodscha wie Euthanasie ein Überzeugungstäter. Kambodscha sei sehr arm, zu einem Ziel für Euthanasie-Reisen zu werden, könnte ihm nutzen.

Davon ab, versicherte Graham der Online-Newssite Scoop, habe er "keinen Cent mit der Webseite verdient". Obwohl er noch ein Internetcafe in Kampot betreibe, sei er doch "so gut wie im Ruhestand". Graham: "Ich habe das nicht angefangen, um Geld zu verdienen. Ich mache das, weil ich daran glaube, dass ein Mensch ein Recht darauf besitzt, Zeitpunkt, Ort und Art und Weise seines Todes zu bestimmen."

Daran glaubt Graham nicht erst, seit er in Kambodscha lebt. Vor seiner Auswanderung lebte er in Paradise, Kalifornien, und versuchte dort, eine Verordnung zu erwirken, die einen "schmerzlosen Freitod" legalisiert hätte - und scheiterte. Nach seiner Übersiedlung nach Kambodscha, erklärt er auf seiner Webseite, habe er entdeckt, dass dort Euthanasie nicht grundsätzlich verboten sei. Tatsächlich wird vor Gericht Ende November wohl vor allem der Vorwurf verhandelt, Graham verbreite abträgliche Informationen über Kambodscha. Oder, wie Gouverneur Chadarith das so knapp sagt: Die Zerstörung der Ehre der Provinz Kampot.

Seit ihm das klar ist, schaltet Graham auf stur: Nachdem er zunächst seine Webseiten stillgelegt hatte, sind diese nun wieder online - wenn auch kräftig abgespeckt. Die eigentlichen "Serviceseiten" sind nicht mehr zu sehen. Der Webauftritt beschränkt sich auf eine erklärende Seite zum aktuellen Verfahren - gewürzt mit Buchtipps zum Thema Sterbehilfe.

Graham, sagt er, kann den ganzen Wirbel um seine Dienstleistung nicht verstehen - kaum eine Zeitung in Asien, die nicht darüber berichtete. Kambodscha, argumentiert er, sei im öffentlichen Bewusstsein doch bis heute mit den "Killing Fields" und den Massenmorden zur Zeit des Pol-Pot-Regimes verbunden. Was für eine schöne Änderung, wenn das Land künftig nicht mehr mit Genoziden, sondern mit sanftem, friedlichem, freiwilligem Tod verbunden werde.

Er selbst, versichert Graham, spiele dabei nur eine winzig kleine Rolle. Er persönlich habe niemandem bei einem Freitod geholfen. Um die 100 Personen hätten ihn als Reaktion auf seine Kambodscha-Seite um Rat gefragt, aber es habe kein einziges "Arrangement" gegeben.

Dem widerspricht die Schwester von Kim Walton. Sie behauptet, ihre Schwester habe über das Internet Kontakt mit einem Mann namens "Tola" gehabt und sei nach Kompat geflogen, nachdem sie - wahrscheinlich von ihm - erfahren habe, dass Euthanasie in Kambodscha nicht illegal sei. "Tola" ist ein Pseudonym von Roger Graham, das er im Internet benutzt. Roger Graham informierte auch die örtliche Polizei über Kim Waltons Freitod.

Für Graham steht all das womöglich in keinerlei Widerspruch. Die Art seiner Dienstleistung brachte er auf der alten, öffentlich nicht mehr sichtbaren Version seiner Webseite auf den Punkt: "Ich werde Ihnen helfen, das zu genießen, was von ihrem Leben bleibt. Ich werde Ihnen helfen, den richtigen Ort zu finden, an dem man ihre Leiche verbrennen wird. Ich werde mich um Ihre Asche kümmern."

Gesetze, glaubt Graham, habe er jedenfalls keine verletzt.

Frank Patalong



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